Lesetipp: GEO Magazin Nr. 05/14 - Wie der Mensch zum Läufer wurde

Erstellt von Michael Ditsch | | BewegtSein & Balance

Die lebenswichtige Bedeutung der Bewegung

Das Titelthema dieser Ausgabe sind schließlich bodengebundene Bewegungen, ist die Geschichte des Laufens. Wie kam es dazu, dass sich der Mensch auf zwei – schnellen – Beinen die Erde untertan machte? Wieso zählt noch heute jeder Schritt? Und wie lässt es sich schaffen, das Trägheitsmoment, den "inneren Schweinehund" zu überwinden, um länger und besser zu leben? Ab Seite 122 ein Dreiteiler mit den Antworten darauf. © Bild und Text Geo

Kommentar

# In seinem Artikel "Der perfekte Jogger" ab S. 122 beschäftigt sich Jörn auf dem Kampe mit den Erkenntnissen des "Barefoot Professors" Daniel E. Liebermann. Der leidenschaftlicher Jogger, Paläoanthropologe und Lehrstuhlinhaber für Evolutionsbiologie des Menschen (Chair of the Department of Human Evolutionary Biology) an der Harvard Universität in Cambridge USA forscht unter anderem über die Biomechanik des Laufens. Liebermann fragt sich, welche Bedeutung Rennen-Können für unsere Ahnen hatte. Seine Thesen sind umstritten, aber Tatsache ist, dass kein anderes Lebewesen so gut für das ausdauernde Laufen angepasst ist wie der Mensch. Mit mehr als einem Liter Schweiß pro Stunde ist der Mensch z.B. Weltmeister im Schwitzen und kann so auch bei großer Hitze lange Strecken laufen.

"Dann unser Gesäß. Ungemein kräftig, es stabilisiert den Lauf. Unabdingbar für die gewandte Fortbewegung auf zwei Beinen. Oder unser Fuß. Sehr flexibel, ein Meisterwerk der Evolution. Erlaubt einen effizienten Vortrieb. Und verschafft uns auf großer Distanz Wettbewerbsvorteile. Liebermanns Kurzversion unserer Geschichte lautet: Die afrikanischen Vorfahren von Homo sapiens haben den Dauerlauf perfektioniert, um Wild in den Hitzekollaps zu hetzen. Ohne diese Fähigkeiten hätten unsere Urahnen kaum überlebt, hätte es unsere Spezies vielleicht nie gegeben. Und nichts hat unseren Körper so geprägt wie jene frühe Art der Jagd." S. 125

# Liebermann vermutet, dass klimatische Veränderungen die Anpassung des Menschen an das Laufen erforderlich gemacht haben.

"Vor zwei Millionen Jahren hatte sich die Landschaft seiner Heimat Ostafrika längst gewandelt: Anstelle dichter Regenwälder dehnten sich Grassavannen." S. 125

# Sehr anschaulich ist die Infografik von Helen Gruber (S. 127-128). Die Grafik zeigt die wesentlichen Merkmale der Anpassung an das Laufen.

  • Adergeflecht
    Ein Netz aus Gefäßen am Hinterkopf, eingebettet in die Kopfhaut, sorgt durch die Wärmeabgabe des zirkulierende Blutes für Kühlung.
  • Gleichgewicht
    Die Vestibularapparate im menschlichen Innenohr registrieren die Richtung der Erdanziehung und die Beschleunigung des Körpers. Ohne sie könnte kein Läufer das Gleichgewicht wahren.
  • Nackenband
    Der Kopf wird mit Schulter- und Armmuskeln verbunden. Bei einem Schritt wird der Kopf, durch die Abwärtsbewegung des Armes auf der gleichen Körperseite, nach oben gezogen. Sonst würde der Kopf bei jedem Schritt nach unten schnellen.
  • Schulterpartie
    Hals- und Schulterpartie sind, im Vergleich zu Schimpansen, eher zart ausgeprägt. Dadurch sind die Schultern sehr mobil und können Ausgleichsbewegungen für den Erhalt der Balance unterstützen.
  • Unterarm
    Auch die Arme sind, im Vergleich zu Menschenaffen, eher grazil, lassen sich leichter schwingen und dienen damit ebenso dem Erhalt der Balance.
  • Schweißdrüsen
    Zwei bis vier Millionen Drüsen verteilen sich auf der Haut, viele auf den Handflächen und am Kopf. Mehr als ein Liter Flüssigkeit pro Stunde wird bei Höchstbelastung abgesondert. Der Schweiß verdunstet und kühlt dabei den Körper.
  • Gesäßmuskel
    Der Gluteus maximus ist der größte Muskel des Körpers. Er stabilisiert bei jedem Schritt den Rumpf und ermöglicht einen aufrechten ruhigen Lauf.
  • Knie
    Das Zwei- bis Dreifache des Körpergewichts wirkt beim Laufen auf die Beine. Die Knie des Menschen sind enorm verstärkt und verteilen durch eine große Auflagefläche den Druck des Aufpralls.
  • Achillessehne
    Die längste Sehne im Bewegungsapparat wird beim Aufsetzen des Fußes gedehnt und speichert die Bewegungsenergie. Beim Abstoßen schnellt die Sehne zurück und die freiwerdende Energie wird für den Vortrieb umgesetzt.
  • Fuß
    Mit Sehnen, Bändern und 26 Knochen ist der Fuß ein elastisches und komplexes Konstrukt zur Dämpfung des Aufpralls. Besonders effektiv ist diese Dämpfung, wenn mit dem Vorderfuß aufgesetzt wird.
  • Zehen
    Die recht kurzen "Fußfinger" erleichtern das Abstoßen und Abrollen vom Boden.

# Belege für seine Thesen findet Liebermann auch bei heutigen Jägern und Sammlern.

"Und selbst heute noch hat unsere Spezies das Zeug zur Ausdauerjagd. Aborigines hetzen in Australien Kängurus zu Tode, südafrikanische Buschmänner Antilopen. 'Wir leben im 21. Jahrhundert, aber unser Körper ist noch der eines steinzeitlichen Lauf-Spezialisten', sagt Liebermann. " S. 128

# Ein weiteres Forschungsgebiet von Daniel Liebermann ist die Suche nach dem perfekten Laufstil und der Einfluss von Schuhen auf die Füße.

"Wer seine Füße demnach jeden Tag in stabile, gar mit Einlegesohlen ausgestattete Schuhe zwängt, schwächt zum einen auf Dauer die vielen winzigen Muskeln des Fußgewölbes. 'Wer seinen Arm eingipst, verliert ja ebenfalls an Muskelmasse', sagt Liebermann. Zum anderen verleiten stark gedämpfte Schuhe viele Jogger dazu, kraftvoll mit der Ferse aufzusetzen – was barfuß niemand freiwillig machen würde." S. 129

"Die meisten seiner Testpersonen landen, wie Liebermann erwartet hatte, auf dem Vorfuß. Weshalb diese Bewegungsform oft schonender ist, hat der Forscher bei Studien auf dem heimischen Laufband demonstriert: Der Fuß kann dabei besser als Feder arbeiten, die Belastung entschärfen." S. 135

"Und rasche Schritte soll sie machen, 170 bis 180 pro Minute. 'Mehr Schritte bedeuten bei jedem Aufprall weniger Druck auf die Gelenke. Und weniger Energie, die auf den Körper wirkt.' Und das heißt: weniger Verletzungen. 'Laufen ist eine Fertigkeit, die viele wieder neu lernen müssen', sagt er." S. 135

# In seinem Artikel "Jeder Schritt zählt" ab S. 136 zeigt Klaus Bachmann welches individuelle Maß an Sport für die Gesunderhaltung erforderlich ist.

"Wer gesund bleiben möchte, muss also nicht unbedingt die Turnschuhe schnüren. 'Es geht um die Bewegungsmengen im Alltag', sagt auch Klaus-Michael Braumann, 'das ist ein Aspekt, den man gar nicht hoch genug einschätzen kann. Treppe steigen statt die Rolltreppe zu nehmen; zu Fuß zum S-Bahnhof gehen statt mit dem Auto dorthin zu fahren.'" S. 137

# Langes Stillsitzen hat sich als eigener Risikofaktor für die Gesundheit herausgestellt. Durch das lange Sitzen verändert sich die Physiologie.

"Der Zuckerstoffwechsel gerät aus der Balance; in den Adern kreist mehr Blutfett, verstopft die Gefäße. Alles Faktoren, die Herz und Kreislauf zusetzen. Eine Erklärung sehen Wissenschaftler darin, dass Muskeln mehr sind als Motoren. Sie produzieren molekulare Botenstoffe und steuern so den Stoffwechsel im gesamten Körper mit. Um diese Funktion zu erfüllen, müssen sie beansprucht, gereizt werden. Im Sitzen: Fehlanzeige. Mediziner empfehlen daher: die Unbewegtheit unterbrechen , immer wieder aufstehen, kurz umhergehen; in der TV-Werbepause eine Runde durch die Wohnung drehen; stehend arbeiten, denn dann müssen die Muskeln den Körper gegen die Schwerkraft aufrecht halten." S. 138

# "Wie können wir uns motivieren, Sport zu treiben, Herr Prof. Kleinert" – Interview mit Sportpsychologe Jens Kleinert – von Jörn auf dem Kampe und Rainer Harf – ab S. 140.  Prof. Kleinert erläutert die Arbeit mit positiven inneren Bildern zur Entwicklung von Stimmung und Motivation.

"Hirnphysiologisch laufen hier ähnliche Prozesse ab wie bei einer echten Belohnung. Ein Beispiel: Stellt sich ein Mensch, der morgens nicht aus dem Bett aufstehen mag, so plastisch wie möglich vor, wie er durch den Wald läuft und die Stille genießt, dann geht diese Imagination mit neuropsychologischen Veränderungen einher. Mit einem Belohnungsprozess. Das Hirn schüttet Botenstoffe aus, die ein Gefühl des Wohlseins hervorrufen." S. 141

"Aber es ist der beste Weg, sich zu motivieren: die Aufmerksamkeit von einer extrinsischen Regulation auf eine intrinsischen zu lenken." S. 142

# Weitere lesenswerte Artikel im Geo Magazin

# Wieso wir so verschieden ticken – Interview mit dem Psychologen Joseph Henrich – von Florian Hanig – ab S. 40

"Der Mensch ist ein rationaler Egoist. Deshalb kooperiert er. Von dieser Annahme gehen die meisten Ökonomen aus. Und eine Vielzahl von Studien scheint ihnen recht zu geben. Doch als der Psychologe Joseph Henrich einmal recherchierte, wer da eigentlich immer zum Wesen des Homo sapiens befragt wird, stellte er fest: Es sind fast ausschließlich US-Studenten, überhaupt nicht repräsentativ für die globale Menschheit. Im Rest der Welt, sagt Heinrich, könne man völlig andere Entdeckungen machen." S. 41

# Invasion der flinken Flieger – von Sebastian Kretz – ab S. 72

"Drohnen erobern den Alltag. Schon spähen sie für die Polizei, überwachen Industrieanlagen, forschen für die Wissenschaft. Wie aber wird unsere Welt aussehen, wenn erst der Himmel voller Roboter hängt?" S. 73

# Wo die Kinder lernen – von Peter Hamburger – ab S. 110

"James Mollisons Kindheitserinnerungen kreisen um den Schulhof. Und so hat er ihn zum Thema für ein weltweites Fotoprojekt gemacht. Er war in Slums, in Parklandschaften und in Krisenzonen." S. 111

 

Lesetipp: GEO Magazin Nr. 05/14