Buchtipp: "Wege zur Weisheit" von Hanne Tügel

Erstellt von Michael Ditsch | | Spiritualität & Lebenskunst

Der Traum vom richtigen Leben

Der Traum vom richtigen Leben und wie man ihn verwirklicht. Weisheit lässt sich nicht erlernen wie eine Fremdsprache, man kann sie nicht herbeizwingen und man bekommt sie nicht verliehen wie eine Auszeichnung. Und doch gibt es Wege, dem Schicksal gelassen, achtsam und mit Humor zu begegnen. Die Wissenschaftsjournalistin Hanne Tügel hat sich aufgemacht, die vielfältigen Vorstellungen und Lehren des hohen Ideals Weisheit zu ergründen und sie auf ihre Alltagstauglichkeit hin zu prüfen. Ob Buddhismus, Philosophie oder die Traumzeit der Aboriginies, neugierig erkundet sie die vielfältigen Konzepte, mit denen sich Menschen seit Jahrtausenden Einsicht erhoffen und sieht sich an, wie sie uns dem Traum vom richtigen Leben näher bringen. Dabei begegnet sie u.a. Neurowissenschaftlern, Caféhausphilosophen, Musikern, Dichtern und Weisheitsforschern - eine spannende Reise, die uns alle ein Stück weiser macht. © Bild und Text Fischer. Wege zur Weisheit, Hanne Tügel, Fischer, 2011

Kommentar

Das Buch "Wege zur Weisheit" von Hanne Tügel habe ich gekauft, weil mir beim Durchblättern die Überschrift des 7. Kapitels besonders aufgefallen ist:

"Die Empfehlung von Daoisten, Mystikern und Faultieren an den Rest der Welt: Zu viel Tun ist ungesund. Welche Bedeutung die Versenkung und die Kunst des Wu wei für Weisheit haben" und weiter "Faultiere - die heimlichen Daoisten der Wildnis"

Faultiere und Daoismus? Dieses Buch musste ich lesen. Und tatsächlich, zu meiner Freude begegnen mir Laozi und das Daodejing schon im ersten Kapitel mit der Überschrift: "Wer weiß, redet nicht. Wer redet, weiß nicht. Die Weisheit als Paradox - einfach und geheimnisvoll; leicht zu erkennen, schwer zu erringen". Laozi, Faultierqualitäten und Wu wei werden öfters erwähnt. Allerdings geht es in dem Buch nicht nur um den Daoismus, sondern um eine facettenreiche Annäherung an den schwierigen Begriff Weisheit.

Der Untertitel des Buches "Der Traum vom richtigen Leben" hat mich dann wieder stutzig gemacht. Ein "richtiges" Leben? Kann es das überhaupt geben? Was wäre der Maßstab für ein "richtiges" Leben und wer würde ihn festlegen? Aber Hanne Tügel tappt nicht in die Falle mancher "Lebensberatungsbücher" und verschont den Leser mit Tipps und Ratschlägen für das "richtige" Leben, was immer das auch sein mag. Stattdessen schreibt Sie, sehr offen und ehrlich, schon im Prolog: "Eine letztgültige Antwort, der 'Weisheit letzter Schluss', ist auf den folgenden Seiten nicht zu finden." S. 15

Diese Offenheit und Ehrlichkeit von Hanne Tügel ist die große Stärke dieses Buches: "Seit gut 5000 Jahren geistert der Begriff der Weisheit durch die Weltgeschichte, ohne das die Gelehrten sich darauf einigen können, wie man ihn eingrenzen kann." S. 17 Die Autorin versucht daher erst gar nicht eine eigene Interpretation des Begriffes zu liefern. "Statt eindeutiger Analysen sind in diesem Buch deshalb eher Anregungen, Annäherungsversuche, Anekdoten zu erwarten." S. 18

Und so nimmt die Autorin den Leser mit auf eine spannende Reise durch die Menschheitsgeschichte und betrachtet dabei den Begriff der Weisheit aus den unterschiedlichsten Blickwinkeln. Ihre Auswahl ist sicher subjektiv und unvollständig, aber neben den üblichen "Weisheitsverdächtigen" wie z.B. die griechischen Philosophen, werden auch weniger bekannte Aspekte aufgezeigt. Wissenschaftliche Ansätze wie das "Defining Wisdom" Forschungsprojekt, Erkenntnisse der Bewusstseinsforschung von Antonio Damasio bis Gerhard Roth, der Weisheitstest von Monika Ardelt, die Bedeutung des Leibes und der Frauen für die Weisheit, der Polylog der Kulturen, oder die Rolle der Kunst.

Sehr gut gefällt mir der kritische und distanzierte Blick, den Hanne Tügel stets beibehält. Die euphorische Idealisierung mancher Weisheitsjünger liegt ihr fern.

"Auch exotische Gurus mit mildem Lächeln und wohlklingenden Belehrungen bleiben Menschen. Es liegt Dummheit und Gefahr darin, bei der Begegnung mit ihnen den kritischen Verstand auszuschalten. Ergebnis ist nicht nur eine persönliche Enttäuschung, wenn das Idol sich als Zerrbild eigener Projektionen entpuppt. Fast noch tragischer ist der psychologische Effekt: Die eigenen Bemühungen lassen nach, wenn man einen Meister so sehr vergöttlicht, dass die Distanz zu ihm unüberbrückbar erscheint." S. 235

Kritisch sehe ich manche Ansätze von Hanne Tügel, wenn sie den Begriff der Weisheit mit sogenannten "guten Taten" in Verbindung bringt. Gutmenschentum und Weltverbesserung muss nicht unbedingt Weisheit als Motiv zugrunde liegen. Manche gute Tat entsteht auch aus Schuldgefühlen oder schlechtem Gewissen. Auch das Ergebnis bleibt letztlich eine Frage der Bewertung. Oder frei nach Goethes Faust: "Ich bin ein Teil von jener Kraft, die stets das Gute will und stets das Böse schafft."

Originell finde ich den Epilog: "Wie würden die Weisen von früher heute leben? Hätte Sokrates einen Twitter-Account mit Hunderttausenden von 'Followern'? Würde Jesus mit dem Buddha gemeinsame Sache machen? Wäre Konfuzius Wikipedia-Autor? Wäre Laozi nach der Emigration in ein spirituelles Ökodorf wie das englische Findhorn gezogen?" S. 297
Trotz der Fülle der Erkenntnisse bleibt Hanne Tügel bescheiden: "Über Weisheit zu recherchieren, macht nicht weise" S.297
Lobenswert ist die gute Aufmachung des Buches mit ausführlichen Anmerkungen und gutem Literaturverzeichnis.

Hanne Tügel hat ein sehr schönes und weises Buch über die Weisheit geschrieben. Verständlich, dass der Leser darin keine Antworten findet. Das Leben bleibt ein Mysterium.

Buchtipp: "Wege zur Weisheit" von Hanne Tügel