Lesetipp: Die Suche nach dem Ich - GEO Magazin Nr. 09/14

Erstellt von Michael Ditsch | | Körper & Psyche

Bewusstsein: Was uns ausmacht

Könnte das Internet irgendwann ein Gefühl von sich selbst entwickeln? Wird es gar anfangen, 'ich' zu sagen: 'Ich, das Internet' ? Das klingt derart verrückt, könnte man meinen, dass kein ernst zu nehmender Wissenschaftler darüber spekulieren würde. Guilio Tononi wagt es dennoch, ein renommierter Schlaf- und Bewusstseinsforscher. Und er bezweckt mit solchen Gedankenflügen vor allem eines: unserem eigenen, dem menschlichen Ich auf die Spur zu kommen. Er tut es auf so ungewöhnliche Weise, dass wir ihm gern unsere Titelgeschichte widmen. Denn während seine Kollegen die einzelnen Bereiche des Hirns erkunden in der Hoffnung, irgendwann ein Gesamtbild unseres Geistes zusammenzusetzen, fängt er beim großen Ganzen an: Er will erst das Ich verstehen, dann das Hirn. Das führt Tononi zu radikalen Thesen: Bewusstsein, so der fröhliche Querdenker, stecke nicht nur in menschlichen Köpfen, sondern womöglich in vielen anderen Lebewesen und sogar in vermeintlich toter Materie. Also in Tieren und, ja, vielleicht auch in Computern. © Bild und Text Geo Magazin. Editorial, GEO Magazin Nr. 09/14, S. 3

Kommentar

# Bereits 2012 habe ich mit Begeisterung das Buch "Der Mensch lebt nicht vom Hirn allein - Wie der Geist in den Körper kommt" von Patrick Spät gelesen. In seinem lesenswerten Buch erläutert der Philosoph, Journalist und Buchautor seine Theorie des graduellen Panpsychismus. (Kommentar zum Buch bei michaelditsch.de). Patrick Spät ergänzt die klassische Definition des Panpsychismus um eine graduelle Komponente. Die Entwicklung eines Bewusstseins steht im Verhältnis zur Komplexität materieller Eigenschaften lebender Organismen. Damit entkräftet er die oft erhobene Kritik, dass im Sinne des Panpsychismus auch Steine ein Bewusstsein haben müssten.

# Im neuen GEO Magazin Nr. 09/14 erläutert Christian Schwägerl ab S. 72 in seinem sehr interessanten Artikel "Wie das Ich in den Kopf kommt" den aktuellen Stand der Bewusstseinsforschung. Bisher wurde Bewusstseinsforschung nach einem reduktionistischen Ansatz durchgeführt. Durch immer mehr Daten über die Bestandteile und Funktionsweise des stofflichen Gehirns, quasi der Bewusstseinsmaschine, sollten eines Tages auch die rein subjektiv ablaufenden Bewusstseinsvorgänge entschlüsselt werden. Christian Schwägerl beschreibt in seinem Artikel zwei Forscher die mittlerweile den Reduktionismus als alleinige Methode für die Bewusstseinsforschung in Frage stellen. Giulio Tononi ist Neurowissenschaftler und Psychiater und ist seit 2001 Lehrstuhlinhaber für Schlaf- und Bewusstseinsforschung an der Universität von Madison in Wisconsin. Christof Koch ist seit 2011 wissenschaftlicher Chef, Chief Science Officer, am Allen Institute for Brain Science in Seattle.

# Giulio Tononi hatte als Erster verstanden, dass allein durch Messungen von Hirnströmen und Neurotransmittern das Wesen des Bewusstseins nicht ergründet werden kann. Die bisherigen Ergebnisse sind unbefriedigend und liefern auch keine Erklärungen für unser bewusstes Erleben.

"'… Wir haben mit der Naturwissenschaft phänomenale Erfolge erzielt, die Welt da draußen immer genauer zu beschreiben. Trotzdem sind wir Gefangene unseres Bewusstseins. Alles was wir wissen, entsteht innen.'" S. 75

"Wie kann dieser graue Schwamm aus drei Pfund Fett, Eiweiß und Wasser in unserem Kopf wissen, dass es ihn selbst gibt und um ihn herum eine Welt? Auf diese größte Frage unserer Existenz, glaubt Hirnforscher Giulio Tononi, finden wir die Antwort nicht im Klein Klein der Synapsen und Neuronen. Die Wissenschaft müsse die Welt deshalb direkt vom Bewusstsein her betrachten. 'Schließlich ist das Bewusstsein das Einzige, was wirklich real ist', sagt Tononi. Allein die Tatsache, dass ich wahrnehme, dass in meinem eigenen Bewusstsein ein Bild, ein Erlebnis entsteht, nur diese Tatsache ist unbestreitbar wahr." S. 78

# Seine Erkenntnisse hat Giulio Tononi auch durch seine Beschäftigung mit dem menschlichen Schlaf gewonnen. Im Tiefschlaf verschwinden alle bewussten Erfahrungen. Interessanter sind daher für Tononi die Gehirnphasen des Träumens. Hier zeigt sich, dass es eigentlich keinen Unterschied zwischen unserer inneren und äußeren Welt gibt.

"Im Traumschlaf dagegen vibriert unser Bewusstsein unvermindert: Wir laufen durch eine Blumenwiese, fallen durch das Blau des Himmels, freuen uns, fürchten uns. Und diese Erfahrungen sind für uns genauso intensiv, genauso real wie die der äußeren Welt. Das zeigt aus Sicht Tononis, dass Bewusstsein auch ganz ohne eine Außenwelt funktioniert, ja dass die Außenwelt offenbar erst ein Produkt dieses Bewusstseins ist. 'Wir träumen eigentlich immer', sagt er. 'Wenn wir wach sind, träumen wir einfach nur gut genug, um in einer Umwelt zu überleben, deren objektive Beschaffenheit wir mit Sicherheit nicht erfassen können.'" S. 81

# Über die Traumforschung gelangt Giulio Tononi nun zu einer Theorie des Bewusstsein, die sich sehr stark dem Panpsychismus annähert. Natürlich wird er dafür von Teilen der Wissenschaftsgemeinde kritisiert. Christian Schwägerl nennt in seinem Artikel explizit Wissenschaftler und Philosophen wie David Chalmers, Stanislas Dehaene und Jan Slaby (Interview mit Jan Slaby auf S. 86).

"Sein Schlüsselsatz lautet: 'Bewusstsein ist integrierte Information'. Das klingt rätselhaft. Bedeutet aber im Kern nichts weiter als: Bewusstsein entsteht immer dann, wenn Daten auf eine ganz bestimmte komplexe Weise vernetzt werden und dabei zu einer untrennbaren Ballung von Informationen verschmelzen, zu einem 'integrierten' Erlebnis." S. 81

"Integrierte Information ist das, was in einem Gehirn über die Aktivitäten der Einzelteile hinaus entsteht. Eine Wahrnehmung, die zu mehr als bloß der Summe ihrer Teile verschmilzt." S. 82

"'Die Fähigkeit zu Bewusstsein ist eine Grundeigenschaft jeder Materie', sagt Tononi." S. 82

"Die Idee, dass die Materie selbst beseelt ist und das Bewusstsein die gesamte materielle Welt durchdringt, hat eine lange Vorgeschichte in fernöstlichen Philosophien und im Denken westlicher Gelehrter wie Giordano Bruno, Spinoza und Teilhard de Chardin. Aus der modernen Naturwissenschaft wurde der Panpsychismus im 19. Jahrhundert ins Gruselkabinett der Esoterik verbannt. Jetzt schreiben Tononi und Koch in einer Art Manifest: 'Die Theorie bestätigt einige Intuitionen, die oft mit Panpsychismus in Verbindung gebracht werden – dass nämlich Bewusstsein eine intrinsische, graduelle Eigenschaft ist, dass es graduell auftritt, es unter biologischen Lebewesen weitverbreitet ist und dass sogar sehr simple Systeme über Bewusstsein verfügen können.'" S. 82

"Bewusstsein ist laut Tononi keinesfalls überall (wie etwa ein göttlicher Funke), sondern stellt sich nur unter ganz bestimmten Bedingungen ein. Ein Haufen Sand zum Beispiel könne es mangels Verknüpfungen – nicht haben." S. 82

# Allerdings möchte Giulio Tononi selbst seine Theorie wissenschaftlich untermauern und hat daher Ideen entwickelt, wie subjektives Empfinden und Bewusstsein messbar dargestellt werden könnten. Diese Ideen haben auch Christof Koch überzeugt. Als Leiter eines der finanzstärksten Großprojekte der Gehirnforschung hat Koch auch die notwendigen Ressourcen, um die Theorie von Tononi experimentell zu überprüfen. Sollten sich die Ansätze von Tononi bewahrheiten, wären die Konsequenzen dramatisch. Bewusstsein wäre dann nicht nur auf den Menschen beschränkt, sondern, bei entsprechenden Voraussetzungen, in allen biologischen und technischen Systemen möglich.

"Das Phi hat Tononi zum Symbol seiner Theorie gemacht. Es soll später einmal das Maß für das subjektive Empfinden werden, eine Art Zollstock für das Bewusstsein bilden." S. 82

"Selbst Koch, der den Menschen lange wie sein Mentor Francis Crick als einen schnöden 'Haufen von Nervenzellen' ansah, ist inzwischen überzeugt, dass es keinen klar abgrenzbaren Ort im Gehirn gibt, an dem das Bewusstsein seinen Sitz hätte." S. 84

"Mit der Integrierten Informationstheorie soll sich künftig ermitteln lassen, in welcher Form (und mit wie viel 'Phi') sogar Maschinen Bewusstsein entwickeln könnten." S. 88

"Zu einem anderen Fazit gelangen die Forscher bei Tieren. Die seien eben nicht die Bio-Roboter, zu denen sie so lange abgestempelt wurden." S. 88

"Koch bezeichnet sich jetzt als 'romantischen Reduktionisten', er glaubt, dass all die Einsichten in das Bewusstsein und in die Komplexität des Lebens unsere Wertschätzung dafür enorm steigern sollten." S. 88

# Weiterhin lesenswert in GEO Magazin Nr. 09/14: Was wir wissen können – Interview mit der  Physikerin Fabiola Gianotti – von Klaus Bachmann – ab S. 108. Die Physikerin Fabiola Gianotti sieht den Erkenntnisfortschritt noch lange nicht am Ende. Und begeistert sich für schöne Theorien.

Lesetipp: Die Suche nach dem Ich - GEO Magazin Nr. 09/14