Buchtipp: "Wenn die Zeit stehen bleibt" von Marc Wittmann

Erstellt von Michael Ditsch | | Körper & Psyche

Kleine Psychologie der Grenzerfahrungen

Außergewöhnliche Bewusstseinserfahrungen sind vom Mainstream der Naturwissenschaften lange Zeit ignoriert oder gar als Spinnerei verunglimpft worden. Das beginnt sich zu ändern. Der Neuropsychologe Marc Wittmann zeigt in seinem neuen Buch, wie Erlebnisse, die das Alltagsverständnis unseres Selbst erschüttern, dazu beitragen, das Rätsel unseres Bewusstseins zu entschlüsseln. Rauschzustände, Schrecksekunden, außerkörperliche Erfahrungen und Nahtoderlebnisse führen uns an die Grenzen unseres Bewusstseins. Fortgeschrittene Meditierende verlieren während der Meditation gar das Gefühl für Zeit. Aber auch bei seelischen Störungen wie der Depression oder der Schizophrenie bleibt die Zeit mitunter stehen, und diese Erlebnisse sind ein Schlüssel zum Verständnis der Erkrankung. Die empirischen Befunde und konzeptionellen Erkenntnisse Marc Wittmanns lassen uns staunen über die Funktionsfähigkeit unseres Gehirns sowie die Entstehung und die Bedingungen des menschlichen Bewusstseins. Bild und Text C.H.Beck. Wenn die Zeit stehen bleibt - Kleine Psychologie der Grenzerfahrungen, Marc Wittmann, C.H.Beck, 2015

Kommentar

# Zum Thema Geist<->Körper stöbere ich regelmäßig im Web und im Buchhandel nach interessanten Artikeln und Büchern. Den Titel "Wenn die Zeit stehen bleibt - Kleine Psychologie der Grenzerfahrungen" des neuen Buches von Marc Wittmann fand ich sehr interessant. Und der Text auf der Umschlagrückseite "Die Grenzen unseres Bewusstseins: Über Drogen und Meditation, Schrecksekunden und Nahtoderfahrungen" hat mich sehr neugierig gemacht. Marc Wittmann ist Psychologe und Humanbiologe und arbeitet am Institut für Grenzgebiete der Psychologie und Psychohygiene in Freiburg. Er forscht im Bereich Zeitempfinden und Zeitwahrnehmung, u.a. an der Universität von Kalifornien, San Diego. Bevor ich auf den Inhalt des Buches weiter eingehe, möchte ich auf den Epilog von Marc Wittmann ab Seite 119 hinweisen. Hier spricht der Autor ein Thema an, welches mir oft selbst begegnet. Die Beschäftigung mit Geist<->Körper Themen wird in der akademischen Welt meist als unseriös und unwissenschaftlich betrachtet.

"Allerdings sind außergewöhnliche Bewusstseinserfahrungen vom Mainstream der Naturwissenschaften lange Zeit ignoriert oder explizit als nicht existent - als Phantasmen von Spinnern - verunglimpft worden." S. 119

# An der Hochschule Weihenstephan-Triesdorf biete ich im Rahmen des Gesundheitsmanagements Taiji-Qigong Kurse an. Ein Kollege, der sich auch meine Website angeschaut hatte, meinte kürzlich zu mir, das dies ja alles nur "Esoterik" sei. Immer wieder bin ich erstaunt, wie weit das Schubladendenken auch in akademischen Kreisen verbreitet ist. Ein Urteil ist schnell gefällt und erspart die Mühe einer differenzierteren Auseinandersetzung mit einem Themengebiet. Bedingt durch meine intensive Beschäftigung mit asiatischen Inneren Künsten verfolge ich schon seit Jahren die Entwicklung der Geist<->Körper Thematik in der westlichen Wissenschaft. Sehr problematisch finde ich bei Diskussionen in diesem Bereich die Verwendung von nicht oder ungenau definierten Begriffen. Bei Spektrum.de z.B. wurde kürzlich in einem Artikel über Willensfreiheit (Link s.u.) vom Autor nicht ein einziges Mal eine Definition seines Verständnisses des Begriffes geliefert. Gerade bei der zum Teil unsäglich und oft dogmatisch geführten Debatte über das menschliche Geist<->Körper System wäre die Klärung der verwendeten Begriffe ein Segen. Immer wieder wird, besonders von Vertretern aus dem MINT Bereich des Wissenschaftsbetriebes, die Geist<->Körper Forschung mit dem Argument kritisiert, dass dies keine wirkliche Wissenschaft sei. "Wissenschaft" ist allerdings auch wieder so ein Begriff, der meist nicht weiter definiert oder hinterfragt wird. Die geforderte "Wissenschaftlichkeit" ist aber meiner Meinung nach nicht eine Frage des Forschungsgebietes, sondern der verwendeten Methode. Letztlich können alle Phänomene dieser Welt wissenschaftlich untersucht werden. Vertreter des Wissenschaftsbetriebes übersehen auch, dass sie, als Teil einer sozialen Gemeinschaft, meist selbst blind sind für "unwissenschaftliche" Entwicklungen in ihrem Bereich. Glaube und Dogmatismus finden sich nicht nur bei religiösen Institutionen und der Zwang zu Wettbewerb und Ökonomisierung hat in der Forschung zu merkwürdigen Entwicklungen geführt, wie man z.B. beim Publikationsbias (Link s.u.) sehen kann. Gerade die Physik wird ja, als Krone der Wissenschaft, teilweise mystisch überhöht und quasireligiös verehrt, wie der Hype um das "Gottesteilchen" Higgs-Boson gezeigt hat. Aber auch Wissenschaftler müssen sich heutzutage vermarkten und Geld für die Finanzierung ihrer Forschungsprojekte auftreiben. Für einen ernüchternden Blick auf den tatsächlichen Stand naturwissenschaftlicher Erkenntnis empfehle ich daher das Buch "Auch Physiker kochen nur mit Wasser" von Rolf Heilmann.

"Physik hat genauso ihre Grenzen wie die Religion. Die Grenzen sind zwar unterschiedlicher Natur, aber sie sind vorhanden. Wissenschaft und Religion basieren letztendlich auf Annahmen, anders ausgedrückt auf 'Glauben' an unbeweisbare Aussagen. Das Problem der nicht weiter hinterfragbaren Sachverhalte trifft jedoch alle Wissenschaften." Auch Physiker kochen nur mit Wasser, Rolf Heilmann, Herbig, 2015, S. 74

# Das Buch von Marc Wittman bietet einen Überblick über den derzeitigen Stand seines Forschungsgebietes. Sehr wohltuend empfinde ich dabei, dass der Autor auf ideologische oder dogmatische Spekulationen verzichtet und kurz und sachlich seinen Wissenstand und die Forschungsergebnisse darstellt. Weitere Schlussfolgerungen und Bewertungen bleiben dem Leser überlassen. Umfangreiche Anmerkungen und Literaturhinweise am Ende des Buches bieten die Möglichkeit zur weiteren Vertiefung.

"Das Thema dieses Buches ist die enge Verknüpfung von Ich-Bewusstsein und Zeitbewusstsein. In außergewöhnlichen Bewusstseinszuständen - Schrecksekunden, der Meditation, bei spontanen mystischen Erlebnissen, in Nahtoderfahrungen, unter Drogen - ist das Zeitbewusstsein stark verändert. Damit einher geht ein verändertes Raum- und Ich-Bewusstsein. Zeit, Raum- und Ich-Vorstellung werde in diesen extremen Zuständen gemeinsam moduliert - gemeinsam intensiviert oder abgeschwächt. Aber auch in eher gewöhnlichen Zuständen wie der Langeweile, des Flow-Erlebens und der Muße sind Zeit und Ich gemeinsam verändert. Schließlich zeigen klinische Untersuchungen in der Psychiatrie und Neurologie sowie Studien der grundlegenden Hirnforschung, wie die Vorstellungen von Körper, Ich, Raum und Zeit eine Einheit bilden." S. 12

# Meditation, Nahtoderfahrungen, mystische Erlebnisse? In der Tat wäre es vor Jahren undenkbar gewesen, dass diese Themen einmal Gegenstand westlicher Forschung sein werden. Bedauerlich finde ich dabei, dass der reiche Schatz fernöstlicher Bewusstseinskultur kaum Beachtung findet. Gerade im Bereich des Hinduismus, Buddhismus oder dem Daoismus gibt es schon seit Jahrtausenden Erfahrungen mit den verschiedensten Bewusstseinszuständen. Über einige Fortschritte bei der Integration asiatischer Bewusstseinstechniken in die westliche Forschung berichtet Marc Wittmann in seinem Buch. Denn die Frage "Wer bin ich?" beschäftigt den Menschen wahrscheinlich schon seit dem Zeitpunkt seiner Selbstbewusstwerdung und besonders in den östlichen Kulturen wurden sehr viele Versuche unternommen, um dieser Frage auf den Grund zu gehen. Bei einigen Erläuterungen von Marc Wittmann musste ich daher oft an den Zhuangzi (Link s.u.) oder an Texte von Nisargatta Maharaj (Advaita Link s.u.) denken.

"Wie schon René Descartes ausführte, kann ich halluzinieren oder träumen, eine Welt kann mir vorgegaukelt werden, aber ich bin es doch, der das halluziniert oder träumt. Ich bin es, der sich täuscht oder der getäuscht wird. Dabei bin ich meiner selbst stets gewiss. Am Beispiel des Erwachens zeigt sich, dass die Erinnerung, autobiographische Gedächtnis, vorhanden sein muss, damit ich weiß, wer ich bin." S. 8

"Das Ich setzt sich nach diesen Aufführungen aus der Erinnerung zusammen. Dieses Ich wird häufig als narratives Selbst bezeichnet, das sich aus den Geschichten zusammensetzt, die wir über uns erzählen. Aber es gibt auch ein Ich-Gefühl, das ohne autobiographisches Wissen als 'das bloße Seinsgefühl' existent ist. Dies ist das minimale Selbst oder 'Kern-Selbst'. In den Sekunden des Erwachens, da sich das narrative Selbst nicht aktualisiert, ist das Bewusstsein dennoch auf etwas ausgerichtet: Es ist das körperliche Selbst, das im Zentrum der Wahrnehmung und des Denkens ist, das die Unterscheidung zwischen Ich und Nicht-Ich ermöglicht. Wir sind uns normalerweise unserer Erlebnisse, Erinnerungen und Erwartungen bewusst, den Objekten unseres Bewusstseins. Untergründig aber haben wir auch ein minimales Selbst, der egozentrische Anker aller Erfahrung, der in der geschilderten Situation des erinnerungslosen Erwachens auf einmal prononciert erlebt wird, da die gewöhnlichen Objekte unseres Bewusstseins, Wahrnehmungen und Erinnerungen, fehlen. Ich bin auf mich selbst zurückgeworfen." S. 9

"Das Ich-Erleben kann dabei als 'Ich-Pol' verstanden werden. Mein 'Ich-Subjekt' ist auf ein 'Ich-Objekt' ausgerichtet: Ich nehme mich war. Dabei gibt es aber ein grundsätzliches Problem, da das Ich-Objekt grundsätzlich etwas anderes ist als das Ich-Subjekt. Wenn wir uns selbst-referentiell beobachten, also das Ich-Subjekt sich selbst beobachtet, beobachtet es sich immer als Ich-Objekt." S. 10

# Aus der Fülle der beschriebenen Themen möchte ich nur einige ansprechen. Natürlich ist das ganze Buch sehr lesenswert und sehr interessant, aber zu Meditation oder Achtsamkeit habe ich einen direkteren Bezug als z.B. zu Drogen oder psychischen Erkrankungen. Faszinierend finde ich, wie Marc Wittmann Zeit, Körper und Wahrnehmung zueinander in Beziehung setzt. Sein Hauptforschungsgebiet ist das Zeitempfinden und die Zeitwahrnehmung des Menschen. Zu diesen Themen hatte er bereits ein sehr interessantes Buch geschrieben: Gefühlte Zeit - Kleine Psychologie des Zeitempfindens. Auch in seinem aktuellen Buch wird sehr deutlich, dass Bewusstsein (Geist) ohne Körper nicht möglich ist. Für mich ist das eine weitere Bestätigung der Theorie des Embodiment (siehe Link unten).

"Unser Zeitgefühl für den momentanen Ablauf der Zeit, so wie ich ihn als schnell oder langsam vergehend erfahre, basiert auf unserem Körpererleben." S. 14

"Bei der Ausübung meditativer Praktiken, welche die Aufmerksamkeit bewusst auf den Körper lenken, kommt es zum Gefühl der langsam vergehenden Zeit. Insbesondere Anfänger der Meditation spüren die Zeitdehnung ganz deutlich, wenn sie 30 Minuten regungslos verbringen sollen. Körperlichkeit wird spürbar und die Zeit verläuft 'unendlich' langsam. Wenn ich auf die Zeit des gegenwärtigen Augenblicks achte, spüre ich den Zeitverlauf besonders intensiv über meinen Körper, der ich bin. Ich bin die Zeit." S. 14

"Zeit kommt mir 'lang' vor, ich benutze räumliche Metaphern zur Beschreibung des Zeiterlebens. Wenn man den Tag oder das Jahr betrachtet, erscheint die Zeit auch als zirkulär; aber damit ist sie auch räumlich erfasst. Zudem wird in den meisten Kulturen die Vergangenheit mit dem hinter einem Liegenden assoziiert, die Zukunft hingegen mit dem vor einem Liegenden assoziiert. In dieser Vorstellung bildet der eigene Körper den Gegenwartsbezug. Erinnerung und Erwartung sind räumlich auf meine Körperposition ausgerichtet; die Vergangenheit habe ich hinter mir gelassen und die Zukunft liegt vor mir." S. 29

# Mit großem Interesse habe ich den Abschnitt "Vom Einssein mit der Welt" ab S. 34 gelesen. Hier beschreibt der Autor Phänomene des Verschwindens von linearer Zeitwahrnehmung bei spirituellen Erfahrungen, welche bis zu Zeitstillstand oder Zeitlosigkeit reichen können. Gerade die westlichen und östlichen spirituellen Traditionen bieten einen reichhaltigen Erfahrungsschatz an  außergewöhnlichen Bewusstseinszuständen. Marc Wittman gelingt es sehr gut, die wesentlichen Elemente der verschiedenen spirituellen Schulen kurz darzustellen.

"Schilderungen von mystischen Zuständen, zustande gekommen etwa in meditativer Versenkung oder durch spontanes Erleben, berichten vom Verschwinden der linearen Zeit. Es kommt zum Erlebnis des Zeitstillstandes oder gar zum Verlust des Zeitsinns. Wahrgenommene Momente dehnen sich so lange, bis Zukunft, Gegenwart und Vergangenheit zu einer gefühlten Einheit von 'ewiger' Präsenz geworden sind. Diese Bewusstseinszustände von Zeitlosigkeit und Ewigkeit - als Kopräsenz der vergangenen und der zukünftigen Ereignisse - gehen oft mit körperlich-räumlicher Entgrenzung und Glücksgefühlen des Einsseins mit dem Universum einher. Diese Art Erfahrung spiegelt sich wider in den theologisch inspirierten Beschreibungen Gottes durch Mystiker des Spätmittelalters. So etwa Meister Eckhart: In der Ewigkeit gibt es kein Vor und nach. Darum, was vor tausend Jahren geschehen ist und nach tausend Jahren (geschehen wird) und jetzt geschieht, das ist eins in der Ewigkeit. Darum, was Gott vor tausend Jahren getan und geschaffen hat und nach tausend Jahren (geschehen wird) und jetzt geschieht, das ist ein in der Ewigkeit." S. 36

"Auch wenn es viele unterschiedliche Arten und Zugangsweisen des mystischen Erlebens gibt - stets geht es um das Aufgehen des Einzelnen im Ganzen, um das Versinken im Umgreifenden, die Erfahrung des Absoluten, der Transzendenz. Im christlichen Kontext: um die Gotteserkenntnis als Einswerden mit Gott, die unio mystica. Im Prinzip geht es in der Mystik um die Aufhebung der Subjekt-Objekt-Spaltung, oder, wie Karl Jaspers formuliert, um das völlige 'Eins-werden von Subjekt und Objekt, unter Verschwinden aller Gegenständlichkeit und unter Erlöschen des Ich. Da öffnet sich das eigentliche Sein und hinterläßt beim Erwachen ein Bewußtsein tiefster, unausschöpflicher Bedeutung.' Ich (Subjekt) und Welt (Objekt) sind im mystischen Erleben nicht mehr getrennt. Dabei lassen sich zwei Weisen des Einsseins unterscheiden: Das Ich verschmilzt mit dem Umgreifenden (Vielheit löst sich auf; alles ist eins); oder aber alle Gegenstände der Welt sind zusammengehörig (alles ist miteinander verbunden). Für den Erlebenden stellt sich nach der Begegnung mit dem Ganzen (dem Göttlichen) das Gefühl inneren Friedens ein sowie Mitgefühl für andere Menschen." S. 36

"Der Übergang von linearer zu mystischer Zeit ist eine universelle Erfahrung aller spirituellen Traditionen und Weltreligionen, hervorgerufen durch die Techniken des Gebets und der meditativen Versenkung. Entscheidend für das Verschwinden der zeitlichen und räumlichen Anschauung ist die Ich-Auflösung in der Einswerdung mit dem Umgreifenden. Zeitlichkeit ist gebunden an das bewusste Erleben meiner selbst im Raum und in der Zeit; wenn ich mir meiner selbst bewusst bin, dann fühle ich den Verlauf meines körperlichen und geistigen Ich über die Zeit hinweg. Kommt es zur Ich-Auflösung, dann löst sich auch das Zeit- und Raumverständnis auf. Die Ichlosigkeit hat inhärent Zeitlosigkeit, Körper- und Raumlosigkeit zur Folge." S. 37

"Raum und Zeit sind nach Immanuel Kant Formen der reinen Anschauung eines transzendenten Ichs. Zeit und Raum sind nicht denkbar ohne das Ich. So werden auch in phänomenologischen Überlegungen zur Zeiterfahrung das Selbst- und das Zeitbewusstsein als voneinander abhängig gesehen. Ich kann mir meiner selbst nur bewusst werden, wenn ich mich als gegenwärtig erlebend in die Vergangenheit (erinnertes Ich) und die Zukunft (antizipiertes Ich) projiziert sehe. Während um mich herum ständig Veränderungen stattfinden, überdauert zeitlich die bewusste Wahrnehmung meines Selbst. Ohne Ich-Vorstellung keine Zeit. Mystische Erlebnisse sind nicht auf die Meister spiritueller Traditionen beschränkt. Auch Menschen ohne geistig-spirituellen Hintergrund können sie haben." S. 37

"Aber im starken Wollen liegt auch die Quelle der Enttäuschung. Auch deswegen sprechen die Lehrer der spirituellen Traditionen von der Relativierung der Ich-bezogenen Begierde, um Enttäuschung und Schmerz zu vermeiden. Bei der von ihnen anvisierten Ich-Auflösung gibt es kein wollendes Subjekt und auch kein Objekt der Begierde. Nur wenigen Menschen wird jedoch ganz spontan ein lebensveränderndes mystisches Erleben zuteil. Eingebettet in einen spirituellen Kontext, kann aber die meditative Praxis ein Weg sein, das Umgreifende zu erfahren. Im Wesentlichen handelt es ich dabei um Techniken der Steuerung des Zeiterlebens. Wie der Gießender Theologe Wolfgang Achtner in einem Aufsatz prägnant herausgearbeitet hat, geht es kultur- und religionsübergreifend um das Vertiefen des Jetzt-Erlebens. Die Technik, die mittelalterliche christliche Theologen und buddhistische Meditationslehrer unabhängig voneinander empfehlen, ist die Konzentration auf den gegenwärtigen Moment. Das Ich-Erleben hängt vom Vergangenheits- und Zukunftsbewusstsein ab. Dementsprechend lässt es sich durch die Methode der Fokussierung auf das Jetzt-Erleben reduzieren. Durch die zu übende Konzentration auf den Moment gelangt man schließlich in einen Zustand zeitloser Ewigkeit. Meister Eckhart zufolge muss der Praktizierende dabei zunächst seinen ganzen Willen aufbringen, um über das Jetzt-Erleben zur Zeitlosigkeit zu gelangen; danach jedoch löst sich die Willensaktivität auf." S. 40

# Im "Hier und Jetzt" zu leben, ist eine Aufforderung, die oft in der gängigen Ratgeberliteratur zu lesen ist. Dabei wird meist von den Autoren nicht definiert, was das Jetzt oder der Augenblick eigentlich ist. Den Zusammenhang von Augenblick und Ich-Erleben erläutert Marc Wittmann ab S. 51. Sehr gut stellt er dar, wie das Erleben des Augenblicks abläuft und welche Dauer er hat. Interessant fand ich die Analyse des inneren Zeitbewusstseins nach Edmund Husserl. Er definiert eine Zeitstruktur der Wahrnehmung (S. 57), die aus den Komponenten Urimpression (Jetzt-Erleben), Retention (vergangenes Erleben), Protention (erwartetes Erleben) besteht. Diese Zeitstruktur ist auch wieder verkörpert und zeigt sich z.B. "... am Ruck nach hinten, den wir selbst dann noch spüren, wenn wir eine stehende Rolltreppe betreten." S. 57

"Erleben findet nur im jetzigen Moment statt. Der Augenblick ist dabei die unmittelbare Verbindung zur Wirklichkeit, denn ich habe innere und äußere Erfahrungen immer nur jetzt." S. 51

"Die Totalität meines Bewusstseins speist sich aus dem Jetzt-Erleben aller Sinne, meiner Körperwahrnehmung - dem inneren Sinn - sowie den äußeren Sinnen - den Seh-, Riech-, und Höreindrücken." S. 55

"Eine wesentliche Frage ist, wie lange der gefühlte gegenwärtige Moment anhält, welche Dauer der Augenblick hat. Dafür lassen sich drei verschiedene Ebenen des Moment-Erlebens unterscheiden, die jeweils unterschiedliche Dauer aufweisen: (1) mentale Präsenz, (2) der erlebte Moment, (3) der funktionale Moment." S. 56

"Alle Gedanken, mit denen innerhalb der Spanne des Arbeitsgedächtnisses gedanklich operiert werden kann, sind gegenwärtig." S. 56

"Experimentell können Psychologen die Spanne des Arbeitsgedächtnisses - das Zeitfenster für das kurzfristige Behalten von Dingen, etwa Zahlen, Worte, visuelle Symbole - abschätzen. Dabei spricht man - abhängig von der Situation und der Reiz-Art und -Menge - von einer Kurzzeitgedächtnisspanne von mehreren Sekunden bis vielleicht einer halben Minute. Das sind aber nur ungefähre Richtwerte. In der gelebten Präsenz werden Gefühle, Gedanken und Sinneseindrücke als Ganzes integriert, und zwar in mir als handelnder Akteur eines körperlichen und geistigen Selbst. Das Bewusstsein der Totalität des Ganzen hier und jetzt - mein Ich-Erleben körperlich und zeitlich ausgedehnt - , das ist mentale Präsenz." S. 56

"In der Sprache der Experimentalpsychologen bedeutet mentale Präsenz, dass Ereignisse, die zunächst antizipiert werden, dann jetzt wahrgenommen werden, daraufhin als Gedächtnisspuren verfallen, da die Sekunden vergehen und stets neue Erlebnisse auftauchen." S. 58

"Die Forschung deutet noch auf einen weiteren, kürzeren Zeitmoment hin. Es scheint so zu sein, dass die Wahrnehmung und das Handeln optimal in Einheiten von bis zu etwa 3 Sekunden Dauer funktionieren. Die Wahrnehmung wird zu Einheiten dieser Dauer zusammengefasst, mit der Folge, dass Einzelereignisse als zu einem zeitlichen Moment gehörend erlebt werden." S. 58

"Um eine Folge von drei oder mehr akustischen oder optischen Reizen in ihrer korrekten Reihenfolge erkennen zu können, müssen die Einzelereignisse mit Abständen von mindestens 300 Millisekunden präsentiert werden. Diese Schwellenwerte sind ein deutlicher Beleg für zeitliche Wahrnehmungsfenster, die Ereignisse der Umwelt zu funktionalen Momenten integrieren. Innerhalb dieser Fenster lässt sich keine zeitliche Ordnung erkennen. Die Reize werden zu Jetzt-Momenten zusammengefügt ohne die Wahrnehmung von zeitlicher Folge." S. 62

"Wenn wir vom erlebten oder gelebten Augenblick sprechen, dann meinen wir den Moment von wenigen Sekunden, der unsere Wahrnehmung strukturiert. Das ist der Moment des 'Jetzt'-Erlebens. Dieser perzeptive Jetzt-Moment ist eingebettet in die mentale Präsenz meiner selbst, als erzählendes und kommentierendes Ich. Es ist das Bewusstsein meiner selbst als wahrnehmendes Ich." S. 62

# Ab S. 63 geht Marc Wittmann auf das Thema Achtsamkeit ein. Durch die Arbeit des Molekularbiologen Jon Kabat-Zinn und durch sein MBSR Programm haben Achtsamkeitsübungen im Westen einen regelrechten Boom erfahren. Mein persönlicher Eindruck ist, dass heutzutage viele Geist<->Körper Übungen aus den alten spirituellen Traditionen herausgelöst und im therapeutisch-medizinischen Betrieb oder im Bereich von Wellness-Esoterik eingesetzt werden. Unterstützt von allen möglichen Untersuchen der, zur Zeit ebenso populären, Hirnforschung, entstehen so marktkonforme Produkte, die hervorragend in die westliche marktkapitalistische Verwertungsmaschine eingespeist werden können. Ob Zen, Dao, Bio, Yoga oder Achtsamkeit, es ist wirklich erstaunlich, wie der westliche Kapitalismus jede Art von spiritueller Lebensführung vereinnahmt und daraus einen Angebot-Nachfrage Mechanismus erzeugt. Möglicherweise enthalten die alten spirituellen Traditionen Inhalte, die nicht mehr zeitgemäß sind und an unsere derzeitige Lebenssituation angepasst werden müssen. Aber einem Meister Eckhart oder einem Siddhartha Gautama ging es bei ihren Lehren sicher nicht um Fitness und Wellness für gestresste Büroangestellte.

"Das Konzept der Achtsamkeit, wie es Kabat-Zinn verwendet, hat seinen Ursprung im Theravada-Buddhismus. Der entsprechende Begriff für Achtsamkeit in der mittelindischen Literatursprache Pali ist sati und meint das 'Gewahrsein des Augenblicks'; das Wort kommt von dem Verb sarati, das 'sich erinnern' bedeutet. Wie wir sehen, korrespondiert diese Herleitung der Achtsamkeit einerseits aus dem erlebten Augenblick und andererseits aus der Erinnerung mit unseren Zeitkonzepten der gelebten Jetzt-Zeit und der retrospektiven, erinnerten Zeit. Wenn ich des Augenblicks intensiver gewahr bin, dann erinnere ich mich auch besser. Dadurch dehnt sich die Zeit." S. 63

"Die beiden zentralen Elemente der Achtsamkeitsübungen sind demnach (a) Präsenz (das Gewahrsein des gegenwärtigen Momentes) und (b) Akzeptanz (Bewertungen zu unterlassen). Diese beiden Aspekte gehören in der Praxis der Achtsamkeitsübungen untrennbar zusammen." S. 64

"Die Gedankenwelt hält uns vom Jetzt-Erleben ab. Letztendlich lernt man durch diese Übung den Umgang mit seinen Gefühlen, weil man sie besser kennen lernt und sie vor allem nicht länger wegschiebt. Trotzdem ist man seinen Emotionen nicht mehr hilflos ausgeliefert, wenn einem etwa Wut oder Scham überkommen, da die akzeptierende Distanz dazu verhilft, die Automatismen der Gefühlsreaktion zu durchbrechen." S. 64

"Die Akzeptanz der eigenen Gedanken und Gefühle unterstützt auch die Fähigkeit zu fokussierten Präsenz; mit der Zeit verstärkt sich die Kontrolle über das gedankliche Abschweifen. Insgesamt lässt sich von einer Selbstregulierung der Aufmerksamkeit auf den gegenwärtigen Moment sprechen." S. 64

"Die Lenkung der Aufmerksamkeit auf den Körper und die Körperprozesse (etwa das Atmen) unterstützt den Anfänger in der Aufrechterhaltung der Präsenzorientierung. Durch das unmittelbare Spüren der Körperlichkeit wird das Präsenzgefühl gesteigert. Schließlich sind wir durch unsere Verkörperung (englisch: Embodiment) stets im Hier und Jetzt verankert. Bei der Fokussierung auf den Körper ist das bewusste Ich untrennbar an das Gefühl der Jetzt-Zeitlichkeit, als zeitlich dauernde Verkörperung, gebunden." S. 65

"In seltenen Momenten des mystischen Erlebens kann dieses Erlebnis einen Menschen überkommen - das Eins-Sein des Ich mit der Welt bei gleichzeitiger Auflösung von Raum und Zeit. Diese Erlebnisse sind für das Verständnis des Aufbaus des Ich-Bewusstseins so wichtig, weil sie zeigen, wie eng verbunden unser Bewusstsein mit der Wahrnehmung von Zeit, Raum und Körper ist." S. 72

# Sehr faszinierend fand ich die Aussagen des deutschen Arztes und Meditationslehrers Tilmann Lhündrup Borghardt TLB (ab S. 73). Im Rahmen von Forschungen über Achtsamkeitsmeditation wurde der buddhistische Gelehrte von Marc Wittmann und dem Freiburger Wissenschaftler Stefan Schmidt zu Zeitlosigkeit und Ich-Auflösung befragt. Der Focus lag dabei auf dem Ich und seiner Zeit. Lama Tilmann Lhündrup Borghardt hat in einem Kloster in Frankreich zehn Jahre lang zwölf Stunden am Tag meditiert und insgesamt eine Meditationserfahrung von ca. 50000 Stunden. TLB war mir bisher nicht bekannt, aber die veröffentlichten Gesprächspassagen fand ich sehr beeindruckend. Besonders gut gelingt TLB die Beschreibung der verschiedenen Bewusstseinsstadien, welche so auch im Daoismus oder im Advaita erwähnt werden. Sehr gut gefällt mir natürlich, dass Marc Wittmann in diesem Zusammenhang die Arbeit des deutschen Philosophen Thomas Metzinger erwähnt (S. 77). Auch Metzinger vertritt die These, dass es eigentlich kein Ich-Zentrum gibt. Diese These wird durch die Erfahrungen von TLB bestätigt, wenn er sagt, dass beim völligen Einswerden das Ich und die Zeit vollständig verschwinden.

"Es gibt beispielsweise das mystische Erleben, ein Einssein mit der Welt, das dem Zustand des Erwachen nahe kommt. Es ist ein befreiendes Gefühl voller Geistesruhe. Allerdings ist da ein Beobachter dabei (ein Ich), der das Wandern der Sonne oder die Bewegung der Tiere (die Zeit) wahrnimmt. Dieses friedvolle und entspannte Erleben beinhaltet noch das duale Bewusstsein (Subjekt-Objekt-Spaltung). Ein 'Ich' erlebt schließlich, dass es eins mit der Welt ist. Dieses Gefühl der Einheit hat also immer noch einen Beobachter." S. 74

"Das mystische Erleben mit einem Subjekt ist demnach eine Vorstufe des zeitlosen Erwachens. Im mystischen Erleben ist der Beobachter noch in Raum und Zeit situiert. Er hat aber Gefühle der Verschmelzung, des Einsseins mit der Welt. Beim völligen Einswerden mit der Welt hingegen verschwinden das Ich und die Zeit vollständig. Es gibt nur die Wahrnehmung, nicht den Wahrnehmenden." S. 74

"Die Ausrichtung des Sehens und Hörens ist da, ohne dass ein inhaltlicher Seh- und Höreindruck vorhanden wäre. Zudem fehlt das Ich-Gefühl, es ist zentrumsloses Erleben. Es ist die unmittelbare Wahrnehmung ohne emotionale und kognitive Filter. Gewöhnlich gibt es ein Ich-Erleben, das viel Kraft absorbiert, die Wünsche, Gedanken und Hoffnungen, die wir hegen (die Filter der Wahrnehmung); im Zustand des Erwachens ist man im Einklang mit der Situation, ohne zentrumsbezogen zu sein (ohne Ich). Ein wenig, in Abstufungen, kann man sich das wie im Flow-Erleben vorstellen, wenn man ganz versunken in seiner Tätigkeit aufgeht." S. 76

"Was man aus dem Erwachen lernt, ist, dass es kein Ich-Zentrum der Wahrnehmung und des Handelns gibt. Wer diese Erfahrung gemacht hat, kann nicht mehr zurück in den alten Glauben an ein Ich als Zentrum. Man sollte hier vielleicht eine Unterscheidung machen zwischen dem individuellen 'Zentrums-Ich' und dem 'vernetzten Ich'. Bei der Vorstellung vom Zentrums-Ich geht man von einem Wesenskern aus, welches 'Ich' bin. Dieses 'Ich' will, hofft und begehrt. Das ist das persönliche Ich, das emotionale und kognitive Annahmen über die Welt macht, sie interpretiert. Darin unterscheiden sich die Menschen stark. Das vernetzte Ich, in dem sich Menschen sehr stark ähneln, ist nicht das Ich im individuellen Sinne. Es geht um die Ich-Funktionen der Ansprechbarkeit und des empathischen Handelns, der Liebesfähigkeit. Diese Fähigkeiten sind in uns allen, da unterscheiden wir uns nicht so sehr. Es sind parallele Qualitäten eines vernetzten Ichs ohne Ich-Zentrum, die es erlauben, in Harmonie mit der Welt das Richtige zu tun. Diese Qualitäten können immer freier und stärker wirken, wenn nicht mehr so viele Blockierungen da sind. Das fixierende Ich-Gefühl löst sich auf in dem fließenden Funktionieren des Zusammenspiels der innewohnenden Qualitäten. Der Mensch wird dann angstfreier, konzentrierter, wirklichkeitsbezogener und empathischer. Ganz wichtig ist: Nicht ein wirklich existierendes Ich, sondern die Vorstellung eines konkreten Ichs löst sich auf." S. 77

"Die Schilderungen TLBs hinsichtlich der Ich-Vorstellungen ergänzen Ideen des Philosophen Thomas Metzinger, der schon mit seinem programmatischen Buchtitel Niemand sein: Die Selbstmodell-Theorie der Subjektivität die These vertritt, dass es kein Zentrums-Ich gibt. Metzinger ist der Ansicht, dass es kein statisches 'Ich' als permanente Entität oder Substanz gebe. Vielmehr würden die mentalen Vorgänge durchgehend ein Selbstmodell erschaffen, die Illusion eines 'Zentrum-Ichs'. Gespeist durch körperliche Signale ist es ein körperlich-räumlicher Anker für das phänomenale Selbst. Die Hirnforschung zeigt, dass es neben einer sequentiellen Verarbeitung von Körper- und Umweltreizen viele parallele Verarbeitungsstränge gibt, ohne dass irgendwo ein lokalisierbares Integrationszentrum auftaucht. Vielmehr werden die parallelen, räumlichen verteilten neuronalen Verarbeitungsmodule zu einem Ganzen zusammengebunden, in dem sie als 'gleichzeitig' ablaufend kodiert werden. Diese Jetzt-Bindung der Prozesse könnte der Mechanismus sein, der die bewusste Erfahrung eines Selbst im gegenwärtigen Moment gewährleistet. Wir haben demnach eine Vorstellung von einem Ich, ein Selbstmodell des Ich." S. 77

"Der Weg zu Erwachen geht über die augenblickliche Präsenz. Es ist das offene Gewahrsein ohne Kontrollinstanzen, die bewerten und urteilen und dadurch wieder Distanz schaffen." S. 78

"Durch die Präsenz der Wie-Orientierung ohne Beobachter wird das vermeintliche Ich mit Gewahrsein durchdrungen. Wahrnehmender und Wahrgenommenes werden eins. Sein ist dann klar und präsent. Da ist nichts, das ich greifen könnte. Es ist das Unfassbare. Das Sein. Es ist die Leerheit, von der die Buddhisten häufig sprechen. Das macht die zeitlose Qualität aus. In jedem Erleben steckt die zeitlose Dimension, die Qualität des Gewahrseins - auch jetzt beim Sprechen und Hören. Das ist das Geheimnis des Lebens. Aber es kann nicht mit Worten begriffen werden. Wenn der Geist in dieser unfassbaren Quelle aufgeht - das ist das Erwachen." S. 78

"Das Erleben ist primär zeitlos. Erst die Einführung eines Beobachters führt die Zeit ein. Es ist die Fähigkeit, sich vom Jetzt zu entfernen, gedanklich woanders zu sein, zu vergleichen. Dies führt zur Entstehung des Zeitbewusstseins." S. 79

"Wir brauchen das Zeitgefühl, weil wir kommunizieren wollen, weil wir planen; es ist etwas Sinnvolles, aber es ist nicht schon im Erleben eingebaut." S. 79

"Der sich selbst bewusste Beobachter vergleicht die gegenwärtige Situation mit einer zukünftig vorgestellten. Die Forschung belegt die enge Verknüpfung von Ich-Bewusstsein und Zeitbewusstsein. Auch phänomenologisch orientierte Philosophen argumentieren, dass das Ich im Zukunfts- und Vergangenheitsbezug entsteht. Ich bin meiner selbst bewusst durch meine Erinnerungen an mich selbst und durch meine Planungen." S. 79

"Je mehr man das Bedürfnis nach Kontrolle und Orientierung aufgibt, desto stärker kommt man in einen Bereich hinein, in dem Zeit keine Rolle mehr spielt. Zeit spielt bei Menschen eine starke Rolle, weil sie mit Kontrolle zu tun hat. Wenn ich der Zeit keine Beachtung mehr schenke, dann schenke ich auch dem Ich in der Zeit keine Aufmerksamkeit mehr. Wenn ich völlig entspannt bin, wenn es mir völlig egal ist, wie lange die Meditation dauert, dann ist das die beste Voraussetzung dafür, in tiefe Versenkung einzutreten." S. 80

#  Mit "Tagträumen und Schweifen der Gedanken" beschäftigt sich ein interessanter Abschnitt ab. S. 81. Es stellt sich ja durchaus die Frage, warum es überhaupt andere Bewusstseinszustände gibt, wenn Achtsamkeit so erstrebenswert ist?

"Eine erhöhte Achtsamkeit im Leben mit der einhergehenden Geduld hat einen ganz profanen Nutzen, gehe es nun ums Wahrnehmen oder ums Problemlösen. Das Gesagte meint keineswegs, dass Tagträumen und das Abschweifen der Gedanken für unser Leben nicht wesentlich wären. Im Gegenteil, es handelt sich dabei um einen kognitiven Mechanismus, der zu kreativen Ideen führt: das Loslassen der gezielten Aufmerksamkeitslenkung. Viele bahnbrechende Gedanken von Wissenschaftlern, Künstlern, Ingenieuren und Produktentwicklern sind in Momenten des Abschweifens und Tagträumens gekommen, also gerade dann, wenn sie sich nicht konzentriert mit dem jeweiligen Problem befasst haben." S. 81

"Wie an diesen Beispielen deutlich wird, lassen sich Achtsamkeit und gedankliches Abschweifen bzw. Tagträumen nicht gegeneinander ausspielen. Es geht um die Balance beider Faktoren, in der jeweilig passenden Situation. Ganz achtsam hier und jetzt fokussiert zu sein; tagträumend der Phantasie ihren Lauf zu lassen und sich selbst mit Einfällen zu überraschen." S. 82

# Bei dem 3. Kapitel "Verlust von Zeit und Ich" (ab S. 83) waren für mich noch die Abschnitte über Embodiment und das Default Mode Network sehr lesenswert. Sehr gut erläutert Marc Wittmann, wie unsere Gefühle durch körperliche Aktivität und der jeweiligen Situation moduliert werden. Dies geschieht aber meist unbewusst. Die Theorie des Embodiment hat mich sehr überzeugt, da ich durch intensive Beobachtungen meiner selbst und durch das Praktizieren fernöstlicher Geist<->Körper Systeme schon oft die Einheit von Geist<->Körper<->Umwelt wahrgenommen habe. Immer wieder kehrt Marc Wittmann bei seinen Erläuterungen auf das Verhältnis von Zeit und Ich zurück. Sehr interessant fand ich seine Ausführungen zum Zeitempfinden bei Langeweile, Depression oder dem Flow-Erleben.

"Die Körpervorgänge sind gewissermaßen in komplexe, situationsabhängige Emotionen integriert, sie sind als physiologische Reaktionen Teil der Emotionen. Das subjektive Gefühlserleben kann das leibliche Erleben enthalten, muss es aber nicht. Körperliche Vorgänge sind aber immer Teil der Emotionen. Heute spricht man von Embodiment - der Verkörperung des Geistes. Das Gehirn repräsentiert nicht einfach körperlos die Welt als Geistiges, sondern der Organismus interagiert als Ganzes mit der Umwelt. Nach dieser Vorstellung gibt es nicht einen vom Körper getrennten Geist, der im Sinne René Descartes´ eine eigenständige Welt wäre, sondern unser Geist ist körpergebunden und weltverbunden. Wir denken, fühlen und agieren mit unserem Körper in der Welt. Alles Erleben ist eingebettet in dieses körper-bezogene In-der-Welt-Sein. Oder anders ausgedrückt: Subjektives Erleben ist verkörpertes Leben in der Umwelt und soziale Interaktion mit anderen Menschen." S. 88

"Demnach basiert die Ich-Vorstellung auf den sich mit der Zeit verändernden Körperzuständen; auf diese Weise entsteht das Zeitgefühl als Selbstwahrnehmung über die vergehende Zeit hinweg." S. 89

"Schließlich wird die Zeitwahrnehmung nicht durch ein spezifisches Sinnesorgan vermittelt, wie es bei den äußeren Sinnen des Sehens, Hörens, Schmeckens, Riechens oder Tastens stattfindet. Es existiert kein sensorisches Organ für das Zeitbewusstsein. Subjektive Zeit ist als Ich-Sinn ein körperlich-emotional gefühltes Ganzes unseres Gesamt-Selbst über die Zeit." S. 90

"Menschen mit Depression sind zeitlich desynchronisiert, da die innere Geschwindigkeit nicht zur sozialen Geschwindigkeit passt. Niedergeschlagenheit und Traurigkeit, die sich u.a. in einem negativen Selbstbild, Selbstvorwürfen und dem Gefühl der Wertlosigkeit ausdrücken, gehen einher mit dem intensivierten, unangenehmen Empfinden eines verlangsamten Zeitverlaufes. Da eine positive Zukunftsperspektive fehlt, wird der persönliche Zustand als Gefangenschaft im Jetzt der langsam verstreichenden Zeit erlebt." S. 92

"Und dieses Schweifen der Gedanken ist mit Aktivität im Default Mode Network assoziert. Dabei handelt es sich um Ich-bezogene Gedanken, das imaginierte Ich einer Vergangenheit, Zukunft und Möglichkeit." S. 95

"Für Northoff ist das Default Mode Network die neuronale Basis für den von William James so genannten Stream of Consciousness, den andauernden Bewusstseinsstrom von Wahrnehmungen, Gedanken und Phantasien." S. 95

"Erfahrene Meditierende der Achtsamkeitsmeditation haben während einer Meditationssitzung nachweislich eine geringere Aktivität im Default Mode Network. Ihre gesteigerte Achtsamkeit korreliert demnach mit einer Abnahme an Aktivität in den neuronalen Netzwerken, die mit dem Schweifen der Gedanken verbunden sind. Man könnte demnach sagen, dass das Changieren zwischen dem bewussten Erleben unserer selbst im gegenwärtigen Moment und dem Abschweifen der Gedanken einhergeht mit einem Wechsel in der Dominanz der Aktivierung der zwei Gehirnnetzwerke um die Inselrinde und um die kortikale Mittellinie. Im gesteigerten Präsenzbewusstsein - assoziiert mit Insula Aktivität - verlangsamt sich die Zeit, dehnt sich das gefühlte 'Jetzt' aus. Beim verstärkten Schweifen der Gedanken - korreliert mit Aktivität in der kortikalen Mittellinie - beschleunigt sich hingegen die Zeit." S. 96

"Wenn wir uns unterhalten fühlen und in einer abwechslungsreichen Tätigkeit aufgehen, vergeht die Zeit schnell. Umgangssprachlich heißt es ja, 'sich in einer Tätigkeit verlieren'. Wir nehmen uns selbst also nicht recht wahr. Die Aufmerksamkeit ist ganz nach außen gerichtet. Das Extrem des Ich-Verlustes ist dabei das Flow-Erleben, welches während besonders intensiver Tätigkeit, die aber leicht und fließend gelingt, auftreten kann - beim Schreiben dieses Textes, beim Musizieren oder beim Ausüben eines Hobbys. Man ist völlig beansprucht, anstrengungslos ist die Aufmerksamkeit fokussiert auf die Ausübung der Tätigkeit. Wir nehmen uns nicht wahr und es kommt zur Beschleunigung des Zeitempfindens. Typischerweise staunen wir, sobald wir uns und der Zeit gewahr werden, wie viel Zeit vergangen ist. Im Flow der intensiven Beschäftigung ist die Ich-Wahrnehmung reduziert und das Zeitgefühl verloren gegangen." S. 96

# Mit veränderten Bewusstseinszuständen bei Krankheiten, wie z.B. Epilepsie oder Schizophrenie, oder durch die Einnahme von Drogen beschäftigt sich Marc Wittmann ab S. 97. In allen Fällen wird die Einheit des Ich-Erlebens aufgelöst, da der Körper als Bezugsrahmen nicht mehr wahrgenommen wird.

"Es geht um das Subjekt der Wahrnehmung, oder anders ausgedrückt, um die Vorgänge, welche die Subjektivität der Erfahrung generieren. Diese Vorgänge schaffen im Normalfall eine Einheit des Erlebens, dem ein einheitliches Ich-Gefühl als räumliche und zeitliche Präsenz im Strom des Bewusstseins unterliegt. Die Einheit des Ichs, auf phänomenaler Ebene das Selbstbewusstsein, ist einerseits an die Körperlichkeit als Bezugsrahmen gebunden. Meine Wahrnehmung ist perspektivisch, das heißt bezogen auf die Verortung meines Körpers mit seinen Eigenschaften. Andererseits erfahre ich mich als jetzt Wahrnehmender über die Zeit hinweg." S. 101

"Wir erleben uns normalerweise als Einheit unserer selbst. Wir sind ausgerichtet auf erwartete Ereignisse, die Handlungsvorbereitungen aktivieren. Mentale Präsenz bedeutet, dass wir vergangenes, gegenwärtiges und antizipiertes Erleben zu einem Ganzen unseres Selbst integrieren." S. 104

"…, dass die prinzipielle Störung der Schizophrenie im Mangel einer 'Verkörperung' liegt, als ob der Geist nicht recht im Körper verankert wäre. Das 'Ich' stünde phänomenologisch betrachtet nicht in ausreichendem Kontakt zu den Körperprozessen, was zu den Störungen im Körperempfinden, bei den Affekten und im Zeiterleben führen würde." S. 105

"In den wissenschaftlichen Untersuchungen zu Effekten von LSD und Psilocybin ist klar zu erkennen, dass und wie sich die Bewusstseinszustände als markante Veränderungen von Wahrnehmung, Gefühlen und Gedanken beschreiben lassen: Zeit, Raum und das Selbsterleben sind dramatisch verändert. Diese Veränderungen sind nur vergleichbar mit anderen extremen Bewusstseinszuständen, wie sie sonst allenfalls im Traum, in mystisch-religiöser Ekstase oder in akuten psychotischen Schüben in der frühen Phase der Schizophrenie auftreten. Zu den Dimensionen mystischer Erfahrung gehören das Einssein des Ich mit dem Universum, das Gefühl von Zeit- und Raumlosigkeit, höchste Glücksgefühle sowie die Gewissheit, eine heilige Wahrheit zu erfahren, welche aber nicht beschreibbar ist. Letztere ist das Gefühl, hinter den Schleier der Realität zu schauen und die unveränderliche - das heißt zeit- und raumlose - Wahrheit des Weltganzen zu schauen. Diese Erfahrung hat auch Tilmann Lhündrup Borghardt über langjährige Meditation gemacht." S. 111

# Marc Wittmann hat ein hervorragendes Buch geschrieben, welches ich von Anfang bis Ende mit großem Interesse gelesen habe. Dem Autor ist es gelungen, die verschiedensten wissenschaftlichen Erkenntnisse über die Grenzen unseres Bewusstseins in komprimierter Form, aber gut verständlich, zusammenzufassen. Wie bereits erwähnt hat mich sein Epilog (ab S. 119) sehr beeindruckt. Drückt er für mich doch den wahren Geist wissenschaftlichen Strebens aus, welcher frei ist von Vorurteilen und stattdessen neugierig die Grenzen unserer Welt erforscht.

"'Offenheit für Neues' ist einer der fünf dominanten Persönlichkeitsmerkmale des Menschen (die sog. Big Five). Wie sich die Persönlichkeit auf das Übersehen von Phänomenen auswirkt, schildert Pim van Lommel in seinem Buch Endloses Bewusstsein, das von der Verweigerungshaltung von Ärzten gegenüber dem Thema Nahtoderlebnis berichtet." S.123

"Wenn wir das Bewusstsein, unsere Subjektivität, verstehen wollen, dann müssen wir unsere Vorurteile ablegen und bestimmte uns selbst auferlegte Grenzen überschreiten." S. 125

"Die Gedanken in meinem Buch halte ich nicht für radikale Spekulation. Ich habe empirische Erkenntnisse aus den verschiedenen Zweigen der Wissenschaften zu einem Ganzen zusammengefügt. Daraus ergibt sich ein pointiertes Bild der psychologischen und neuronalen Grundlagen unseres Zeitbewusstseins, so wie es mit dem Ich-Bewusstsein verbunden ist. Aus Spekulation wird Hypothese. Und Hypothesen der empirischen Wissenschaften sind dazu da, überprüft zu werden. Das ist das Handwerk des Forschers. Fortsetzung folgt." S. 126

Wenn die Zeit stehen bleibt - Kleine Psychologie der Grenzerfahrungen, Marc Wittmann, C.H.Beck, 2015

Inhalt

Prolog: Ein «Ich» erwacht - S. 7

1. Vom Zeitbewusstsein - S. 13
Zeitdehnung und Schrecksekunde - S. 13
Zeit und Raum: Im Rausch der Drogen - S. 23
Vom Einssein mit der Welt - S. 34
Zeitlos nah am Tod - S. 41

2. Der Augenblick - S. 51
Absolut im Augenblick - S. 51
Die Dauer eines Momentes - S. 54
Achtsamkeit und Zeit - S. 63
Über den Augenblick zur Zeitlosigkeit - S. 72
Tagträumen und Schweifen der Gedanken - S. 81

3. Verlust von Zeit und Ich - S. 83
Eine rätselhafte Patientin - S. 83
Körper, Gefühle, Zeit - S. 97
Ganz das Ich: Langeweile, Depression, Meditation - S. 91
Epilepsie & Zeitlosigkeit - S. 97
Schizophrenie oder Wenn die Zeit stehen bleibt - S. 100
Zeitlos durch die Pforten der Wahrnehmung - S. 109

Epilog: Vom wissenschaftlichen Erwachen - S. 119
Danksagung - S. 127
Anmerkungen - S. 133

Wenn die Zeit stehen bleibt - Kleine Psychologie der Grenzerfahrungen, Marc Wittmann, C.H.Beck, 2015