Lesetipp: "Der kreative Mensch" Spektrum der Wissenschaft Spezial 2/2013

Erstellt von Michael Ditsch | | Körper & Psyche

Zwischen biologischer und kultureller Evolution

Die Suche nach den Anfängen unserer Kreativität gehört zu den spannendsten Forschungsfeldern überhaupt. Den Paläoanthropologen und Paläoarchäologen gelingen auf diesem Gebiet aufregende Entdeckungen. Die Experten deuten ihre Funde nach akribischen Analysen unter Berücksichtigung des gesamten Wissensstands. Was macht den Menschen aus? Was hebt ihn von anderen Primaten ab? Dies zu verstehen, dazu verhelfen auch Einblicke in die Anfänge, als unsere Vorfahren begannen, sich die Welt in neuer Weise anzueignen, Technologien weiterzuentwickeln und sich schließlich künstlerisch auszudrücken. Das Spezial "Der kreative Mensch" nimmt Sie mit in unsere ferne Vergangenheit. Es führt Sie von den Anfängen des Homo sapiens und seinen ersten Kulturspuren bis hin zum Leben in der Eiszeit. Der kreative Mensch - Zwischen biologischer und kultureller Evolution - Spektrum der Wissenschaft Spezial Archäologie - Geschichte - Kultur 2/2013. © Text und Bild Spektrum der Wissenschaft.

Kommentar

# Ein Seminar mit Jörg Krebber (siehe Link unten) und die Lektüre des Buches "Warum wir Hunde lieben, Schweine essen und Kühe anziehen" von Melanie Joy haben dazu geführt, dass ich mich wieder intensiver mit Ernährungsfragen beschäftigt habe. Leider werden auch im Bereich Ernährung, ähnlich wie bei den Themen Bildung, Spiritualität oder Gesundheit, sehr dogmatische und verbissene Debatten geführt.

# Das vorliegende Heft hatte ich mir hauptsächlich wegen des Artikels "Evolution am Kochtopf" von Olli Arjamaa und Timo Vuorisalo gekauft. In der Diskussion um die "richtige" Ernährung wird meist von Gegner einer vegetarisch-veganen Lebensweise mit der sogenannten "artgerechten Ernährung" des Menschen (siehe Link unten) argumentiert. Demnach sollte sich der Mensch wie in der Steinzeit ernähren, weil der menschliche Organismus daran gewöhnt ist. Doch hier beginnen bereits die Probleme. Die Steinzeit umfasst einen Zeitraum von ca. 2,5 Millionen Jahren, mit verschiedenen Hominidenarten und vielfältigen Lebensräumen. Außerdem gilt zu bedenken, dass die Quellenlage in der Paläontologie sich ständig verändert und viele Aussagen der Wissenschaftler auf Vermutungen basieren. Welcher Zeitpunkt, welcher Ort und welche Population wäre also für die heutige Ernährung des modernen Menschen maßgebend? Unumstritten scheint allerdings zu sein, dass der Fleischkonsum unserer Vorfahren wesentlich zur Entwicklung des Homo sapiens beigetragen hat. Allerdings stellt sich die Frage, ob sich die heutige Weltbevölkerung von ca. 7 Milliarden Menschen durch die Jagd auf Antilopen ernähren ließe. Die Qualität von Wildfleisch unterscheidet sich, meiner Meinung nach, erheblich von Fleisch aus der agrarindustriellen Massenproduktion.

# Der, meiner Meinung nach, gravierendste Fehlschluss ist allerdings die Annahme, dass sich der menschliche Organismus seit der Steinzeit nicht mehr verändert hat. Mit dem Erscheinen des Homo sapiens vor ca. 200000 Jahren hat die Evolution nicht einfach aufgehört. Unser Verständnis der evolutionären und genetischen Prozesse hat sich gerade in den letzten Jahrzehnten dramatisch verändert. Die Entdeckung epigenetischer Mechanismen (siehe Link unten) hat deutlich gezeigt, wie Gene und Umwelt sich ständig gegenseitig beeinflussen. Dieser Gesichtspunkt wird in dem hervorragenden Artikel von Olli Arjamaa und Timo Vuorisalo ab S. 30 sehr gut beschrieben.

"Denn auch die menschliche Ernährungsweise hat ihre biologische Evolutionsgeschichte, teils sogar in den einzelnen Kulturen eine eigene. Genmuster, die das Essen und seine Verträglichkeit betreffen, haben sich nicht selten im Lauf von Generationen spezifisch verändert und an neue Lebens- und Umweltsituationen angepasst - bis in jüngste Zeit. Auf dem langen Weg von archaischen Jägern und Sammlern bis zu unserer postindustriellen Gesellschaft mit ihrem Fastfood hat sich auch in genetischer Hinsicht viel getan. Solch eine Koevolution zwischen Ernährungsweise und Genen gab es schon bei der Menschwerdung. Dass sich unsere Vorfahren in Süd- und Ostafrika allmählich aus Früchte- zu Fleischfressern entwickelten, führten die Anthropologen noch vor wenigen Jahrzehnten allein auf biologische Anpassungen an eine sich klimatisch verändernde Umwelt zurück. Seit den 1970er Jahren geriet diese Vorstellung jedoch zunehmend ins Wanken. Wie sich immer deutlicher zeigte, waren die biologische und die kulturelle Evolution von Anfang an eng miteinander verzahnt." S. 30

"So zeigen mathematische Modelle, dass Kultur den Selektionsdruck verändern und sogar neue Evolutionsmechanismen hervorbringen kann - das betrifft etwa die Entwicklung der Kooperation. Mitunter sind diese Kräfte ziemlich stark, auch weil Kultur Verhalten einheitlicher macht. Die Vorstellung einer Koevolution von Kultur und Genen hilft, manche Besonderheiten in der Entwicklungsgeschichte der Menschheit besser zu verstehen. Das gilt insbesondere für Änderungen in der Ernährungsweise." S. 30

# Veränderungen in der Ernährungsweise sind z.B. die Erfindung des Kochens, oder anderer Kulturtechniken, wie z.B. der Anbau von Getreide. Diese kulturellen Errungenschaften haben auch den menschlichen Organismus und seine genetische Ausstattung verändert.

"Vor allem aber erhöht Garen den Wert der Nahrung. Es tötet nicht nur gefährliche Keime ab, sondern macht Fleisch und Pflanzenkost verträglicher und für den Organismus besser verwertbar. Gerade bei Pflanzen schließt Erhitzen manche Inhaltsstoffe erst auf. In der Savanne wachsen verschiedenste stärkehaltige Knollen, Wurzeln, harte Früchte und dergleichen, die der menschliche Darm roh schlecht verwertet. Feuer verhalf unseren Vorfahren somit auch zu einem breiteren Nahrungsspektrum." S. 34

"Einen drastischen Umbruch der menschlichen Lebens- und Ernährungsweise - und der genetischen Ausstattung dafür - markiert schließlich die neolithische Revolution, die vor rund 12000 Jahren im Nahen Osten einsetzte." S. 35

"Denn im Wechselspiel von kulturellem Wandel und biologischer Evolution änderten sich Gene für Enzyme zur Stärkeverwertung, die den frühen Bauern erst die gravierende Umstellung ihrer Kost erlaubten. Süß Schmeckendes, in der Vorzeit hauptsächlich in Form von Früchten, gehörte sicherlich von jeher zu den gesuchten Kalorienlieferanten der Hominiden. Aber erst das Enzym Amylase erlaubte ihnen, Stärke zu verwerten, weil es das Kohlehydrat bis hin zu Zuckermolekülen zerlegt. Außer der Bauchspeicheldrüse bilden auch unsere Speicheldrüsen im Mund das Enzym. Dabei handelt es sich allerdings um eine relativ späte Errungenschaft, die bei den Primaten und Nagetieren unabhängig voneinander auftrat. Im Verlauf dieser Evolution hat sich das von der Bauchspeicheldrüse genutzte Amylasegen verdoppelt, und die Kopie ist in den Speicheldrüsen aktiv geworden." S. 34

"Zu den bekanntesten Beispielen für eine Koevolution von kulturellen und genetischen Merkmalen gehört die Laktosetoleranz (Milchzuckerverträglichkeit) im Erwachsenenalter." S. 35

"Aber als die Viehwirtschaft aufkam, scheint sich die Laktosetoleranz dank starker Selektion sehr schnell verbreitet zu haben. Dieser Kulturwandel war somit nur möglich, weil er mit einer entsprechenden Änderung im Erbgut einherging." S. 36

"Findet auch heute noch eine Koevolution zwischen Kultur und Genen statt? Das ist anzunehmen. Moderne Beispiele sind die Disposition für ernährungsbedingte Zivilisationskrankheiten." S. 37

"Heutige Menschen besitzen nicht mehr durchweg die gleichen Gene wie ihre Vorfahren. Wir wurden also keineswegs mit dem Erbgut von Jägern und Sammlern auf das Fastfood-Zeitalter losgelassen. Gleichzeitig mit kulturellen Errungenschaften hat sich auch auf genetischer Ebene eine Menge getan - wie viel, werden zukünftige Forschungen erweisen." S. 37

# Das Zusammenwirken verschiedener Faktoren bei der menschlichen Evolution zeigt auch der Artikel "Warum wir nackt sind" von Nina G. Jablonski ab S. 22. Eine Klimaveränderung von ca. 3 Millionen Jahren führte in Afrika zu einer Reduzierung von Niederschlägen und der Bildung offener Savannen. Die Hominiden waren daher gezwungen weite Strecken zur Nahrungssuche zurückzulegen. Die Entwicklung des aufrechten Ganges ermöglichte unseren Vorfahren ausdauerndes und schnelles Laufen, allerdings mit dem Preis der Überhitzung. Der Verlust der Körperbehaarung und die Fähigkeit zu Schwitzen stellten daher einen enormen Vorteil dar, mit weitreichenden Konsequenzen.

"Offenbar stellte nackte Haut geradezu eine entscheidende Voraussetzung für andere menschentypische Errungenschaften dar: auch für unser großes Gehirn sowie die Sprache." S. 22

"Die Schutzeigenschaften unserer Haut verdanken wir der verhornten Oberhaut, der sogenannten Epidermis, genauer gesagt der äußeren Hornschicht, dem Stratum corneum. […] Die meisten an der Entwicklung der Hornschicht beteiligten Gene sind evolutionär uralt, und ihre Gensequenzen haben sich sonst bei den Wirbeltieren kaum verändert. Dass sie beim Menschen so stark von der Norm abweichen, zeigt, wie wichtig diese Mutationen zum Überleben der Hominiden waren." S. 27

"Der Verlust des Fells hatte auf die weitere Evolution des Menschen beträchtliche Auswirkungen. Das Gehirn ist unser temperaturempfindlichstes Organ. Wohl erst als unsere Vorfahren überschüssige Körperwärme leicht loswerden konnten, indem sie kräftig schwitzen, vermochte es sich stark zu vergrößern." S. 29

"Nicht zuletzt forderte die viele nackte Haut Umstellungen im sozialen Miteinander." S. 29

"Die nackte Haut machte uns zu Menschen." S. 29

# Lesenswert ist auch der Artikel " Die Geburt der Kreativität" von Heather Pringle ab S. 38. Auch dieser Artikel zeigt wieder sehr deutlich, dass viele einzelne Faktoren zusammenkommen müssen, damit sich neue biologische und kulturelle Eigenschaften entwickeln. Sehr gut hat mir die Verknüpfung von Tagträumen und sozialer Vernetzung gefallen.

"Aber was macht ein kreatives Gehirn anders? Mit einer Antwort tun sich die Experten noch schwer. Die Kognitionsforscherin Gabora erkennt jedoch in psychologischen Studien über kreative Menschen einen wichtigen Anhaltspunkt. Demzufolge sind diese hervorragende Tagträumer. Müssen sie sich mit einer schwierigen Frage auseinandersetzen, so lassen sie den Geist erst einmal in viele Richtungen schweifen. Gedanken und Erinnerungen aller Art dürfen frei spielen. Dabei können Ähnlichkeiten und Zusammenhänge aufscheinen, die zunächst nur eine vage Idee hervorrufen. Einen noch verschwommenen neuen Gedanken betrachten diese Menschen aber nun genauer, und sie verwenden jetzt auch stärker analytische Denkmuster. Irgendwann konzentrieren sie sich nur noch auf die wichtigen Aspekte - und klüngeln so schließlich etwas Passendes aus." S. 43

"Anthropologen sprechen hier vom Sperrklinkeneffekt (englisch: ratchet effect). Sie meinen damit einen stufenweisen kulturellen Fortschritt, sozusagen den Sprung über die jeweils nächste Hürde. Demnach werden einzelne Fähigkeiten von einem zum anderen und über Generationen weitervermittelt. Dabei treffen irgendwann mehrere verschiedene Entwicklungen zusammen- bis jemand eine zündende Idee hat, wie sich aus den verschiedensten Strängen etwas wirklich Neues machen lässt." S. 44

"Schon 2011 schrieben die Archäologien Fiona Coward von der University of London und Matt Grove von der University of Liverpool: 'So wie Viren nur unter bestimmten Bedingungen gedeihen, erfordert die Verbreitung kultureller Innovationen ein passendes, und zwar ein besonderes soziales Umfeld. Vor allem braucht es dazu große vernetzte Populationen, die sich gegenseitig 'anstecken' können.'" S. 45

# Wie fragil unser menschliches Dasein ist, zeigt der Artikel "Als die Menschen fast ausstarben" von Curtis W. Marean ab S. 46. Angesichts der dramatischen Krisen und Konflikte unserer heutigen Zeit, ist die Tatsache, dass wir alle von einer kleinen Gruppe von Menschen abstammen, die gemeinsam eine klimatische Katastrophe überlebt haben, sehr berührend. Wir sind also alle miteinander verwandt.

"Lebten vorher wohl stets über 10000 Erwachsene im fortpflanzungsfähigen Alter, so dürften es nun kaum noch einige hundert gewesen sein. Für den genauen Zeitpunkt jenes genetischen Flaschenhalses und die Größe der übrig gebliebenen Populationen liefern genetische Studien zwar unterschiedliche Schätzwerte, doch zeigen sie einhellig: Alle heute lebenden Menschen stammen offenbar von einer ganz kleinen Bevölkerungsgruppe ab, die irgendwo in Afrika jene Kaltphase überstand." S. 46

# Auch der Artikel  "Großeltern - Segen für die Gesellschaft" von Rachel Caspari ab S. 62 ist zunächst einmal sehr ernüchternd. Da wir mittlerweile an unsere heutige Lebenserwartung gewöhnt sind, fällt es schwer nachzuvollziehen, dass unsere Vorfahren in der Regel nur 30 – 40 Jahre alt wurden und Großeltern eigentlich gar nicht vorhanden waren. Beeindruckend ist daher die weitere Entwicklung, welche wieder aufzeigt, wie verschiedene Faktoren und Entwicklungsprozesse sich gegenseitig bedingen.

"Zwischen Neandertalern und europäischen Jungpaläolitikern gab es dagegen einen regelrechten Sprung: Das Verhältnis 'alt' zu 'jung' der Erwachsenen zum Zeitpunkt ihres Todes stieg plötzlich bei den Menschen der jüngeren Altsteinzeit um das Fünffache." S. 65

"Die Zahl der Menschen stieg deutlich, als vor 10000 Jahren die Landwirtschaft einsetzte und die ersten Pflanzen domestiziert wurden. Damit gingen Ernährungsumstellungen einher. Neuerungen wie diese - oder auch Ortsveränderungen in klimatisch andere Gebiete - sorgten immer wieder dafür, dass andere Genvarianten Vorteile boten und sich darum in den betreffenden Populationen bald durchsetzten. [...] Das Spektrum reicht von Erbanlagen für die Hautfarbe bis hin zu neuen Genen für Verdauungsenzyme, etwa für Milchzucker. Lebensdauer und kulturelle Neuerungen haben sich höchstwahrscheinlich schon in der jüngeren Altsteinzeit gegenseitig angetrieben. Vielleicht wurden die Menschen zunächst als Begleiteffekt irgendeines kulturellen Wandels etwas älter. Doch irgendwann bildete die Großelterngeneration schließlich ein festes Kennzeichen dessen, was Anthropologen unter Modernität und modernem Verhalten verstehen. Die damit einhergehenden Innovationen trugen ihrerseits zum Ansehen der Älteren bei - die möglichst lange leben sollten. Die Bevölkerung wuchs an, mit allen bekannten Folgen für Kultur und Erbausstattung." S. 67

# In seinem Artikel "Auf dem Weg zum Supermenschen" ab S. 68 beschreibt Robert M. Sapolsky die Entwicklung zum heutigen Menschen und seine derzeitige Lebenssituation. Besonders unsere sozialen Eigenschaften haben zu einer verstärkten Entwicklung unserer Intelligenz geführt. Hier zeigt sich wieder, wie genetische und kulturelle Entwicklungen einander bedingen. Sehr gut gefällt mir, wie der Autor die Fähigkeit zum Lösen wissenschaftlicher Fragestellungen als typisch menschliche Eigenschaft darstellt. Im Gegensatz zum Dogmatismus der Religionen, stellt die Wissenschaft vorhandene Theorien immer wieder in Frage und reißt bei einer Falsifizierung ganze Denkgebäude ein. Auch ideologisches Anhaften an Lehrmeinungen wird früher oder später durch experimentelle Beweisführung überwunden. Diesen bedingungslosen Willen zur Wahrheit und zur Erkenntnis besitzt neben der Wissenschaft auch wahre Spiritualität (siehe Link unten).

"Wir sind sehr soziale Wesen, und in diesem Punkt ist unsere Intelligenz ganz besonders ausgeprägt." S. 70

"Der Selektionsvorteil eines hochgradig sozialen Gehirns ist offensichtlich." S. 70

"Dass wir in dieser völlig veränderten Welt wachsen und gedeihen, beweist: Es liegt in unserer Natur, uns über unsere Natur hinwegzusetzen. Wir sind gewohnt, über die biologischen Stränge zu schlagen. Ein besonders merkwürdiges und noch recht junges Betätigungsfeld, mit dem wir die Grenzen als Hominiden in Frage stellen, ist die Naturwissenschaft." S. 70

"Der Wissenschaftsprozess übersteigt somit unweigerlich die Grenzen des Hominidenerbes." S. 71

# Der Spektrum Redaktion ist wieder ein hervorragendes Heft gelungen. Es zeigt sehr deutlich, wie unnütz es ist, auf vermeintlichen Standpunkten zu beharren. Die Wissenschaft bringt immer wieder neue Erkenntnisse hervor und verwirft ehemals propagierte Lehrmeinungen. Alles ist im Fluss und unterliegt ständiger Veränderung. Alles ist letztlich auch miteinander verbunden.

# Wir selbst sind ja eher als ein System zu verstehen, welches aus weiteren Systemen besteht, mit anderen Systemen interagiert und mit diesen zusammen wiederum Teil eines umfassenderen Systems ist. Wobei die Systeme ständig unter gegenseitiger Beeinflussung evolvieren. Unsere Darmflora besteht z.B. aus ca. einer Billion Bakterien, die in direkter Wechselwirkung mit dem menschlichen Organismus und der Nahrungsaufnahme aus seiner Umwelt stehen. Durch die Kulturleistung Ackerbau hat sich das Amylasegen verdoppelt. Über Spiegelneurone erleben wir das Verhalten von anderen Menschen wie unser eigenes. Der sprichwörtliche "Sack Reis, der in China umfällt" hat Konsequenzen für das wirtschaftliche und psychosoziale Wohlergehen von Menschen in Deutschland. Wobei diese Beispiele nur unter Vorbehalt zu betrachten sind, da die monokausale Beschreibung das tatsächliche komplexe Zusammenspiel der einzelnen Systeme nur ungenügend wiedergibt. Wo wären also die Grenzen zu ziehen? Wo beginnt der Mensch, wo seine Umwelt?

# Das vorliegende Heft zeigt sehr deutlich, wie komplex Leben und die Evolution des Lebens vonstatten geht. Eine Klimaveränderung (Trockenzeit) führt zur einer Verhaltensänderung (Nahrungssuche in der Savanne, Änderung der Ernährungsweise) und diese zu genetischen Veränderungen (aufrechter Gang, Verlust der Behaarung, Größenwachstum), welche wieder auf das Verhalten zurückwirken (Werkzeuggebrauch und -fertigung, Kochen) und diese wiederum genetische Veränderungen nach sich ziehen (Vergrößerung des Gehirns), welche wiederum Konsequenzen im Verhalten haben (soziales Verhalten, soziales Lernen), und so weiter. Ständige Entwicklungsprozesse mit mehrfachen Rückkopplungsschleifen bewirken die Evolution des Menschen. Zufälle spielen auch eine große Rolle. Dies zeigt der Einfluss von Klimaveränderungen sehr deutlich. Die Menschheit hätte auch schon vor 200000 Jahren in Afrika ihr Ende finden können.

# Die Verwendung von Begriffen wie Mensch, Natur, Umwelt oder Kultur suggeriert, dass es klare Abgrenzungen und Zuordnungen gibt, dass es einfach ist zu unterscheiden, was zum Mensch, was zur Kultur oder was zur Natur gehört. Dabei wird das Trennende betont. Die Verwobenheit allen Daseins geht dabei verloren.

Lesetipp: "Der kreative Mensch" Spektrum der Wissenschaft Spezial 2/2013