Buchtipp: "Traditionelle Chinesische Medizin" von Paul U. Unschuld

Erstellt von Michael Ditsch | | Gesundheit & Ernährung

Geschichte der Chinesischen Medizin von der Antike bis zur Gegenwart

Dieses Buch erläutert Ursprung und Geschichte der Chinesischen Medizin von der Antike bis zur Gegenwart. Es schildert ihre Entwicklung als Ideal eines Teils der kaiserzeitlichen Oberschicht und als Gegenentwurf zu dem bis in die Gegenwart weit verbreiteten Glauben an den Einfluss von Göttern, Ahnen und Dämonen. Es erläutert die schwindende Bedeutung dieser Medizin durch die chinesische Reformpolitik mit der Bevorzugung westlicher Wissenschaft im 20. Jahrhundert und beschreibt die kreative Rezeption so genannter Traditioneller Chinesischer Medizin in den westlichen Industrienationen seit den 1970er Jahren. © Bild und Text C.H. Beck. Traditionelle Chinesische Medizin, Paul U. Unschuld,  C.H. Beck, 2013

Kommentar

# Im Magazin Der Spiegel Ausgabe 31/2013 erschien ein sehr lesenswerter Artikel von Manfred Dworschak ("Religion ohne Erlöser" ab S. 96) über indische Spiritualität. Der provokante Untertitel lautete "Forscher enthüllen die wahre Herkunft der indischen Spiritualität: Die angeblich uralten Geisteslehren sind eine Erfindung der westlichen Moderne - und das gymnastische Yoga haben europäische Turner und Bodybuilder entwickelt." Hauptsächlich bezieht sich Manfred Dworschak auf die Forschungsergebnisse des niederländischen Anthropologen Peter van der Veer, Direktor am Göttinger Max-Planck-Institut zur Erforschung multireligiöser und multiethnischer Gesellschaften, des Heidelberger Indologen Axel Michaels oder des britischen Religionsforschers Mark Singleton (Buch "Yoga Body"). Auch der Mainzer Philosoph Thomas Metzinger wird zitiert. Sein Ansatz einer weltlichen Spiritualität gefällt mir sehr gut (siehe Link unten). Die Kernaussage des Artikels von Manfred Dworschak lautet: "Die uralte indische Spiritualität, wie sie jeder zu kennen glaubt, hat es nie gegeben." (S. 97) Vielmehr ist unser westliches Verständnis indischer Spiritualität das Produkt einer selektiven Auswahl und Transformation alter Traditionen, angepasst an westliche Bedürfnisse und westliche Vorstellungen. Sehr erstaunlich die Aussagen zu Yoga, welches derzeit einen globalen Boom erlebt. Nach Axel Michaels und Mark Singelton wurden europäische gymnastische Übungen nach Indien importiert und dort mit einem spirituellen Überbau versehen. "Der Westen wirkte also allseits mit an der Spiritualität aus dem Osten: als Lieferant von Vorbildern, als Veredler des Produkts - und als sein eigener Kunde." (S. 101). "Was heutige Inder für spirituell halten, ist jünger - und vor allem amerikanischen Ursprungs" (S. 101). "Jahrtausendealte Tradition" quasi als Reimport aus dem Westen.

# Begriffe wie "authentisch", "traditionell" oder "jahrtausendealt" werden auch für das Marketing chinesischer Künste verwendet. Für China gilt allerdings Ähnliches wie für Indien. Was wir heute im Westen für wahrhaft "chinesisch" halten, ist meist auch nur ein Produkt aus Prozessen interkultureller Transformation und westlicher Projektion.

# Paul Ulrich Unschuld, Pharmazeut, Sinologe und Medizinhistoriker, ist Professor und Direktor des Horst-Görtz-Stiftungsinstituts für Theorie, Geschichte und Ethik Chinesischer Lebenswissenschaften (HGI) der Charité in Berlin. In seinem Buch "Traditionelle Chinesische Medzin" (TCM) beschäftigt sich Paul Ulrich Unschuld mit der historischen Entwicklung der Medizin in China und der neuzeitlichen Rezeption im Westen. Das Buch bezieht sich zwar auf die TCM, aber die geschilderten Mechanismen, besonders die Veränderungen durch den westlichen Einfluss, lassen sich auch bei anderen chinesischen Künsten wie z.B. Taijiquan oder Qigong erkennen.

# Das Buch ist in zwei Teile gegliedert. Im ersten Teil "Die historischen Grundlagen" wird die  Entstehung der chinesischen Medizin vor gut zwei Jahrtausenden und die weitere Entwicklung während der wechselnden Kaiserdynastien beschrieben. Im zweiten Teil "Neuzeit und Gegenwart" widmet sich der Autor der gegenseitigen Beeinflussung von westlicher und chinesischer Medizin ab Beginn des 19. Jahrhunderts. Das zentrale Thema von Paul Ulrich Unschuld ist dabei die Verbindung medizinischen Denkens mit den jeweiligen gesellschaftlichen Lebensbedingungen, welche er auch schon in seinem hervorragenden Buch "Was ist Medizin? - Westliche und östliche Wege der Heilkunst" ausführlich dargelegt hat.

"Die grundlegenden Theorien über die Funktion des Organismus konnten aus der Beobachtung dieses Organismus allein nicht erwachsen. Das Bild, das sich der Mensch von seinem Körper macht, bedurfte stets eines Vorbildes außerhalb dieses Körpers." Was ist Medizin?, Paul U. Unschuld, Beck Verlag, 2012, S. 9

# Für Paul U. Unschuld ist die Reichseinigung, nach der Epoche der Kämpfenden Reiche (475 v. Chr. und 221 v. Chr.), durch den ersten chinesischen Kaiser Qin Shi Huang Di 秦始皇帝 ein wichtiges Ereignis für die Entstehung einer neuen chinesischen Medizin. Die neue effiziente staatliche Ordnung, welche Kaiser Qin Shi Huang Di dem Reich auferlegte, spiegelte sich auch in den damaligen philosophischen Schulen wieder, wie z.B. dem Legalismus, der Sozialphilosophie des Konfuzius 孔夫子, oder dem Daoismus. Allen Schulen gemeinsam war das Bestreben nach Wiederherstellung einer gesellschaftlichen Ordnung, welche in den Wirren der vorhergegangenen kriegerischen und traumatischen Epoche verlorengegangen war.

"Die neuen politischen Strukturen, die er nach nicht einmal zwei Jahrzehnten an der Spitze des geeinten China hinterließ, prägten sich allerdings derzeit nachhaltig in das Bewußtsein eines Teils der damaligen intellektuellen Elite ein, daß sie für eine lange Zeit auch die Sicht auf die Strukturen des menschlichen Organismus beeinflußten - der Körper glich dem Staat. Das Bemühen, den Körper in Gesundheit zu halten und aus Krankheit wieder zurück zu Gesundheit zu führen, sollte denselben Gesetzen folgen wie die Befriedung der Gesellschaft. Die damaligen Beobachter von Staat und Körper sahen in diesen beiden Bereichen keine Unterschiede. Für Regieren und für Therapieren verwendeten sie ein und dasselbe Wort: zhi 治, neutral zu übersetzen als 'ordnen'." S. 11

# Diese Neuausrichtung der Medizin nach einer definierten Ordnung bedeutete einen radikalen Bruch mit der bisher vorherrschenden Vorstellung des Ausgeliefertseins des Menschen an die Willkür von Ahnen, Dämonen, Geistern, Göttern oder dem Himmel. Allerdings konnten die antiken Glaubenssysteme und Begrifflichkeiten nicht einfach durch eine neue Lehre abgelöst werden. Die neuen Schulen verwendeten daher die vorhanden Begriffe und führten eine Neudefinition mit völlig gegenteiligen Inhalten durch.

"Ganz ähnlich ging eine als Yin-Yang-Schule bekannte kleine Schar von Philosophen vor, die sich aus der Macht der Geister zu befreien suchten. Sie behielten den Terminus für Geist, Götter, shen 神, bei und definierten ihn neu. Das geschah auf zwei verschiedene Arten. Zum einen wurden die Geister neu identifiziert, nicht länger als unsichtbare Wesen in der Umwelt des Menschen, sondern ganz konkret als die für den menschlichen Organismus lebensnotwendigen Faktoren Blut und Qi: 'Blut und Qi, das sind die Geister im Menschen. Sie muß man sorgfältig nähren!' Die wörtliche Übersetzung des Schriftzeichens Qi ist 'Speisedämpfe'. Damit waren ursprünglich die Atemluft oder die aus dem Enddarm entweichenden Gase ebenso gemeint wie die im Körper vermuteten Ströme von Dämpfen, die wie auch das Blut alle Regionen des Organismus durchziehen und deren Stau oder Gegenlauf oder auch übermäßiger Abfluß zu Kranksein führen. In den folgenden Jahrhunderten wurde der Begriff Qi mit immer neuen Bedeutungen gefüllt, so daß keine eins-zu-eins Übersetzung in einen passenden Terminus einer europäischen Sprache möglich ist." S. 17

"Die Vorstellung von einer 'Essenz' im Körper war der Versuch, von der terminologischen Nähe des Ausdrucks 'Geist' (shen 神) zu den vormaligen Vorstellungen von den Ahnen und Dämonen abzurücken und als Lebensgrundlage ein feinstmaterielles Substrat, eine 'Essenz' (jing 精), im Körper zu postulieren." S. 22

"Das Körperinnere war erfüllt von 'Kettfäden' – jing 经. Sie bildeten ein Kreislaufsystem – je eines auf der linken, der Yang-Seite, und auf der rechten, der Yin-Seite des Körpers. Die 'Kettfäden' waren freilich keine Fäden, sondern Leitbahnen, in denen Blut und Qi-Dämpfe strömten. Diese Leitbahnen waren für den menschlichen Organismus so wichtig wie Kettfäden für ein Gewebe – daher die Bezeichnung. Reißt ein Kettfaden, dann zerfällt das Gewebe. Die Leitbahnen im Organismus hatten die Funktion des neuen Verkehrswegenetzes im geeinten Reich." S. 29

# Eine wesentliche Folge des neuen Denkens und der Umdeutung der Begriffe war allerdings die Verlagerung der Verantwortung für die eigenen Gesundheit. Statt vom Wohlwollen oder der Willkür äußerer Mächte abhängig zu sein, lag die Verantwortung für sein Wohlergehen nun bei dem einzelnen Individuum.

"Die Natur folgt auf ihrem Weg, dao 道, einer Gesetzmäßigkeit und ist damit auch Vorbild für den Menschen. Er muß sich dieser säkularen Gesetzmäßigkeit einordnen, dann wird es ihm gut ergehen." S. 22

"Die Strafen der Ahnen oder Geister, die die Menschen auf Grund ihrer Willkürlichkeit in Furcht und Schrecken hielten, wurden in der neuen Denkweise durch die Strafen ersetzt, die automatisch – und das ist der Unterschied – immer dann verhängt werden, wenn die Gesetze der Natur verletzt werden." S. 23

"Die relationistische Welterklärung, die in der europäischen Antike nur ansatzweise entwickelt worden und dann zu Gunsten der analytischen Naturwissenschaft weitgehend in Vergessenheit geraten war, errang in China den Vorrang und blieb in den Theorien von Yin-Yang und den Fünf Phasen allen Seins über zwei Jahrtausende kulturbestimmend. Die relationistische Welterklärung geht davon aus, daß alle Phänomene, greifbar oder nicht, einer begrenzten Zahl von Kategorien zugeordnet werden können. In der Yin-Yang-Lehre sind dies zwei, vier, sechs oder zwölf; in der Fünf-Phasen-Lehre sind es fünf. […] Kennt der Mensch die Gemeinsamkeiten der Phänomene innerhalb einer Kategorie und die Beziehungen der Kategorien untereinander, dann wird ihm alles Werden, Wachsen, Reifen und Vergehen verständlich und er kann sein Leben danach ausrichten. Diese Theorien lassen erneut das lange währende Trauma der Zeit der Kämpfenden Reiche deutlich werden. Sowohl die Yin-Yang- als auch die Fünf-Phasen-Lehre spiegeln eine Weltanschauung von der Normalität der Gewalt, des Vernichtens, der Vorherrschaft und der Vergeltung, der Rache wider. Das war die Grunderfahrung der kriegerischen Vergangenheit; sie wurde durch die Natur bestätigt." S. 24

"Die Kehrseite der neuen Sicht auf das menschliche Leben, der Preis, den die existentielle Selbstbestimmung erforderte, war groß. Der leidende Mensch hatte nun niemanden mehr, den er für sein Leiden verantwortlich machen konnte, außer sich selbst. Die Eiseskälte, die von der legistischen ebenso wie von der konfuzianischen Soziallehre und später auch von dem aus Indien übernommenen Buddhismus ausging, da sie die Alleinverantwortlichkeit des Individuums ansprachen, markiert auch die antike chinesische Medizin. Die Regeln für das Überleben, die Richtschnur, der es sich anzupassen gilt, sind allen bekannt. Wer sich anpaßt, der überlebt. Wer zuwiderhandelt, den trifft die Strafe. So ist es nicht verwunderlich, daß auch der Körper, dessen Erhaltung die Aufmerksamkeit der Medizin zuallererst dienen sollte, in das neue Denken einbezogen und als regierbarer Organismus strukturiert wurde." S. 25

# Im weiteren Verlauf des ersten Kapitels beschreibt Paul Ulrich Unschuld die konkurrierenden medizinischen Schulen, deren Gegnerschaft z.T. sehr erbittert war, genauer und bezieht sich dabei auf philosophisch-religiöse und praktisch-medizinische Quellen. Mit Beispielen von, zum Teil sehr drastischen und abenteuerlichen, Behandlungsmethoden und Rezepturen wird die jeweilige Heilkunst erläutert. Sehr interessant sind die Berichte über Ärzte, die auch einen Blick auf die gesellschaftlichen Stellung von Heilkundigen offenbaren. Auch die Aussagen zur Akupunktur liefern ein anderes Bild als es gemeinhin im Westen üblich ist. Die Essenz des ersten Kapitels ist, dass es eine sogenannte "Chinesische Medizin" nie gab, sondern sehr vielfältige und teilweise gegensätzliche Therapieansätze zur Behandlung oder Vermeidung von Krankheit.

"Bemerkenswert ist auch, daß im Körper zwar Blut und Dämpfe, letztere sind die sogenannten Qi, als lebenswichtig identifiziert wurden, den Qi jedoch eine weitaus größere Bedeutung in Physiologie und Pathologie und somit  auch in der Behandlung zugemessen wurde. Das mit der neuen Medizin eingeführte neue Behandlungsverfahren der Akupunktur, für dessen Existenz in China es vor dem 2./1. Jahrhundert v. Chr. keine ernstzunehmenden literarischen oder archäologischen Beweise gibt, wurde zunächst vornehmlich zum Aderlaß verwendet. Überschüssiges Blut wurde durch die Öffnung der Gefäße mit spitzen Steinen und Stiften aus dem Organismus entfernt und damit auch pathogene Faktoren, die man im Blut verortete. Doch die Bemühungen, mittels Einstich oder auch Wärmeapplikation die Qi-Dämpfe zu beeinflussen, sind bereits deutlich erkennbar. Erst gegen Ende der Kaiserzeit, etwa im 17. Jahrhundert wurde die Akupunktur in ein weitgehend unblutiges Verfahren umgewandelt – eine Entwicklung, die dennoch die Abkehr der chinesischen oberen Gesellschaftsschicht von dieser invasiven Therapieform nicht verhindern konnte. Die sanftere Schub- und Zug-Massage ist seit dem Ende des 16. Jahrhunderts schriftlich belegt und trat in der Oberschicht das Erbe der Nadeltherapie an." S. 31

"Ein Jahrtausend lang blieb ein offenbar fast unüberwindlicher ideologischer Graben geöffnet zwischen der medizinischen Literatur mit dem Schwerpunkt einer Nadelungstherapie auf der Grundlage der relationistischen Theorien einerseits und der pharmazeutischen Literatur mit dem Wissen um eine im weitesten Sinne durch Erfahrung geprägten Arzneikunde andererseits." S. 40

"Zu keiner Zeit ist erkennbar, daß grundsätzlich neue Theorien von Menschen auf der Grundlage der Beobachtung des gesunden und/oder kranken menschlichen Organismus erdacht oder eingeführt wurden. Alle grundlegenden Theorien von Kranksein und Gesundheit sind seit jeher Projektionen von Ängsten und Zuversichten hinsichtlich einer größeren, allumfassenden Ordnung auf den menschlichen Organismus." S. 49

"Angesichts des sehr geringen sozialen Status berufsmäßiger praktizierender Ärzte und angesichts der weit verbreiteten Zweifel an deren Fähigkeiten waren heilkundliche Grundkenntnisse, insbesondere sogenannte Erfahrungsrezepte, die sich gegen bestimmte Leiden als wirksam erwiesen hatten, in allen Haushalten vorhanden. Einen Arzt zu bitten, das war nur die letzte Wahl aus Verzweiflung über die eigene Unfähigkeit einem Verwandten zu helfen." S. 58

"Ein Konzept der 'Selbstheilungskräfte', wie es in Europa erdacht wurde, findet sich in der chinesischen Medizingeschichte nicht." S. 70

# Im zweiten Teil seines Buches beschäftigt sich Paul U. Unschuld mit der Entwicklung der Medizin von der Neuzeit bis zur Gegenwart. Neben der Reichseinigung durch die Qin-Dynastie identifiziert der Autor die Konfrontation mit dem Westen im 19. Jahrhundert als ein weiteres tiefgreifendes Ereignis in der chinesischen Geschichte. Die militärischen Niederlagen und die Erkenntnis der eigenen Rückständigkeit gegenüber den industrialisierten Westmächten wurde in China als traumatische Demütigung empfunden, die bis heute im kollektiven Bewusstsein wirkt und auch Innen- und Außenpolitik bestimmt. Die revolutionären Umwälzungen nach Ende der Qing-Dynastie haben China sehr erschüttert und besonders das Verhältnis zur eigenen Tradition sehr verändert.

"Das bedeutet gleichzeitig, daß die eigene Wissenschaft in Frage gestellt und in fast jeder Hinsicht als nutzlos abgewertet wurde. Die Chinesische Medizin, an die zwei Jahrtausende lang die Erwartung geknüpft war, sie könne die Krankheiten der Chinesen heilen, wandelte sich nun zum Symptom und Symbol der Krankheit Chinas selbst." S. 78

# Da die eigenen Traditionen als wertlos erachtet wurden, orientierten sich die neuen chinesischen Eliten bei der Modernisierung des Landes an den Errungenschaften der westlichen Nationen. Nach der gewaltsamen Öffnung Chinas begann zu Beginn des 20 Jahrhunderts ein verstärkter Austausch bei Wissenschaft und Technik und natürlich auch bei der Medizin. Auf chinesischer Seite setzte sich die Erkenntnis durch, dass nur durch die Übernahme westlichen medizinischen Wissens die Gesundheit des eigenen Volkes gestärkt werden kann, um im Wettbewerb mit den westlichen Nationen bestehen zu können. Allerdings konnte die vorhandene chinesische Medizin nicht einfach ersetzt werden. Daher war das Ziel der neuen chinesischen Gesundheitspolitik durch Auswahl, Umgestaltung und Modernisierung eine eigenständige chinesische Medizin zu schaffen. Dabei spielten gesamtpolitische Überlegungen eine große Rolle und es war schließlich Mao Zedong selbst, der einen Kurswechsel bei der Entwicklung der chinesischen Medizin einläutete.

"Die chinesische Seite besaß ein großes Interesse daran, der Welt einerseits eine modernisierte Chinesische Medizin, abgekoppelt von all den Irrtümern und unwissenschaftlichen Elementen der Vergangenheit, zu bieten, und andererseits diese Medizin mit einer Bezeichnung zu versehen, die den Eindruck erweckte, es handele sich um eine Kontinuität einer jahrtausendealten spezifische chinesischen Heilkultur. Im Jahr 1955 führten diese Überlegungen zu der Einführung der englischen Bezeichnung Traditional Chinese Medicine, üblicherweise abgekürzt als TCM. Dieser Terminus ist allein für das Ausland geschaffen worden;" S. 89

"Es sollte freilich noch zwanzig Jahre dauern, bis zur Öffnung Chinas in der Reformperiode unter Deng Xiaoping, daß die Bezeichnung TCM sich weltweit als Markenname durchsetzte und zugleich das große Mißverständnis von der Gleichsetzung dieser TCM mit der vormodernen Tradition erzeugte, das in weiten Kreisen westlicher TCM-Anhänger bis heute nachwirkt." S. 89

"Tatsächlich und dies ist das Entscheidende, ist die Entwicklung der Chinesischen Medizin in der VR China kein Vorgang, der in irgendeiner Weise von Ärzten oder anderen Heilkundigen vorangetrieben wird, die aus persönlicher Beobachtung am Kranken oder wissenschaftlichen Studien den Fortgang der Kenntnisse betreiben. Die TCM ist, wie es bereits die deutsche Sinologin, Ärztin und Praktikerin der Traditionellen Chinesischen Medizin Barbara Volkmar, ausdrückte, ein 'systemisches Kunstprodukt' - ein willkürlich geschaffenes System aus Ideen und Praktiken, das nicht aus einer historischen Entwicklung heraus seinen heutigen Stand erreicht hat, sondern aus dem politischen Kalkül der Verantwortlichen in der VR China. Besonders deutlich wird dies an der Neuordnung der Akupunktur. Die Frage, ob es die seit Jahrtausenden beschriebenen 'Leitbahnen', in denen die Dämpfe (Qi) und das Blut fließen, überhaupt gibt und die Frage nach der Verortung der Einstichpunkte für die Nadeln wurden letztlich am grünen Tisch entschieden." S. 91

"Die westliche Medizin lebt gleichsam davon, ihre Therapien andauernd auf den Prüfstand zu stellen und, wenn erforderlich, gegen Neues, Besseres auszutauschen. Anders steht es mit dem Mythos 'Traditionelle Chinesische Medizin', Er basiert auf der Idee einer seit Jahrtausenden so vollkommen andersartigen und offenbar auch heute in ungebrochener Überlieferung anwendbare Heilkunde. Das ist schlicht unzutreffend - die Direktive Maos, das Sinnvolle und Nützliche 'auszugraben und zu bergen', traf den Punkt genau. Was das Sinnvolle und Nützliche ist, das es 'auszugraben und zu bergen' gilt, darüber gehen die Ansichten freilich weit auseinander." S. 97

# Sehr aufschlussreich ist das Kapitel 18 "Die kreative Rezeption im Westen" ab S. 100. Ähnlich wie im o.g. Artikel von Manfred Dworschak ("Religion ohne Erlöser") über indische Spiritualität, beschreibt Paul U. Unschuld wie durch die Übertragung chinesischer Konzepte in den Westen historische Tatsachen verdreht und umgedeutet wurden. Dabei fanden westliche Besucher erst gar nicht die historische chinesische Heilkunde vor, sondern das künstliche geschaffene Produkt TCM. Die Lehren der TCM wurden dann zusätzlich, durch individuelle Übersetzungen und phantasievolle Deutungen, den Wünschen und Sehnsüchten derjenigen angepasst, die mit der westlichen Schulmedizin unzufrieden waren und nach Alternativen suchten. Besonders hohe Altersangaben der TCM und die Verbindung zum Daoismus wurden als wesentliche Qualitätskriterien propagiert. Unter dem Begriff Daoismus werden in der westlichen Rezeption allerdings viele verschiedene Inhalte und Konzepte der chinesischen Philosophie, Religion und des Schamanismus zusammengefasst und es gibt daher sehr viel Spielraum für individuelle Interpretationen. Der Daoismus wurde dadurch zu einer Projektionsfläche für die unterschiedlichsten westlichen Heilserwartungen.

"Der Daoismus ist attraktiver in der kollektiven Gefühlswelt derjenigen Menschen im Westen verankert, die sich für alternative Lebensentwürfe begeistern können, als der Konfuzianismus. Folglich muß die TCM dem Daoismus verbunden sein." S. 102

# Viele Missverständnisse, Falschübersetzungen und Fehldeutungen lastet Paul U. Unschuld den westlichen Autoren an, welche die TCM im Westen populär gemacht haben. So soll besonders der Franzose Georges Soulié wesentlich zur Mythen- und Legendenbildung beigetragen und die westliche TCM dem chinesischen Original entfremdet haben.

"Zum einen benannte er die inneren Leitbahnen, in denen nach antiker chinesischer Auffassung die Dämpfe und das Blut fließen, als 'Meridiane' Das lag nahe, da er die chinesischen Figurenzeichnungen der Akupunktur gesehen hatte, auf denen die internen Leitbahnen auf der Außenseite des menschlichen Körpers wie die Meridiane auf dem Globus aufgezeichnet sind. Die Bezeichnung 'Meridiane' ist völlig unangebracht, aber sie hat sich fest eingebürgert." S. 106

"Die zweite, weitaus problematischere Erbschaft, die von Soulié de Morant in die Akupunktur und darüber hinaus in die TCM Eingang gefunden hat, ist die Definition des Konzepts Qi als 'Energie'. Ein Konzept einer 'Energie' - im strengen physikalischen oder weiteren umgangsprachlichen Sinn - ist nirgendwo in der chinesischen medizinischen Theorie zu erkennen.Viele Bedeutungen sind im Laufe der Zeit mit 'Qi' assoziiert worden, aber Qi mit 'Energie' gleichzusetzen, das ist eine europäische Projektion, die freilich in China gerne angenommen wurde, ließ sie die TCM doch als in moderner Wissenschaft verankert erscheinen." S. 107

# Nach der Öffnung Chinas im Jahre 1972 (China Besuch von US-Präsident Nixon) kamen westliche Besucher mit der offiziellen TCM in Berührung und brachten Ihre persönlichen Erfahrungen und Eindrücke zurück nach USA und Europa. Viele westliche Autoren, die Bücher über die TCM schrieben, hatten aber keine Kenntnisse über die reale medizinische Praxis oder die Geschichte der Heilkunde in China und meist es mangelte auch an ausreichenden Sprachkenntnissen. Aber gerade diese Autoren, genannt werden z.B. Ted Kaptchuk und Manfred Porkert, formten maßgeblich das Bild der TCM im Westen. Im Zuge der Verwestlichung der TCM bildeten sich auch verschiedene Schulen mit unterschiedlichen Auslegungen.

"Die umgangssprachlichen Bilder, die für das Verständnis der Verhaftung der antiken chinesischen Medizin in ihrem politisch-strukturellen Kontext so wichtig sind, verschwanden in für die meisten seiner Leser abstrakten Worten. Porkert leistete damit einen wesentlichen Beitrag zu der Entfremdung der Chinesischen Medizin aus ihrem ursprünglichen kulturellen Umfeld. Zum zweiten trug er auch, auf Grund einer mangelnden Einsicht in die metaphorische Bedeutung der ursprünglichen Terminologie, zu einer fehlerhaften Deutung bei, …" S. 109

"Abgelöst von der historischen Realität ist die TCM im Westen in vieler Hinsicht ein Glaubenssystem unterschiedlicher Exegetik geworden." S. 111

"Die Anhänger der verschiedenen Auslegungen bringen ihre Weltanschauung und Vorlieben jeweils auf Grund persönlicher Zufälle der Begegnung mit Anregungen und Ausbildungsinhalten ein. Das Spektrum ist breit." S. 111

# In Kapitel 19 "Die Versachlichung der Diskussion - Chance und Herausforderung" (ab S. 113) gibt Paul U. Unschuld einen Überblick über die aktuelle Situation von Schulmedizin und TCM in Deutschland. Dabei betrachtet er auch die Schulmedizin kritisch und sieht einen Grund für die Hinwendung zu alternativen Heilverfahren in einer emotionslosen und kommerziell orientierten westlichen Medizin. Die Hinwendung zur einer antiken chinesischen Medizin bezeichnet Paul U. Unschuld als Illusion, da die sozialen und kulturellen Grundlagen für eine realistische Ausführung dieser Medizin nicht mehr gegeben sind. Letztlich sind auch Sprache und Terminologie der chinesischen Medizin eine große Barriere. Bei einer objektiven Betrachtung müssen auch unzutreffende Begrifflichkeiten, wie z.B. die oft angeführte Ganzheitlichkeit der TCM, korrigiert werden. Die meist dogmatisch und weltanschaulich geführten Debatten lehnt Paul U. Unschuld ab und plädiert für eine realistische Sichtweise, bei der das Wohl der Patienten im Mittelpunkt steht.

"Zu den Gegebenheiten, die für eine sachliche Diskussion ebenfalls anzuerkennen sind, zählen auch die Mythen von der TCM als 'natürlich, ganzheitlich, sanft, jahrtausendealt.' Diese Mythen haben sich im Westen festgesetzt und treffen doch in keiner Weise zu." S. 116

"…; die kreative Rezeption hat diese Medizin zwar einem Verlangen vieler sensibler Menschen in den westlichen Industrienationen nach Harmonie und Frieden angepaßt, aber 'chinesisch' ist diese Medizin in dieser Aneignung nicht geblieben. Sie war ein kulturelles Produkt in China, und sie ist ein 'systemisches Kunstprodukt' in ihrer westlichen Adaption - dieses als 'natürlich' zu bezeichnen, liegt weit ab von der Wirklichkeit. Insbesondere die angebliche Ganzheitlichkeit zog die Aufmerksamkeit vieler zivilisationsmüder Bürger der westlichen Industrienationen an, die sich unbewußt oder bewußt nach Gegenmitteln für die zunehmende soziale und kulturelle Zerklüftung der Gesellschaft sehnten." S. 118

"Die historische Chinesische Medizin hat diese 'Ganzheitlichkeit' nie so ausgeprägt umgesetzt. Ein historischer chinesischer Terminus für 'Ganzheitlichkeit' existiert in der Chinesischen Medizin nicht; es ist ein westliches Konstrukt." S. 118

"Auf den hier angedeuteten und anderen Mythen haben in den vergangenen Jahrzehnten viele von der TCM begeisterte Ärzte und Heilpraktiker ihr Wirken aufgebaut." S. 121

"In den 1970er und 1980er Jahren nahm die noch weitgehend weiße Folie der historischen Chinesischen Medizin Vorstellungen auf, die sich aus der Unzufriedenheit eines Teils der Bevölkerung westlicher Industrieländer mit der westlichen Medizin heraus gebildet hatten. Diese Projektionen angeblicher Eigenschaften der TCM sind nichts anderes als Hinweise auf Schwächen und Defizite der westlichen Medizin, die zu denken geben sollten." S. 121

"Ein unbefangenerer Umgang mit den Vorteilen des schulmedizinischen Ansatzes und den bewahrenswerten Anteilen der chinesischen Medizingeschichte wird vielleicht eine neue Medizinkultur hervorbringen. In der wäre dann das Wohl der Patienten und nicht die Durchsetzung einseitiger Ideologien der Maßstab aller Therapien." S. 122

# Die oben genannten Ausführungen bezüglich der Wechselwirkung bei der Rezeption chinesischer Künste im Westen lässt sich auch gut auf das Tai Ji Quan übertragen. Liest man gängige westliche Literatur, Websites, oder Beschreibungen von vhs Kursen, könnte man zum Schluss kommen, dass Tai Chi (meist statt Tai Ji Quan verwendet) das östliche Allheilmittel für alle Wehwehchen unseres westlichen Lebensstils ist. Selten und meist ganz verschämt wird darauf hingewiesen, dass Tai Chi eigentlich eine Kampfkunst ist. Diese "böse" Tatsache wird dann aber sofort wieder relativiert, um Tai Chi als "gute" Heilslehre besser vermarkten zu können. Im Gegensatz zu anderen Kampfkünsten, muss man sich daher beim westlichen Tai Chi erst durch einen Wust von esoterisch-pseudophilosophischen Belehrungen durcharbeiten. Befriedigt wird damit aber nur die Sehnsucht nach asiatischer Exotik, die bei manchen Menschen durch die Frustrationen des westlichen Alltags geweckt wird.

# Wenn ich mich mit einem Thema, wie z.B. der Kampfkunst Tai Ji Quan (Quán 拳‚die Faust, das Boxen), beschäftige, suche ich immer die Essenz, den Kern, den eigentlichen Zweck oder das Wesen der jeweiligen Sache. Was ist nun der wesentliche Sinn und Zweck der Kampf- und Kriegskunst Tai Ji Quan, wenn der ganze Ballast aus Marketing, Mythen und Märchen entfernt wird? Sehr gut kann dies an der Funktion des Schwertes, das Jian 劍 gehört ja auch zum Kampfkunstsystem Tai Ji Quan, gezeigt werden. Auch das Schwert umgibt ein Nebel aus Mythen, Symbolik und Folklore, welchen es erst einmal zu lichten gilt. Dann stellt sich die Frage, wozu ein Schwert eigentlich zu gebrauchen ist? Für das Umgraben des Gartens oder zum Butterbrote machen ist ein Schwert vollkommen ungeeignet. Letztlich haben Design und Konstruktion eines Schwertes nur den Zweck einem Menschen Schaden zuzufügen. Dies gilt für Waffen allgemein. Ob offensiv oder defensiv, falls das überhaupt unterscheidbar ist, die Anwendung einer Waffe führt immer zu körperlichen Einwirkungen. Durch das Praktizieren einer Kampfkunst, mit oder ohne Waffe, werden Fähigkeiten entwickelt, um einen Gegner kampfunfähig zu machen. Sehr deutlich sollte auch zwischen Kampfsport und Kampfkunst unterschieden werden. Beim Kampfsport wird durch Regeln und Kampfrichter ein fairer und verletzungsfreier Wettbewerb zweier Sportler ermöglicht. Bei der Kampfkunst gibt es keine Regeln und keine Fairness. Beim "spielerischen" Üben (zur Verharmlosung wird oft der Begriff "Taiji-Spieler" verwendet) von Tai Ji Quan geht auch das Verständnis für die tatsächliche Anwendung verloren. Den Unterschied zwischen dem Üben einer Kampf- und Kriegskunst und der realen Ausführung haben unsere Soldaten in Afghanistan erlebt. Nach den ersten Kampfhandlungen mit Toten und Verwundeten wurden Wesen und Essenz der Kampfkunst sehr schnell sichtbar: Die eigene Unversehrtheit und die Kampfunfähigkeit des Gegners. Egal auf welche Weise die traditionelle chinesische Kampfkunst Tai Ji Quan zur Gesundheits- und Bewegungskunst oder Heilslehre umgedeutet wird, das Wesen bleibt erhalten. Auch in jedem Haushund steckt schließlich immer noch der Wolf.

# Die schlichte Wahrheit ist selten "edel", "erhaben" oder "heilig", aber sie wirkt befreiend, der Ballast fällt ab.

"Die Wurzeln des Taijiquan in der Kriegskunst lassen sich ganz unabhängig vom Einsatz von Waffen demonstrieren. Bei den Vorläufern relevanter Praktiken des Taijiquan handelt es sich um militärische Trainingsmethoden, die wenigsten bis in die Bronzezeit zurückverfolgt werden können. […] Darüber hinaus lassen die Körpermechanik und Prinzipien des Taijiquan klar erkennen, dass es sich hier um ein System handelt, das ursprünglich für den ernst gemeinten Nahkampf gedacht war." Dr. Jan Harloff-Puhr, Taijiquan als Kampfkunst, in: Taijiquan & Qigong Journal (2013) Nr. 4, S. 50

Buchtipp: "Traditionelle Chinesische Medizin" von Paul U. Unschuld