Buchtipp: "Wie wir mehr erreichen, wenn wir weniger wollen" von Edward Slingerland

Erstellt von Michael Ditsch | | Spiritualität & Lebenskunst

Das Wu-Wei-Prinzip

Hör auf, dich anzustrengen! Jeder kennt es: Je angestrengter wir versuchen einzuschlafen, desto wacher werden wir. Je verzweifelter wir nach einem Partner suchen, desto weniger fruchten unsere Bemühungen. Erst wenn wir nichts mehr erzwingen wollen, sondern gelassen und spontan an die Dinge herangehen, geschehen sie plötzlich wie von selbst. Der Sinologe und Kognitionswissenschaftler Edward Slingerland hat dieses Paradoxon untersucht und ist zu beeindruckenden Ergebnissen gelangt: Das Geheimnis von Erfolg, Glück und Gelassenheit liegt tatsächlich in einem ganz bestimmten mentalen Zustand der inneren Ruhe. Dieser hat viele Namen: Wo heute oft von Intuition oder Flow die Rede ist, spricht die taoistische Philosophie von Wu Wei – dem mühelosen oder absoluten Handeln. Fern von Mystik oder Esoterik erläutert Slingerland die ideengeschichtlichen Grundlagen dieses Konzepts, zeigt, warum diese Lebenseinstellung so erstrebenswert ist und wie man sie erlangt. Das Wu-Wei-Prinzip ist eine faszinierende Synthese aus fernöstlicher Philosophie und westlicher Wissenschaft – ein kluges und gelehrtes Buch, das den Weg weist in ein ausgeglicheneres, erfüllteres und zugleich entspannteres Leben. © Bild und Text Berlin Verlag. Wie wir mehr erreichen, wenn wir weniger wollen - Das Wu-Wei-Prinzip, Edward Slingerland, Berlin Verlag, 2014

Kommentar

# Aufgrund des Titels "Wie wir mehr erreichen, wenn wir weniger wollen" hätte ich mir das Buch nicht angeschafft. Wieder so ein typischer nutzloser Lebensratgeber, dachte ich zuerst. Zum Glück habe ich noch den Namen des Autors gelesen und dann sofort das Buch gekauft. Edward Slingerland ist nicht nur Sinologe und ein bekannter Experte für klassische chinesische Philosophie, sondern er forscht auch, als Professor für Asienstudien an der University of British Columbia in Vancouver (Kanada), im Bereich Kognition, kultureller Evolution und Religion. Gerade dieser interdisziplinäre Ansatz macht die Arbeit von Slingerland so interessant. Die Verbindung von traditionellen chinesischen Weisheitslehren und modernen wissenschaftlichen Erkenntnissen fasziniert mich schon seit einiger Zeit. Sicher gibt es bei überlieferten klassischen Lehren unnötigen Ballast und unverständliche Begrifflichkeiten, aber deshalb dürfen, meiner Meinung nach, die Ergebnisse jahrtausendealter Körper-Geist Forschung früherer Kulturen nicht als nutzlose "Esoterik" abgestempelt werden. Spannender finde ich, wenn der Versuch unternommen wird, altes und modernes Wissen zu vergleichen und daraus neue Einsichten über das Funktionieren des menschlichen Körper-Geist Systems zu erlangen.

# Zur Zeit befindet sich die moderne Bewusstseinsforschung in einer Krise. Die alleinige Konzentration auf die neuronalen Korrelate des Bewusstseins im Gehirn hat bis jetzt keine befriedigende Ergebnisse geliefert. Neuere Ansätze, wie z.B. die Sensomotorische Theorie des Bewusstseins (Kevin O'Regan u. Alva Noe) oder die Theorie des erweiterten Geistes (Andy Clark u. David Chalmers), gehen über die Reduktion auf neuronale Hirnfunktionen hinaus. Auch Giulio Tononi und Christof Koch arbeiten an einer Theorie des Bewusstsein, die sich sehr stark dem Panpsychismus annähert (siehe Link unten). Begriffe wie Embodiment oder Embodied Cognition weisen daraufhin, dass der Bezug auf den Körper für die Erklärung psychischer und kognitiver Phänomene erforderlich ist (siehe Link unten).

# In seinem sehr lesenswerten Buch betrachtet Slingerland "Wu wei 無爲" und "De 德", zwei Schlüsselbegriffe der klassischen chinesischen Philosophie, unter dem Aspekt verkörperter Kognition. Begriffe aus dem asiatischen Sprach- und Kulturraum in unser westliches Schrift- u. Denksystem zu übertragen oder zu übersetzen, ist sehr schwierig und führt oft zu Missverständnissen und Fehldeutungen. Mittlerweile bin ich der Meinung, dass chinesische philosophische Begriffe eigentlich nicht übersetzt werden können. Auch Slingerland weist daraufhin, dass die fehlenden Entsprechungen in westlichen Sprachen auf Lücken in unserer begrifflichen Welt hinweisen.

"Wörtlich bedeutet Wu wei 'nicht eingreifen' oder 'nicht handeln', aber es geht dabei keineswegs um träges Nichtstun. Im Gegenteil bezieht der Begriff sich auf den dynamischen, mühelosen und unbefangenen Geisteszustand einer Person, die optimal aktiv und effektiv ist. Im Zustand des Wu wei hat man das Gefühl, nichts Besonderes zu tun, während man zur gleichen Zeit ein fantastisches Kunstwerk erschafft, gewandt mit einer komplexen zwischenmenschlichen Situation umgeht oder gar die ganze Welt in harmonische Ordnung versetzt. Ein angemessenes und wirkungsvolles Verhalten erfolgte so automatisch, wie der Körper sich dem verführerischen Rhythmus einer Melodie hingibt. Dieser harmonische Zustand ist zugleich komplex und ganzheitlich, da der den Körper, die Emotionen und den denkenden Geist integriert. Müsste man den Begriff übersetzen, so würde man ihn wahrscheinlich am besten mit 'mühelosem' oder 'spontanem Handeln' wiedergeben. [...] Ist man im Wu wei, so besitzt man De, was üblicherweise mit 'Tugend', 'Kraft' oder 'charismatische Kraft' übersetzt wird. De ist ein Strahlen, das andere wahrnehmen können, und es dient als nach außen dringendes Signal dafür, dass man sich in Wu wei befindet." S. 16

# Zu allen Zeiten haben Menschen versucht Ihre Umwelt zu verstehen und dazu, abhängig vom jeweiligen Erkenntnis- und Technikstand, geforscht und Erklärungsmodelle entworfen. Dem Menschen war schon immer bewusst, dass es, unabhängig von seinem individuellen Wirken, Kräfte gab, die sein Leben entscheidend beeinflussten. Als getrenntes und isoliertes Individuum hatte der Mensch kaum Überlebenschancen. Daher gab es schon immer die Vorstellung eines größeren Ganzen, welches die Existenz des Einzelnen fördern oder gefährden konnte. Teil eines größeren Ganzen zu werden, mit der Hoffnung, dass sich dadurch Vorteile für das eigene Leben ergeben, war die Grundlage für religiöse und philosophische Konzepte, aus denen sich dann die moderne Wissenschaft entwickelte. Der Ansatz von Slingerland besteht nun darin, klassische chinesische Vorstellungen über das Funktionieren der Welt mit aktuellen Erkenntnissen der westlichen Psychologie und der Neurowissenschaft in Beziehung zu setzen. Dabei wird deutlich, dass auch die, scheinbar überlegene, westliche Denkweise erweitert werden muss. Slingerland kritisiert beim westlichen Ansatz der Welterklärung hauptsächlich das dualistische Denken und den extremen Individualismus.

"Wenn wir den 'Westen' als die vorherrschende Denkweise im nachaufklärerischen Europa und seinen Kolonien begreifen, steht eines fest: Er neigt dazu, das rationale Denken als Essenz der menschlichen Natur darzustellen und die Logik als etwas, das sich in einem ätherischen, vollständig vom Lärm der physischen Welt um uns herum getrennten Bereich abspielt. Diese Ansicht ist stark dualistisch in dem Sinne, dass der Geist und seine vermeintlich abstrakte Rationalität als radikal verschieden vom Körper und dessen Emotionen sowie als ihm überlegen gesehen werden. Dieser Dualismus von Körper und Geist scheint zwar ein Grundelement der menschlichen Psyche zu sein, aber die Tradition, die von Platon bis Descartes reicht, hat vage Ahnungen über den Unterschied zwischen Menschen (die einen Geist besitzen) und Dingen (auf die das nicht zutrifft) in eine bizarre metaphysische Dichotomie zwischen einem völlig unsichtbaren, entkörperlichten Geist und der physikalischen Materie verwandelt, aus der unsere körperliche Welt besteht." S. 21

"Aus Sicht der 'verkörperten Kognition' sind auch Gedanken grundsätzlich mit Gefühlen verknüpft, was jede rigide Unterscheidung zwischen Rationalität und Emotion in Frage stellt. Außerdem betont  man in der Kognitionswissenschaft zunehmend die Tatsache, dass das menschliche Gehirn in erster Linie dazu konstruiert ist, das Handeln zu steuern, und nicht etwa zur Darstellung abstrakter Informationen - obgleich es das tun kann, wenn es nötig ist." S. 22

"Die Idealgestalt der westlichen Philosophie ist nicht nur vom Körper losgelöst, sondern radikal allein. Seit einigen Jahrhunderten dominiert bei uns eine Vorstellung der menschlichen Natur, die besagt, dass wir alle Individuen sind, die jeweils ihr eigenes Interesse verfolgen und nur auf objektiven Belohnungen und Strafen reagieren." S. 24

"In Wirklichkeit sind wir keine autonomen, unabhängigen rein rationalen Individuen, sondern emotionale Rudeltiere, die in jedem Stadium ihres Lebens aufs Engste von anderen Menschen abhängig sind. Wir kommen nicht deshalb gut miteinander aus, weil wir zur Kosten-Nutzen-Rechnung in der Lage sind, sondern weil wir emotionale Bindungen zu unserer Familie und unserem Freundeskreis haben und darauf ausgerichtet sind, eine Reihe von Werten zu akzeptieren, die es uns erlauben, spontan mit anderen Mitgliedern unserer Gesellschaft zu kooperieren." S. 25

# Slingerland präsentiert in seinem Buch die These, dass die Ausführungen der klassischen chinesischen Philosophie bezüglich "Wu wei" und "De" mit der Dual Process Theory, nach der Interpretation von Daniel Kahnemann, in Übereinstimmung gebracht werden können. Daniel Kahnemann, Träger des Wirtschafts-Nobelpreises von 2002, ist in der Öffentlichkeit durch sein Buch "Schnelles Denken, langsames Denken" (Deutsche Ausgabe, Siedler Verlag, 2012) bekannt geworden. Kahnemann postuliert zwei Arten des Denkens, welche er als System 1 und System 2 bezeichnet.

"Neuere Forschungen weisen darauf hin, dass diese Vorstellung nicht unbegründet ist. Obwohl es nur ein Ich gibt, sind wir in einem bedeutsamen funktionalen Sinn tatsächlich in zwei Wesen gespalten. Inzwischen besteht Übereinstimmung darüber, dass das menschliche Denken aus zwei eigenständigen Systemen besteht, die sehr unterschiedliche Eigenschaften besitzen. Das erste und wichtigere dieser Systeme (implizite, heiße Kognition oder 'System 1') ist rasch, automatisch, mühelos und hauptsächlich unbewusst. Es entspricht mehr oder weniger dem, was wir als 'Körper' bezeichnen, während das Zhuangzi von einem 'himmlischen Mechanismus' spricht. Das zweite (explizite, kalte Kognition oder 'System 2') ist langsam, überlegt, mit Anstrengung verbunden und bewusst. Es entspricht in etwa unserem 'Geist' im Sinne unseres Denkens, das heißt unserem bewussten, verbalen Selbst." S. 42

"Das Ziel von Wu wei besteht darin, diese zwei Teile des Selbst zu einer glatten, effektiven Zusammenarbeit zu bewegen. Ist man in Wu wei, so ist der Geist verkörperlicht, und der Körper ist 'vergeistigt'. Dadurch sind die beiden Systeme - heiß und kalt, schnell und langsam - vollständig integriert, und es entsteht eine intelligente Spontaneität, die perfekt auf die jeweilige Umgebung eingestellt ist." S. 44

# Slingerland erweitert allerdings den Begriff der Spontaneität des Wu wei um die Abhängigkeit von sozialer Interaktion und gemeinsamen Werten. Sehr zu Recht mahnt Slingerland, dass bei der Übertragung klassischer chinesischer Begriffe der jeweilige zeithistorische und kulturelle Kontext beachtet werden muss. Die traditionellen Texte sind auf der Grundlage der vorhandenen Denksysteme und des damaligen Sach- und Kenntnisstandes verfasst worden, sie beschreiben aber Phänomene, die auch von der heutigen modernen Wissenschaft untersucht werden. Allerdings grenzt Slingerland seine Interpretation der Spontaneität von dem Begriff des Flow ab, welcher von dem Psychologieprofessor Mihály Csíkszentmihályi geprägt wurde.

"Für die alten Chinesen ging es bei Wu wei nicht nur darum, wie man sich innerlich fühlt und in welchen Maße das bewusste Gehirn die Kontrolle innehat. Letztlich war es das Ziel, für sich den richtigen Ort im Kosmos zu finden. Auch im heutigen Leben ist das von großem Interesse." S. 56

"Bei uns wird Spontaneität normalerweise mit Individualität assoziiert - man tut einfach, was man will. Wu wei hingegen bedeutet, zu einem Teil von etwas Größerem zu werden, der kosmischen Ordnung, für die das Dao steht. Der siebzigjährige Konfuzius und die daoistischen Weisen bezeichnen Wu wei als einen mit dem Universum 'übereinstimmenden' Zustand." S. 59

"Die grundlegende religiöse Natur von Wu wei zu begreifen, ist nicht nur aufgrund der historischen Genauigkeit von Bedeutung. Unter anderem wird das Beispiel einer Person, die eine körperliche Fertigkeit meistert (wie das Schlachten von Ochsen), aus einem nützlichen Gleichnis zu einem Missverständnis, wenn man es aus seinem ursprünglichen kulturellen und religiösen Zusammenhang herausgelöst." S. 59

"Nach Ansicht Csikszentmihalyis ist das all diesen Erfahrungen gemeinsame Merkmal - die Grundbedingung für Flow - ein exaktes Gleichgewicht von Anforderung und Fertigkeit (oder Fähigkeit). Flow tritt ein, wenn wir den Idealpunkt zwischen zu leicht und zu schwer treffen. Da Fertigkeiten sich mit der Zeit verbessern, kommt es zu einem 'spiralförmigen(n) Höherschrauben der Komplexität'. Die Flow-Dynamik, meint Csikszentmihalyi, 'veranlasst den Menschen, sich 'zu strecken', immer neue Herausforderungen zu suchen und erneut angemessene Fähigkeiten zu entwickeln'. Diese Betonung von Anforderung und Komplexität ermöglicht es uns am besten, den Unterschied zwischen Flow - zumindest wie Csikszentmihalyi ihn definiert - und Wu wei zu erkennen. Deutlich wird auch, wie der westliche Individualismus bestimmte bedeutsame Aspekte der Spontaneität überdeckt, die im frühen China besonders geschätzt wurden." S. 60

# Im mittleren Teil seines Buches untersucht Slingerland, wie die frühen chinesischen Denker Wu wei verstanden und beschrieben haben und mit welchen Strategien sie den Zustand des Wu wei hervorrufen wollten. Die folgende Tabelle von S. 281 zeigt eine Zusammenfassung der erwähnten Denker: Konfuzius (Kapitel 3 ab S. 73), Laozi (Kapitel 4 ab S. 109), Mengzi (Kapitel 5 ab S. 144) und Zhuangzi (Kapitel 6 ab S. 177).

DenkerSchuleTexteStrategie
Konfuzius und Xunzi
(Hsün-tzu)
KonfuzianismusGespräche, das Xunzi'Schnitzen und Polieren': Streng dich intensiv über lange Zeit hinweg an!
Laozi
(Laotse)
DaoismusDas Laozi oder Daodejing'Unbehauner Klotz': Hör sofort auf, dich anzustrengen, und kehre heim!
Mengzi
(Menzius)
KonfuzianismusDas Mengzi'Die Sprossen kultivieren': Streng dich an, aber erzwinge nichts!
Zhuangzi
(Tschuang-tse)
DaoismusDas Zhuangzi'Loslassen': Versuch, Anstrengung und Nichtanstrengung zu vergessen; gib dich einfach dem Fluss hin!

# Bereits der englische Buchtitel "Try not to try" weist auf die grundsätzliche Problematik des Wu wei hin, denn Wu wei ist letztlich ein Paradox. Wie kann durch Anstrengung ein absichtsloses, selbstvergessenes, spontanes und müheloses Handeln erreicht werden? Slingerland meint, dass dies nicht nur ein Grundproblem der ostasiatischen Religionen war, sondern das auch in anderen Denkrichtungen dieses Paradox bekannt war. Er nennt explizit Platon, Aristoteles, Augustinus, Alasdair MacIntyre oder die Bagavad Gita (S. 217).

# Slingerland kommt in seinem Buch nun zur entscheidenden Frage: Warum war es im antiken China überhaupt so erstrebenswert den Zustand des Wu wei zu erreichen? Weil durch Wu wei auch De (Tugend, Kraft oder charismatische Kraft) erlangt werden kann. De wird von Slingerland auch beschrieben als "… eine Art psychischer Energie, die dazu führt, dass andere Wesen natürlicher wie übernatürlicher Art sich dem Besitzer - hier dem König - verpflichtet fühlen und den Wunsch verspüren, ihm zu gehorchen oder zu helfen." (S. 221). Die Schriften der klassischen chinesischen Denker werden im Westen sehr oft missverstanden und meist aus einer spirituell-religiösen oder esoterischen Perspektive betrachtet. Dabei ging und geht es im chinesischen Denken hauptsächlich um gesellschaftspolitische Themen und Fragen der Staatsführung. Viele Texte, auch das Daodejing (siehe Link unten), sind eigentlich politische Schriften, die sich meist an einen Herrscher wenden. Nach der traumatischen Zeit der 'Kämpfenden Staaten' (453-221 v. Chr.) war die Wiederherstellung einer harmonischen sozialen Ordnung unter Führung eines Herrschers ein zentrales Anliegen aller chinesischen Denkschulen. Die Stellung des Herrschers wurde dabei nicht in Frage gestellt, da sie als einzige Möglichkeit zur Herstellung eben dieser Ordnung gesehen wurde.

# Zur Entstehung der Bedeutung von De liefert Slingerland einen interessanten evolutionsbiologischen Ansatz. Die Qualität des De wurde wichtig, als der Mensch, bedingt durch die Entwicklung der Landwirtschaft während der neolithischen Revolution, den Wandel von kleinen, umherstreifenden Gruppen von Jägern und Sammlern zu großen und komplexen Gesellschaften vollzog. Dieser Wandel konnte nur gelingen, weil die neuen menschlichen Gesellschaftsformen nicht nur durch Gesetze, sondern hauptsächlich durch gemeinsame Werte zusammengehalten wurden. Nach Ansicht von Slingerland funktionierte dies nur, weil "... der Übergang zur 'Zivilisation' - von lateinisch civis, 'Bürger' - nicht gelungen ist, indem wir bewusst unsere Stammesemotionen unterdrückten, sondern indem wir unsere kalte Kognition dazu einsetzten, unsere Instinkte durch einen Prozess der emotionalen Schulung zu erweitern und umzudirigieren." (S. 224). Die soziale Kooperation in komplexen Gesellschaften gelang nur, weil der Konflikt zwischen Verpflichtungen gegenüber der Familie oder dem Stamm und Pflichten gegenüber dem Staat gelöst wurde. Durch gemeinschaftliche Werte konnte gegenseitiges Vertrauen hergestellt werden. Werte und Vertrauen wurden, nach Meinung von Slingerland, durch biologische Signale bestätigt und überprüft.

"Viele Anthropologen sind der Meinung, dass solche grundsätzlich nicht vortäuschbaren Signale auch vom Menschen verwendet werden, um sich in Gruppen als sozial zuverlässig und loyal darzustellen. Das wäre ein Fall von kultureller statt genetischer Signalisierung." S. 231

"An dieser Stelle gewinnen subtilere physiologische Signale an Bedeutung. Das bewusste Denken kann lügen, betrügen und manipulieren, aber zu den hervorspringenden Merkmalen der heißen Kognition gehört, dass diese normalerweise nicht der bewussten Kontrolle unterworfen ist. Der Körper neigt dazu, die Wahrheit zu sagen." S. 234

"Wenn Emotionen ein nützliches soziales Signal darstellen, so liegt das unter anderem daran, dass sie sich Nervenbahnen bedienen, die kaum der bewussten Kontrolle unterliegen. Ganz außerhalb der Reichweite unserer kognitiven Kontrollzentren liegt jedoch wenig; selbst tiefsitzende und relativ automatische Emotionen können durch genügend Übung bewusst kontrolliert werden." S. 240

# Basierend auf den oben genannten Erkenntnissen behauptet Slingerland nun, dass sich durch Wu wei und De die gewünschten biologischen Signale herstellen lassen. Wu wei und De waren deshalb so erstrebenswert, weil es dem Einzelnen Vorteile im sozialen Miteinander verschaffte.

"All dies lässt vermuten, dass ehrliches Verhalten von automatischen mentalen Prozessen gesteuert wird, während beim Lügen und Vortäuschen, kontrollierte Prozesse zum Zuge kommen. Anders gesagt, ist ein müheloses, unbefangenes Verhalten im Sinne von Wu wei wie ein Fenster zu unserem wahren Charakter." S. 242

"Sowohl Konfuzianer wie Daoisten sind der Meinung, man könne De nur dann erwerben, wenn man ernsthaft den 'Weg' verfolge. In diesem Sinne dient die Kraft von De als spürbares, nicht vortäuschbares Signal dafür, dass man den Werten der Gruppe verpflichtet ist. Während die körperliche Effizienz, die man in Wu wei gewinnt, durchaus als wichtig gilt, sind letztendlich doch die sozialen Auswirkungen, die am meisten geschätzt werden. Aus heutiger Perspektive können wir De mit der Körpersprache gleichsetzen, die man zur Schau stellt, wenn die kognitiven Kontrollzentren heruntergefahren sind. In diesem Zustand ist man wirklich spontan." S. 242

"Das De ist also so kraftvoll, weil es offenbart, wer wir wirklich sind. Nicht wie wir nach Meinung unseres bewusstes Denkens in einem bestimmten Augenblick und im Umgang mit bestimmten Menschen sein sollten, sondern wie wir wirklich sind, wenn wir uns entspannt auf unsere heiße Kognition verlassen." S. 243

"Aus evolutionärer Perspektive ist die Verbindung zwischen Wu wei und De vollkommen einleuchtend. De ist die attraktive Schwingung  - eine Kombination aus Körpersprache, Mikroemotionen, Tonfall, Gesamterscheinung -, die Menschen ausstrahlen, wenn sie ehrlich, aufrichtig, selbstsicher und entspannt sind. Attraktiv ist sie deshalb, weil sie ein relativ schwer zu fingierendes Signal für einen vertrauenswürdigen Kooperateur darstellt, und aufgrund der Logik des zivilisierten Lebens sind wir sehr daran interessiert, verlässliche Kooperateure von unzuverlässigen Nutznießern zu unterscheiden. Der beste Moment, nach solchen Signalen für Verlässlichkeit Ausschau zu halten, ist dann, wenn alle Beteiligten die Deckung herunternehmen - wenn wir tanzen, singen, trinken und spielen. Wie im zweiten Kapitel erläutert, gehört zu den entscheidenden Merkmalen von Wu wei das Gefühl, in einem größeren, als wertvoll empfundenen Ganzen aufzugehen." S. 245

"In einem wichtigen Sinne ist uns klar, dass Charaktertugenden nicht einfach erworben können, indem wir uns anstrengen - entweder man hat sie oder man hat sie nicht. Es ist dieser Unterschied zwischen Fertigkeiten und Tugenden, der letztendlich hinter dem Paradox des Wu wei steht. Obwohl die frühen frühen chinesischen Denker - wie übrigens auch Aristoteles - Geschichten von Handwerkern wie Metzger Ding und Holzschnitzer Qing verwenden, um die Aspekte von Wu wei zu illustrieren, ist die Art Wu wei, um die es ihnen geht, moralischer Natur. Sie wollen Kooperation und Tugend fördern, nicht ein geschicktes Fleischerhandwerk. Das Paradox ergibt sich, weil jene Tugenden, die man an anderen schätzt, darauf beruhen, wer man ist, und nicht notwendig darauf, was man tut. Sie gründen auf stabile, innere Zustände, nicht auf äußerliches Verhalten. Was dabei zählt, sind Werte, nicht bloßes Handeln, weil es das Bekenntnis zu gemeinsames Werten ist, das die Funktion großer Gemeinschaften garantiert. Deshalb reicht es nicht aus, etwas Großzügiges zu tun, man muss eine großzügige Person werden. Da das jedoch eine enorm schwierige Aufgabe darstellt, ist echtes Wu wei einerseits naturgemäß schwer zu erlangen und stellt andererseits ein derart starkes Signal der Vertrauenswürdigkeit dar, wenn wir es doch schließlich erworben haben. Von in wahrem Wu wei ruhenden Menschen werden wir durch die Kraft ihres De angezogen, weil wir evolutionär darauf gepolt sind, Signalen zu folgen, die eine aufrichtige Persönlichkeit anzeigen." S. 249

# Die vorherigen Aussagen zeigen, welche Vorteile Wu wei und De für den Einzelnen und für die Gesellschaft haben. Allerdings bleibt immer noch unklar, wie Wu wei und De zu erwerben sind.  Das letzte Kapitel im Buch lautet: "Von Wu wei lernen - Mit dem Paradox leben" (S. 251). Slingerland weist daraufhin, dass, nach seinem Kenntnisstand, keine Kultur auf der Welt eine Lösung für dieses Problem gefunden hat, obwohl in allen Kulturen verstanden wurde, dass "… es zumindest etwas gibt, was wir an uns und unseren Beziehungen zu anderen Menschen ändern müssen." (S. 253). Als einen der möglichen Wege nennt Slingerland die sozio-kulturelle Formung des Menschen durch Rituale und Gewohnheiten, wie sie etwa von Konfuzius und Xunzi gelehrt wurde.

# Sehr kritisch sehe ich Slingerlands Ausführungen, wenn er Wu wei und De als etwas grundsätzlich Gutes und Positives, auch im Zusammenhand mit moralischen Kategorien, beschreibt. Ob positiv oder negativ ist schließlich eine Frage des Standpunktes und der Bewertung. Moralische Bewertungen beziehen sich immer auf spezifische Festlegungen eines Individuums oder einer Gruppe. Auch in einer Diktatur gibt es Werte und Moral. Und auch Tyrannen und Massenmörder können Wu wei und De besitzen. Vielleicht ist diese positive Sichtweise von Slingerland dem nordamerikanischen-kanadischen Optimismus geschuldet. In Europa haben wir andere Erfahrungen mit dem De, also der charismatischen Ausstrahlung, von Demagogen und der Gleichschaltung und Umerziehung ganzer Bevölkerungen. Und wenn Slingerland schreibt: "Wahres De, wahre Attraktivität, entsteht durch die aufrichtige Hingabe an ein größeres, mit Werten besetztes Ganzes …" (S. 262), so bekommt diese Aussage einen bitteren Beigeschmack, wenn wir uns die vielen Gräueltaten anschauen, die im Namen eines, irgendwie benannten, größeren Ganzen erfolgt sind.

# Den letzten Abschnitt seines Buches überschreibt Slingerland mit "Den Körper ernst nehmen" (S. 270). Er ist der Ansicht, dass "… das westliche Denken der letzten Jahrhunderte so besessen von entkörperlichter Rationalität war, das die verkörperte Spontaneität - samt der besonderen inneren Spannungen, die sie enthält - aus dem Blick geraten ist." (S. 271). Dabei wäre die Einbeziehung des Körpers für alle Lebensbereiche von großer Bedeutung. Bezüglich der chinesischen Philosophen ist Slingerland der Meinung, dass diese einen tiefsitzenden Argwohn gegenüber dem abstrakten Denken hatten (S. 273) und stellt sich die Frage, ob sich daraus Auswirkungen auf den geschichtlichen Ablauf ableiten lassen.

"Man gelangt zunehmend zu der Erkenntnis, dass das Wissen, auf das wir uns am stärksten verlassen, ein heißes emotional verankertes 'Wissen, wie' und kein kaltes, leidenschaftsloses 'Wissen, dass' ist. Wir sind zum Tun geschaffen, nicht zum Denken. Das hat bedeutsame Folgerungen für viele Aspekte unseres Lebens: für die schulische und berufliche Bildung, das Führen öffentlicher Debatten, die politische Entscheidungsfindung und dafür, wie wir an persönliche Beziehungen herangehen." S. 271

"Wir denken in emotionsgeladenen, verkörperten Bildern, und solange wir dieses 'Leben in Metaphern', wie Georg Lakoff und Mark Johnson es nennen, ignorieren, bleiben wir in diesen Bildern gefangen. Da die frühen chinesischen Philosophen ein handlungsorientiertes Modell der Vervollkommnung im Sinn hatten, konzentrierten sie sich darauf, das körperliche Denken durch Körperübungen, Visualisierungen, Musik, Ritual und Meditation zu schulen." S. 272

"Wer die Klassiker nur auswendig lernt, ist noch kein wahrer Gentleman - man muss dieses Wissen verkörperlichen, es zu einem Teil des körperlichen Seins machen. Das steht im Zentrum der altchinesischen Schulung. Sie zielte darauf ab, eine Art flexibles Know-how hervorzubringen, das zu einem erfolgreichen Umgang mit der Welt befähigte. Deshalb sollte die Schulung analog, ganzheitlich und handlungsorientiert sein." S. 272

"Es ist eine interessante Frage, inwiefern sich die Geistesgeschichte Asiens und Europas anders entwickelt hätte, wenn sich der Mohismus oder eine andere rationalistische Denkrichtung des frühen Chinas gegen den Konfuzianismus durchgesetzt hätte oder wenn das eher körperbezogene aristotelische Modell im Westen dominant geblieben wäre. Die abstrakte, rationalistische Strategie hat zweifellos ihre Vorzüge; vor allem war sie ein entscheidender Faktor bei der Entwicklung der westlichen Naturwissenschaft. Diese wiederum war die Grundlage einer technologischen und ökologischen Revolution, der zufolge europäische Schiffe in China auftauchten, um dort Kolonien zu etablieren statt andersherum." S. 273

# Slingerland formuliert in seinem Buch die These, dass sich die klassischen chinesischen Begriffe "Wu wei 無爲" und "De 德" aus evolutionsbiologischen Erfordernissen herleiten lassen. Nach der neolithischen Revolution entstanden komplexe Gesellschaften, die nur auf der Basis gemeinsamer Werte funktionierten. Für den Einzelnen war daher der Erwerb von nicht vortäuschbaren körperlichen Signalen von Vorteil, um sich in der Gemeinschaft als sozial zuverlässig und loyal darzustellen. Das Dao 道, das größeres Ganze also, wird von Slingerland auf die sozio-psychologische Interaktion innerhalb menschlicher Wertegemeinschaften reduziert. Persönlich bin ich der Meinung, dass die menschliche Innen- und Umwelt weit mehr umfasst als das soziale Miteinander. Dao 道 bedeutet für mich daher eher eine Art kosmische Ordnung oder innewohnendes Prinzip des Universums und "Wu wei als einen mit dem Universum 'übereinstimmenden' Zustand." (S. 59). Zum Schluss noch ein Hinweis von Slingerland zum Umgang mit einem Paradox:

"Wo stehen wir nun? Wenn das Paradox so fundamental ist, weil es von den Grundstrukturen des Lebens in der Zivilisation herrührt, dann ist es nicht weiter überraschend, dass keiner der frühen chinesischen Denker eine idiotensichere Lösung dafür gefunden hat und dass sich diese innere Spaltung in zeitlich und räumlich weit voneinander getrennten Kulturen feststellen lässt. Deswegen bezeichnen wir etwas ja als 'Paradox' - gäbe es eine Lösung, so würden wir es begrifflich zu einem 'Problem' oder 'Rätsel' zurückstufen. Paradoxe sind nichts, was man löst, sondern etwas, womit man zu leben lernt." S. 250

Inhalt

Einleitung - S. 7

1 Geschickte Handwerker und kultivierte Gentlemen
Das Prinzip des Wu wei - S. 31

2 Trunken vom Himmel
Die soziale und spirituelle Dimension von Wu wei - S. 54

3 Streng dich an, dich nicht anzustrengen
Wie das Selbst geschnitzt und poliert wird - S. 73

4 Hör auf, dich anzustrengen
Der unbehauene Klotz - S. 109

5 Streng dich an, aber nicht zu sehr
Die Kultivierung der moralischen Sprossen - S. 144

6 Vergiss es einfach
Sich dem Fluss hingeben - S. 177

7 Das Paradox des Wu wei
Spontaneität und Vertrauen - S. 214

8 Von Wu wei lernen
Mit dem Paradox leben - S. 251

Danksagung - S. 276
Anhang: Die frühen chinesischen Denker im Überblick - S. 281
Anmerkungen - S. 283
Bibliografie - S. 325
Register - S. 344

Wie wir mehr erreichen, wenn wir weniger wollen - Das Wu-Wei-Prinzip, Edward Slingerland, Berlin Verlag, 2014