Lesetipp: GEO Magazin Nr. 02/15 - Der innere Halt

Erstellt von Michael Ditsch | | BewegtSein & Balance

Bindegewebe, das verkannte Organ

Das Bindegewebe wird derzeit als eine Art Schlüsselstoff unserer selbst entdeckt, als zweiter Körper im Körper. Viele Volksleiden, vor allem Rücken- und Schulterschmerzen, werden zunehmend mit dem wandlungsfähigen Gewebe in Zusammenhang gebracht und nicht mehr mit Knochen oder Nerven. Die größte Überraschung aber, so Luczak, dürfte darin bestehen, dass Forscher im Bindegewebe nun finden, was sich ihnen bislang entzogen hat: eine Erklärung dafür, warum Therapien wie Yoga, Akupunktur und Massagen überhaupt wirken. Dazu gab es mehr oder weniger esoterische Aussagen, jetzt aber zeichnet sich ab: Alle wirken auf und über das Bindegewebe. Wundersam ist nicht nur der Stoff selbst, sondern auch der Umstand, dass er erst jetzt enträtselt wird. Doch wenn jede Erkenntnis ein Kind ihrer Epoche ist, dann verrät diese Entdeckung auch, dass wir derzeit besonders auf die weichen Faktoren achten, auf die Zwischenräume, auf das, was verbindet. Und sei es in uns selbst. © Bild und Text Geo Magazin. Der innere Halt - Bindegewebe, das verkannte Organ - GEO Magazin Nr. 02/15

Kommentar

# Anscheinend wird 2015 das Jahr der Faszien. Bereits in meinem Kommentar zu dem Buch "Faszien in Bewegung" von Gunda Slomka (siehe Link unten) im Juni 2014 hatte ich darauf hingewiesen, dass das Thema Faszien noch zu vielen weiteren Publikationen führen wird. Nun hat sogar das Geo Magazin dem Bindegewebe eine Titelgeschichte gewidmet. Der Vorschlag der Autorin Hania Luczak sei in der Redaktion auf viel Skepsis gestoßen, schreibt Chefredakteur Christoph Kucklick in seinem Editorial. Was konnte am Bindegewebe noch interessant oder unerforscht sein? Tatsächlich wurde den Faszien in der Anatomie bisher nur eine passive Funktion als Verpackungs- und Füllmaterial zugesprochen. Hania Luczak zeigt in ihrem sehr lesenswerten Artikel ab Seite 96, welche revolutionären Erkenntnisse die Forschung in den letzten Jahren zu Aufbau und Funktion der Faszien gewonnen hat und wie organisch bisher nicht erklärbare Volkskrankheiten, wie Rücken- und Schulterschmerzen, neu bewertet werden.

# Besonders für Praktizierende innerer chinesischer Künste sind diese neuen Entwicklungen sehr interessant. Die auftretenden Phänomene von Gesundheitsübungen und Kampfkunst konnten bisher nur mittels altchinesischer traditioneller Texte und Begriffe erläutert werden. Diese Erklärungsversuche waren unbefriedigend und Praktizierende wurden oft, trotz Erfolgen in der Ausübung und Anwendung, von zahlreichen Skeptikern in die "esoterische Ecke" gedrängt. Es zeigt sich nun, dass es durchaus wissenschaftlich fundierte Erkenntnisse gibt, die etliche Phänomene der altchinesischen Künste erklären können. Der Inhalt des Artikels von Hania Lucuak basiert hauptsächlich auf den Forschungen von Carla Stecco, Professorin für Anatomie an der Universität Padua, Robert Schleip, Direktor Fascia Research Group Universität Ulm und Helene Langevin, Professorin für Neurologie an der Harvard Medical School in Boston.

"Fachleute sprechen von einem 'neuartigen Kommunikationssystem des Leibes', vom 'Netz des Lebens' und einem 'Geflecht der Gesundheit'. Von einem Paradigmenwechsel in der Medizin ist die Rede, weg von der Vorstellung eines starren Knochengerüsts. Das 'eingerenkt' werden kann, hin zu einem dynamischen Modell des Gleitens aller Teile in einem alles durchdringenden Maschenwerk aus Bindegewebe. Damit nicht genug: Faszien liefern endlich Erklärungen, warum lange verpönte alternative Behandlungsmethoden wie Yoga und Akupunktur, Massagen oder Osteopathie wirken." S. 98

# Carla Stecco ist im Bereich der Körperarbeit durch ihr sehr empfehlenswertes Buch "Functional Atlas of the Human Fascial System" (Churchill Livingstone, 2014) bekannt geworden. Durch unzählige Autopsien konnte Carla Stecco eine neue Sicht auf das bisher unbeachtete Bindegewebe gewinnen.

"Oft können Anatomen nicht unterscheiden, wo ein Organ beginnt und Bindegewebe aufhört: ein Ganzkörper-Netzwerk, ohne Anfang, ohne Ende. Es umfasst und durchdringt auch alle Muskeln im Körper – sie sind nichts ohne Bindegewebe. Denn es sorgt für das sanfte Zusammenspiel der Teile, und es reicht viel tiefer als eine 'Einpackfolie': Faszien umhüllen jede einzelne Muskelzelle, bilden eine Art Wabennetz." S. 102

"Bindegewebe, sagt Stecco, sei wie ein gewaltiges Organ, eines unserer reichsten Sinnesorgane überhaupt: Über 80 Prozent der freien Nervenenden befinden sich in der Faszie, die die Muskeln des Bewegungsapparats gegen die Unterhaut abgrenzt. Das Netzwerk strotzt vor Bewegungssensoren und Schmerzrezeptoren und Schmerzrezeptoren – viel mehr als jeder Muskel. Damit dient es auch der 'Propriozeption', dem 'Körpersinn' für Wahrnehmung von Bewegung und Position im Raum. Diese Eigenempfindung, so etwas etwas wie unser 'sechster Sinn', befähigt Mensch und Tier, die Körpersymphonie der Gliedmaßen virtuos aufzuführen, ohne sich jede einzelne Bewegung bewusst machen zu müssen. Bindegewebe kann allerdings auch erkranken und schmerzen." S. 102

# Der Körpertherapeut und Humanbiologe Robert Schleip macht zur Zeit mit vielen Veröffentlichungen auf sich aufmerksam. Er forscht nicht nur auf dem Gebiet der Faszien, er entwickelt auch Trainingsprogramme und -materialien. Eile ist sicher geboten, denn auf den "Faszienzug" springen mittlerweile viele Anbieter und Autoren auf, die im Bereich Fitness und Gesundheit aktiv sind. Auf Faszien-Workouts, Faszien-Yoga, oder Faszien-Qigong werden wir wahrscheinlich nicht lange warten müssen. Dabei werden es, wie so oft, altbekannte Systeme und Übungen sein, die nun mit neuem Etikett wieder auf den Markt geworfen werden. Wichtig ist, meiner Meinung nach, dass durch die moderne Faszienforschung die Vernetzung des Körpers und die Einheit von Körper und Geist, wie sie in den östlichen Künsten gelehrt wird, bestätigt wird.

"'Bewegst du den Arm', erklärt Schleip den Kursteilnehmern und wackelt mit den Gliedern, 'hat das einen Effekt auf deinen Fuß.' Das 'alles durchdringende Netz' übertrage über 'Leitbahnen' mechanische Kräfte – vergleichbar mit einem elastischen, hautengen Trikot: Ein Zupfer unten ist oben noch spürbar. Der Dominoeffekt des Körpers." S. 110

"Deshalb können die ständige Anspannung der Hand zu Schulterschmerz führen, stark beanspruchte Achillessehnen zu unangenehmem Fersensporn, kleine 'Verrenkungen' des Knies zu Rückenschmerzen. Der Körper versucht gegenzusteuern, nimmt eine Schonhaltung ein, und alles wird schlimmer." S. 110

"So leistungsfähig unser inneres Netz ist, so empfindsam ist es auch. Verletzt wird es im Kleinsten durch Überforderung (etwa zu viel Sport); aber auch Unterforderung (Bewegungsarmut, lange Bettruhe, eingegipste Glieder), Stress, Bestrahlung oder falsche Ernährung wirken wie Gift auf die Faszien. All die kleinen Störungen können, wie auch die Narben nach Operationen, zu Entzündungen führen und auf benachbarte Muskeln ausstrahlen. Da Nerven in Faszien eingebettet sind, engen solche Verhärtungen sie ein. Folge: Verspannungen und Schmerz." S. 110

"Alle Bestandteile des Bindegewebes schwimmen in einer zähflüssigen 'Matrix'. Sie ähnelt in Konsistenz und Klebrigkeit rohem Eiweiß, weil sie unter anderem aus Zucker-Eiweißverbindungen besteht. Sie fungiert als Grundsubstanz, in der nicht nur Sensoren und Rezeptoren, sondern auch Immun-, Fett- und Nervenzellen auf engstem Raum zusammenwirken. In diesem 'inneren Ozean' werden Keime und Schadsubstanzen unschädlich gemacht, Energiestoffe gespeichert und Abfallprodukte mit der Lymphflüssigkeit entsorgt. Lymphsystem und Bindegewebe sind kaum zu unterscheiden, so intensiv arbeiten sie zusammen. Auch Enzyme, Hormone, Antikörper – alles, was die Biochemie zu bieten hat, ist hier vorhanden oder passiert das feuchte Milieu und macht uns geschmeidig und gesund." S. 110

# Auch Helene Langevin kommt bei ihren Forschungen zum Schluss, dass viele Effekte der östlichen Heilkünste auf den Qualitäten und Funktionen der Faszien beruhen könnten. Sie wurde bekannt durch ihre Untersuchungen zur Wirkung der Akupunktur auf das Fasziensystem.

"Bindegewebe sei überaus empfänglich für mechanische Reize. Nutzen nicht instinktiv alle Säugetiere dieses Phänomen? Sich dehnen, strecken und räkeln wie Katzen von den Pfoten bis zur Schwanzspitze, um so größte Zugfläche zu erreichen – 'das fühlt sich einfach gut an'." S. 114

"Zellen 'fühlen' also mechanische Kräfte und übersetzen sie in biochemische Signale, die bis zur DNS reichen." S. 114

"Hier liegt die berechtigte Hoffnung, mit simplen Dehnübungen tatsächlich die Gleitfähigkeit wieder in Gang zu bringen und Krankheiten vorbeugen oder sie gar heilen können." S. 114

"Kollagenfasern winden sich wie im Wirbel um die Nadel – 'ähnlich wie Spaghetti um eine Gabel'. Das Gewebe antwortet auf den Stich- und Drehreiz und dehnt sich gleichsam von innen her aus." S. 115

"…, verlaufen die Akupunkturlinien vorzugsweise entlang breiter Faszienbänder zwischen bestimmten Muskelsträngen oder zwischen Muskeln und Knochen. Eine Analyse des Arms ergab: 80 Prozent der Akupunkturpunkte waren so lokalisiert. Noch allerdings betrachtet Langevin diese Zusammenhänge als Hypothese." S. 115

# Die Einheit von Körper und Geist, wie sie in der ostasiatischen Weltanschauung schon immer gedacht wurde, kann nun auch durch moderne westliche Erkenntnisse bestätigt werden. Die westliche Maschinen-Metapher, bei der z.B. der Körper als Maschine mit getrennten Einzelteilen wie Pumpe (Herz), Motoren (Muskeln), Steuerzentrale (Gehirn) angesehen wurde, ist zur Beschreibung von Phänomenen des menschlichen Körper-Geist Systems unzureichend. Durch die Faszienforschung wird deutlich, wie alles mit allem zusammenhängt.

"Zwischen den Schultern, über Nacken und Kopf verläuft bis zu den Augenbrauen ein durchgehendes Faszienband. Alle Menschen ziehen bei Stress oder Bedrohung die Schultern hoch und den Kopf in den Nacken oder verkrampfen den Rücken – eine an sich sinnvolle Bewegung, die wohl Genick und Rückgrat schützt. Bei Dauerstress verfestigt sie sich allerdings zu Dauerkontraktion der Faszien, überträgt sich auf die Muskeln und engt Nervenzellen ein. Die Feinabstimmung des Körpers wird zwar nur minimal gestört. Da aber Bänder Kräfte weiterleiten, führen angespannte Schultern und Nacken auch oft zu Kopf-, Arm- oder Handschmerzen." S. 115

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