Buchtipp: "Zuhause im eigenen Körper" von Sabine Ecker

Erstellt von Michael Ditsch | | BewegtSein & Balance

Sich mit Freude spüren - Strategien für eine lebendige Körperwahrnehmung

Wer kennt das nicht? Eine ärgerliche Situation zuhause, und der Magen verkrampft sich, Stress im Job, und der Rücken beginnt zu schmerzen. Ein herzliches Lachen, und der Brustkorb wird ganz leicht und frei. Körperliches und seelisches Wohlbefinden hängen eng zusammen und bedingen sich gegenseitig. Wer den Kontakt zu seinem eigenen Körper verbessern und sich in seiner Haut wieder wohlfühlen möchte, findet hier eine Vielzahl praktischer Tipps und Übungen zur Körperwahrnehmung, z. B. zu den Bereichen Atmung, Körperhaltung, Regulation von Anspannung und Entspannung, Umgang mit Gefühlen, liebevolle Zuwendung zum eigenen Körper, chronischer Schmerz sowie Sexualität. Nützliche Hintergrundinformationen helfen außerdem, den eigenen Körper und seine Signale besser zu verstehen. © Bild und Text Beltz Verlag. Zuhause im eigenen Körper - Sich mit Freude spüren - Strategien für eine lebendige Körperwahrnehmung, Sabine Ecker, Beltz Verlag, 2015

Kommentar

# Bei meiner ständigen Literaturrecherche zum Thema Körper und Geist stoße ich hin und wieder auf Bücher, welche mich nicht nur fachlich, sondern auch persönlich sehr ansprechen. Sabine Ecker hat ein solches Buch geschrieben. In einem kompakten Buchformat hat sie auf 197 Seiten eine gelungene Verbindung von theoretischen Hintergrundinformationen, praktischen Anleitungen und persönlichen Erfahrungen niedergeschrieben. Ein Praxisbuch, welches auf jeder Seite den Leser spüren lässt, wie sehr die Autorin mit ihrem Thema verbunden ist. Auch die Lebensdaten zeigen, dass für Sabine Ecker die Auseinandersetzung mit Körper und Psyche eine Herzensangelegenheit ist und schon immer eine wichtige Rolle in ihrem Leben spielte. Sie praktizierte asiatische Kampfkünste und verschiedene Arten der Körperarbeit, war Masseurin in einem medizinischen Beruf, absolvierte ein Psychologiestudium und ist nun als Psychotherapeutin in eigener Praxis tätig.

"Was mich daran so anhaltend faszinierte? Neben der Freude an der Bewegung und an dem lebendigen Gefühl, im Körper zu sein, wurde auch immer wieder spürbar für mich, wie eng inneres Erleben und Körperausdruck verknüpft sind. Ich bemerkte, wie sich mein Umgang mit mir selbst und anderen Menschen veränderte durch die Beschäftigung mit diesen Erfahrungen, und dass in der Arbeit mit dem Körper […] Ängste und andere innere Hindernisse sofort ganz konkret spürbar und bearbeitbar wurden, über die ich auf einer rein intellektuellen Ebene lange ergebnislos hätte reden können. Auf diese Art die eigenen Grenzen zu erweitern, ist ein Weg, den man lebenslang immer wieder neu entdecken und gestalten kann. Dieses Buch ist daher ein persönliches geworden." S. 8

# Die Grundlagen der menschlichen Wahrnehmung erläutert Sabine Ecker in den ersten beiden Kapiteln und stellt in ihren Ausführungen die lebenswichtige Bedeutung der Eigenwahrnehmung in den Mittelpunkt. Die Autorin erläutert sehr verständlich, dass unsere Innen- und Außenwahrnehmung kein 'objektives' Abbild der 'Wirklichkeit' liefert, sondern immer eine Konstruktion und Interpretation auf der Grundlage innerer Prozesse und unserer Vorerfahrungen darstellt. Sehr gut beschreibt sie die entwicklungspsychologische Entstehung von Körpergefühl, Körperbild und Körperwahrnehmung. Bei der Erläuterung der Verbindung von Körper und Bewusstsein bezieht sich Sabine Ecker auf die Theorie der somatischen Marker des Neurowissenschaftlers Antonio Damasio. In seinem 1994 auf Deutsch erschienen Buch "Descartes’ Irrtum" behauptet Damasio, dass die Trennung zwischen Körper und Geist (Dualismus) ein Irrtum sei. Bewusstsein ist vielmehr ein biologischer Prozess des Gehirns und deshalb sind Körper und Geist untrennbar verbunden. Für Damasio ist der Körper ein Bezugssystem für alle neuronalen Prozesse. Nach seiner Theorie werden unsere Entscheidungen und Bewertungen durch Körpersignale unseres emotionalen Erfahrungsgedächtnis, den somatischen Markern, beeinflusst. Die beiden Einführungskapitel sind wesentlich für das Verständnis und die weitere Lektüre des Buches, da die Beschäftigung mit dem menschlichen Körper-Geist System sehr durch die persönliche Weltanschauung geprägt ist. Gerade Praktizierende ostasiatischer Kampf- oder Gesundheitskünste sind meist sehr aufgeschlossen gegenüber Theorien die eher die Einheit von Körper und Geist betonen.

# In den nächsten beiden Kapiteln "Wenn Menschen ihren Körper nicht spüren" und "Umgang mit unangenehmen Gefühlen" beschäftigt sich Sabine Ecker mit der Frage, warum viele Menschen mit Gefühlen und Körperempfindungen Probleme haben. Ursache und Lösung lassen sich bei dieser Frage wieder in der Entwicklungspsychologie finden. Ein mögliches Modell stammt von der Psychologin Maja Storch, die sich wiederum auch auf Antonio Damasio bezieht. Die Leiterin des Instituts für Selbstmanagement und Motivation Zürich ist bekannt für die Entwicklung des Zürcher Ressourcen Modells, bei dem auch der Körper in die Bildung eigener Selbstmanagementfähigkeiten einbezogen wird. Maja Storch unterscheidet "… zwischen den 'Körperlosen', die ihren Körper gar nicht (mehr) wahrnehmen und den 'Unsicheren', die ihre Körpersignale zwar durchaus wahrnehmen, sich aber bei ihren alltäglichen Entscheidungen nicht nach ihnen richten." S. 38. Meist sind diese körperpsychologischen Muster schon im frühen Kindesalter gelernt worden. Gelernte Muster können auch wieder verlernt werden, was die Basis für viele Psycho- und Körpertherapien bildet.

"Bei Menschen, die schon früh in der Kindheit immer wieder extrem beängstigenden Erfahrungen hilflos ausgeliefert waren, können sich solche biologische vorgegebenen Reaktionsmuster zu einer gewohnheitsmäßigen Grundhaltung gegenüber dem Leben verfestigen, die sich u. a. in der Atmung, Körperhaltung, Bewegung, Muskelspannung, Mimik und Gestik sichtbar ausdrückt. Diese ist als körperliches Muster nicht nur im Nervensystem, sondern auch im Bindegewebe gespeichert." S. 48

"Oft berichten Menschen auch, dass ein Training der Körperwahrnehmung (z.B. eine länger dauernde Praxis von Yoga oder Taijiquan) ihnen dabei geholfen hat, ihren Körper ganz neu zu erleben und eine bessere Selbstfürsorge zu entwickeln. Eine Angst oder Selbstbeengung, die sich im Körpergedächtnis löst, kann sich dann viel leichter auch in den Gedanken auflösen." S. 49

"In meiner praktischen Erfahrung als Psychotherapeutin habe ich festgestellt, dass bei vielen der Probleme, mit denen sich meine Patienten herumplagen (ob das nun Angststörungen, Depressionen, chronische Schmerzen, Essstörungen oder Traumafolgestörungen sind), das Vermeiden der eigenen Gefühle und Körperempfindungen eine ganz zentrale Rolle spielt." S. 50

"Um Lösungen zu finden, ist es daher entscheidend, das diese Menschen den Mut finden, sich der Wahrnehmung ihres Körpers wieder zuzuwenden. Man könnte auch sagen: ihren eigenen Körper wieder zu bewohnen, sich darin zuhause zu fühlen und dieses Zuhause auch gut zu pflegen, damit es bewohnbar bleibt. Oft merkt sich der Körper wichtige Lebenserfahrungen auch in einer Art 'Körpergedächtnis', z.B. in Form starker Muskelverspannungen oder vegetativer Reaktionen." S. 50

# Die folgenden 6 Kapiteln behandeln Verfahren der Körper- und Bewusstseinsschulung. Es geht um: "Systematische Schulung der Körperwahrnehmung – welche Methode passt zu mir?", "Körperwahrnehmung – Gewahrsein im Alltag", "Atmung", "Ein Wohlgefühl im eigenen Körper finden: Anspannung und Entspannung", "Körperhaltung" und " Liebevolle Zuwendung zum eigenen Körper entwickeln". Diese Kapitel haben mich natürlich besonders angesprochen, da es hier um die praktische Umsetzung der gewonnen Erkenntnisse geht und weil Sabine Ecker den ostasiatischen Körper-Geist Systemen großen Raum einräumt. Sie macht sehr deutlich, dass wir die Wiederentdeckung unseres Körpergefühls den Einflüssen aus dem fernen Osten verdanken und das viele westliche körpertherapeuthische Verfahren hier ihre Wurzeln haben.

"Im christlichen Kulturraum gab es in den letzten Jahrhunderten eine starke Tendenz, zwischen Körper, Geist und Seele grundsätzlich zu unterscheiden und den Körper als etwas Minderwertiges, der Seele und dem Geist Untergeordnetes zu betrachten. In anderen Kulturkreisen und Religionen, die eine solche Trennung nicht in dieser Form vornahmen, war jedoch die Entwicklung von Bewegungskünsten oft eng verknüpft mit den geistigen und spirituellen Traditionen." S. 60

"In allen asiatischen Kampfkünsten, im Taijiquan […] und Qigong (beides sind Bewegungskünste, die aus China kommen) wie auch im Yoga (das aus Indien stammt) wird der Organismus als eine Einheit betrachtet. Eine hochdifferenzierte Schulung der Körperwahrnehmung, -haltung und -bewegung ist untrennbar verbunden mit den emotionalen, kognitiven und spirituellen Dimensionen der Praxis." S. 60

"Was ist 'Gewahrsein'? Unvoreingenommenes Wahrnehmen des gegenwärtigen Augenblicks [...] Dieser Begriff stammt aus der buddhistischen Lehre und Meditationspraxis und bedeutet, die Aufmerksamkeit absichtsvoll und nicht bewertend auf die Gegenwart zu lenken (anstatt sich in Gedanken an die Vergangenheit oder Zukunft zu verlieren) und die Dinge so wahrzunehmen, wie sie jetzt sind. Die Aufmerksamkeit bleibt auf das unmittelbare Erleben des gegenwärtigen Moments gerichtet, wobei man eine empirische, also unvoreingenommen forschende Grundhaltung einnimmt, die durch Neugier, Wissensdrang, Aufgeschlossenheit, Offenheit und Akzeptanz gekennzeichnet ist. Es wird kein bestimmter Zustand (wie etwa Entspannung oder innere Freude) angestrebt, sondern die auftauchenden Bewusstseinsinhalte (Körperempfindungen, Sinneswahrnehmungen, Gedanken, Gefühle) werden einfach zur Kenntnis genommen." S. 77

"Um ein Wohlgefühl im eigenen Körper finden zu können, ist es wichtig, sich mit den Phänomenen von Anspannung und Entspannung zu beschäftigen." S. 100

"Bei allen Arten körperlicher und seelischer Beschwerden ist es daher sinnvoll, sich zu überlegen, ob sie Ausdruck einer Über- oder eher einer Unterspannung sind, um entsprechend wirksame Behandlungsmaßnahmen entwickeln zu können." S. 102

"Wenn Sie einmal Menschen im Alltag beobachten, werden Sie feststellen, dass diese häufig viel mehr Energie verbrauchen als nötig, weil sie Muskeln anspannen, die für eine Bewegung eigentlich gar nicht gebraucht werden, oder weil sie sehr anstrengende und ungünstige Körperhaltungen einnehmen." S. 119

"Im Feldenkrais, in der Alexandertechnik, aber auch im Taijiquan und Qigong wird intensiv daran gearbeitet, eine günstige Körperhaltung zu entwickeln, die tiefes, ungehindertes Atmen sowie freie und mühelose Bewegungen ermöglicht und dabei möglichst wenig überflüssige Energie verbraucht. Auch in den Kampfkünsten ist das ein ganz zentraler Punkt, denn nur ein entspannter Muskel kann sich schnell bewegen, und nur bei gut zentrierter Körperhaltung wird eine effektive Kraftentfaltung möglich." S. 119

"…, dass das Arbeiten an der eigenen Körperhaltung sehr schnell dazu führt, dass Sie mit zentralen Punkten Ihrer eigenen Lebensauffassung konfrontiert werden: Wie gehe ich durchs Leben? Aufrecht und selbstsicher? Mit 'Rückgrat'? Traue ich mich, Raum einzunehmen? Oder ducke ich mich die ganze Zeit? Mache ich mich selbst klein, eng und quasi 'unsichtbar'? Daraus ergibt sich dann auch schnell die Frage: Wie viel Aufmerksamkeit und liebevolle Zuwendung bringe ich meinem eigenen Körper entgegen? Vielen Menschen fällt es leichter, sich um andere Menschen zu kümmern, während sie ihren eigenen Körper massiv vernachlässigen." S. 131

# Die letzten 3 Kapitel widmet Sabine Ecker dem "Umgang mit chronischen Schmerzen", der "Sexualität" und dem "Leben mit Traumata". Diese Themen gehen, meiner Meinung nach, über die Kompetenz eines Lehrers für Kampf- oder Gesundheitskünste hinaus und daher sollten  Behandlungen oder Übungen in diesen Bereichen nur unter Aufsicht von Fachleuten mit entsprechender medizinischer oder psychotherapeutischer Ausbildung angegangen werden. Sehr gut gefällt mir, dass Sabine Ecker die persönliche Verantwortung der Praktizierenden betont. Eine Schulung der Körperwahrnehmung durch einen Lehrer oder Therapeuten kann nur der Einstieg sein für einen eigenverantwortlichen Weg der Selbsterkenntnis und Selbsterfahrung.

# Abgerundet wird das Buch durch einen umfangreichen Anhang mit Übungsübersicht, Literaturempfehlung, Literatur- und Sachwortverzeichnis. Auch die Möglichkeit eine Zusammenstellung der Übungen online herunterzuladen ist sehr hilfreich. Das gelungene Buch überzeugt durch den klaren Bezug zur Übungspraxis und vor allem durch die erkennbare liebevolle Verbundenheit von Sabine Ecker mit dem Thema Körperwahrnehmung.

"Um anderen Menschen und der Welt insgesamt Liebe, Akzeptanz und Mitgefühl entgegenbringen zu können, ist es wichtig, zunächst einmal für sich selbst und den eigenen Körper Liebe, Akzeptanz und Mitgefühl zu entwickeln." S. 182

Inhalt

Vorwort Seite 7

  1. "Wahrnehmung" – was ist das überhaupt? - Seite 13
  2. Der Blick nach innen: die Körperwahrnehmung - Seite 20
  3. Wenn Menschen ihren Körper nicht spüren - Seite 36
  4. Umgang mit unangenehmen Gefühlen - Seite 50
  5. Systematische Schulung der Körperwahrnehmung – welche Methode passt zu mir? - Seite 60
  6. Körperwahrnehmung – Gewahrsein im Alltag - Seite 73
  7. Atmung - Seite 83
  8. Ein Wohlgefühl im eigenen Körper finden: Anspannung und Entspannung - Seite 100
  9. Körperhaltung - Seite 119
  10. Liebevolle Zuwendung zum eigenen Körper entwickeln - Seite 131
  11. Umgang mit chronischen Schmerzen - Seite 145
  12. Sexualität - Seite 160
  13. Leben mit Traumata - Seite 177

Anhang - Seite 187

Übungsübersicht - Seite 189
Möchten Sie weiterlesen? - Seite 191
Hinweise zum Online-Material - Seite 193
Literaturverzeichnis - Seite 194
Sachwortverzeichnis - Seite 195

Zuhause im eigenen Körper - Sich mit Freude spüren - Strategien für eine lebendige Körperwahrnehmung, Sabine Ecker, Beltz Verlag, 2015