Lesetipp: GEOkompakt Nr. 37 - 12/2013

Erstellt von Michael Ditsch | | Gesundheit & Ernährung

Die Geburt der Zivilisation

Vor rund 100.000 Jahren begann das faszinierendste Kapitel in der Geschichte des Homo sapiens: Aus urzeitlich lebenden Jägern und Sammlern, die in kleinen Gruppen umherstreiften, entstand der moderne Mensch, der sich nach und nach von der Natur emanzipierte und die Kultur schuf - das Fundament der Zivilisation. Er begann seine Toten zu beerdigen, erfand die Kunst, wurde sesshaft. Er lernte Tiere und Pflanzen zu züchten, gründete Dörfer, Städte und Staaten und entwickelte mit der Schrift ein geniales System, um seine Gedanken dauerhaft festzuhalten. Das alles versetzte ihn schließlich in die Lage, um 3.300 v. Chr. die ersten Hochkulturen der Geschichte zu begründen. Die neue Ausgabe von GEOkompakt zeichnet die wichtigsten Abschnitte dieses langen Weges nach, erklärt, weshalb archaisch anmutende Rituale die ersten vielschichtigen Gemeinwesen ermöglichten, wie der Mensch seine Kreativität entdeckte, warum neue Materialien wie Kupfer und Bronze den technischen Fortschritt beschleunigten, wieso sich die Gesellschaft in Arm und Reich aufspaltete - und schließlich auch, warum manche hoch entwickelte Kultur nach kurzer Blüte wieder unterging. © Bild und Text GEOkompakt. GEOkompakt Nr. 37 - 12/2013 - Die Geburt der Zivilisation.

Kommentar

# Ein Phänomen des Bundestagswahlkampfes 2013 war die Diskussion um den sogenannten "Veggieday", der im Wahlprogramm der Grünen erwähnt wurde. Es hat mich sehr erstaunt, wie dieser Vorschlag tagelang die Schlagzeilen und sozialen Medien dominierte und dabei die wirklich wichtigen Themen in den Hintergrund gedrängt hat. Bei der sehr unsachlich und teils dogmatisch geführten Debatte wurde natürlich wieder das Leben unserer steinzeitlichen Vorfahren als Argument gegen die vegetarisch-vegane Ernährung angeführt und diese Phase unserer Entwicklung als die einzig wahre, natürliche Lebens- und Ernährungsform des Menschen propagiert. Ernüchternd fand ich dabei, wie gering, ausgerechnet in unserer sogenannten Wissensgesellschaft, das Verständnis von Evolution und Paläoanthropologie ist. Sehr zu empfehlen ist zu diesem Thema das Buch "Paleofantasy: What Evolution Really Tells Us about Sex, Diet, and How We Live" von Marlene Zuk, Norton & Company, 2013. In Ihrem Buch entlarvt Marlene Zuk viele Mythen über die Evolution und die menschliche Entwicklung. Wesentliche Elemente ihrer Argumentation:

  • Evolution ist zufällig und ungerichtet.
  • Ein Individuum ist nie perfekt oder optimal an seine Umwelt angepasst ist, sondern nur so weit, wie es zum Überleben und zur Fortpflanzung erforderlich ist.
  • Der Mensch hat sich auch nach der Neolithischen Revolution noch genetisch verändert.  Auch heutzutage unterliegt der Mensch immer noch den Gesetzmäßigkeiten der Evolution.
  • Die Entwicklung von Merkmalen benötigt nicht unbedingt lange Zeiträume, sondern kann auch sehr rasch ablaufen (Rapid Evolution).

Eine art- bzw. gengerechte Lebens- oder Ernährungsweise für den Menschen existiert also nicht (siehe auch Link unten). Die Diskussion über vegetarisch-vegane Ernährung sollte sich daher eher an den ethischen und ökologischen Herausforderungen unserer modernen Zeit orientieren.

# Diese Debatten haben mir wieder gezeigt, dass es eben nicht möglich ist, Bildung und Wissen allein durch das Surfen auf Internetseiten zu erlangen. Ohne das kritische Hinterfragen und Vergleichen von Quellen und Veröffentlichungen lässt sich kaum ein differenziertes Meinungsbild erstellen. Während seriöse Wissenschaftler in Veröffentlichung meist darauf hinweisen, dass es sich bei manchen Aussagen um Vermutungen, Spekulationen und Hypothesen handelt, werden diese von den verschiedenen Interessengruppen, in den Debatten um die "richtige" Lebensweise, oft als gesicherte Fakten angeführt.

# Als sehr bedenklich finde ich auch, dass in populärwissenschaftlichen Medien, wie z.B. dem vorliegenden Geo Magazin, immer noch ein anthropozentrisches Weltbild vermittelt wird. Besonders in dem Artikel "Als der Mensch zum Bauern wird" von Cay Rademacher (ab S. 59) wird dies sehr deutlich: "… trifft der Homo sapiens eine radikale Entscheidung, …" S. 59, "… macht sich stattdessen Pflanzen und Tiere untertan." S. 59, " Der Mensch wurde von einem Teil der Natur zu deren Herrn, mit allen gewaltigen und schrecklichen Konsequenzen." S. 60. Diese Aussagen unterstellen dem Menschen die Fähigkeit selbstbestimmt und unabhängig auf diesem Planeten agieren können. Die willkürliche Unterscheidung von Natur und Kultur führt immer wieder zu der Ansicht, dass sich der Mensch den Gesetzen von Evolution und Ökologie entzogen hat und dadurch außerhalb der Ökosphäre lebt oder diese sogar kontrolliert. Dabei liefern die Artikel in diesem Heft selbst genügend Beispiele für die Koevolution von Mensch und Umwelt. Gerade die neolithische Revolution zeigt sehr deutlich die enge Wechselwirkung von kultureller und genetischer Entwicklung, wie z.B. der Zusammenhang von Siedlungsentwicklung und Anpassung an Krankheitserreger ("Der unsichtbare Feind" von Ute Kehse, ab S. 72).

# Die Auswirkungen der Neolithischen Revolution auf die Biologie des Menschen zeigen besonders die Artikel "Als der Mensch zum Bauern wird" (von Cay Rademacher, ab S. 59) und "Der unsichtbare Feind" (von Ute Kehse, ab S. 72).

# Cay Rademacher beschreibt in seinem Artikel "Als der Mensch zum Bauern wird", wie die Gattung Homo, nach 2,5 Millionen Jahren Dasein als Jäger und Sammler, ab ungefähr 9000 v. Chr. beginnt Ackerbau und Viehwirtschaft zu betreiben (Neolithische Revolution ). Als eine mögliche Ursache benennt Cay Rademacher eine Klimaveränderung, welche um ca. 11000 v. Chr. stattgefunden hat. Klimaveränderung und Bejagung haben wahrscheinlich zu einem Rückgang von Wildtieren geführt, die bisher für die Ernährung der Menschen von Bedeutung waren. Als Ursprungsgebiet für die Neolithische Revolution scheint der "Fruchtbare Halbmond", eine sichelförmige Region zwischen Ostküste Mittelmeer und Persischen Golf, in Frage zu kommen. Die Bedingungen waren dort anscheinend ideal für die Auswahl und Züchtung von Pflanzen und Tieren.

"Die letzte Eiszeit endet, die Gletscher geben Nordeuropa, Nordamerika, Sibirien frei, das geschmolzene Eiswasser lässt den Meeresspiegel um Dutzende Meter ansteigen, die Kontinente und Inseln bekommen etwa die Formen, die sie seither haben. Asien, Europa, Nordafrika bilden einen zusammenhängenden Naturraum von 62,7 Millionen Quadratkilometern." S. 61

"Die Wildbeuter müssen nun in einer Welt zurechtkommen, in der es immer weniger Tiere zu jagen gibt – und dafür immer mehr Pflanzen zu sammeln. Denn in dem jetzt milderen Klima gedeihen Gräser und Bäume, erobert sich eine üppigere Vegetation Lebensräume, die zuvor durch Kälte und Trockenheit verschlossen waren. Erst dadurch werden die Generationen ab 9000 v. Chr. gezwungen, sich ihre Nahrung auf ganz neue Weise zu suchen." S. 61

"Dieser Namenlose ist, irgendwo im Fruchtbaren Halbmond, irgendwann zwischen 9000 und 8000 v. Chr., der erste Bauer der Menschheit und deren größter Revolutionär. Ein Bauer ist ein Mensch, der züchtet. Denn das ist Domestikation: Durch einen gezielten Eingriff verändert er die Eigenschaften einer natürlichen vorkommenden Pflanze, sodass sie für ihn nutzbringender wird." S. 63

"Acht Pflanzen domestizieren die Siedler im Nahen Osten ab 9000 v. Chr. Daraus werden die Getreide Emmer, Einkorn und Gerste; die Hülsenfrüchte Erbse, Linse, Kichererbse, Linsenwicke sowie Flachs, aus dessen Leinsamen sie fettreiches Öl pressen und dessen Fasern sie zu Stoffen verarbeiten." S. 65

"Am Ende ist es daher bis heute nur bei 14 Spezies großer Säugetiere gelungen, sie zu domestizieren, bloß fünf davon erreichen globale Bedeutung: Schaf, Ziege, Schwein, Rind und Pferd. Vier dieser fünf fundamental bedeutenden Tierarten kommen als Wildtiere im Fruchtbaren Halbmond vor." S. 67

# Doch nicht nur Pflanzen und Tiere wurden gezüchtet. Ein weit verbreitetes Missverständnis ist die Ansicht, dass genetische Veränderungen nach Entwicklung des Homo sapiens vor ca. 200000 Jahren nicht mehr stattgefunden haben und wir unseren Alltag quasi mit der genetischen Ausstattung eines steinzeitlichen Wildbeuters bestreiten müssen. Die Neolithische Revolution wird fälschlicherweise oft als rein kulturelles Phänomen beschrieben, ohne die Auswirkungen auf die Biologie des Menschen zu berücksichtigen. Dabei ist es eigentlich ökologisches Grundwissen, dass sich Arten und ihre Umwelt gegenseitig in ihrer Entwicklung beeinflussen. Cay Rademacher erwähnt in seinem Artikel nur zwei genetische Veränderungen: Die Anpassung an Krankheitserreger und die Laktoseverträglichkeit. Weitere Veränderungen, wie z.B. die Vervielfachungen des Gens für das Enzym Amylase, welches Stärke zu Zucker abbaut, werden in dem Werk "Paleofantasy"von Marlene Zuk beschrieben. Die genetische Anpassungen an die neue neolithische Lebensweise führen zu Bevölkerungswachstum, Spezialisierung und Arbeitsteilung. Alle genannten Elemente setzen eine Entwicklungsspirale, einen sogenannten "autokatalytischen Prozess", in Gang, welcher am Ende dazu führt, dass der neolithische Mensch seine Ursprungsregion verlässt und die Welt besiedelt.

"Mit den Tieren allerdings züchtet sich der Mensch auch selbst, ohne es zu ahnen. Denn Tiere tragen Krankheitserreger in sich über Jahrmillionen entwickelt haben. Bei Jägern und Sammlern sind sie nie oder nur kurz auf einzelne Clans übergesprungen. Die meisten großen Killer der Menschheitsgeschichte wie Pocken oder Masern sind erst ein Nebenprodukt der Landwirtschaft." S.  67

"Doch manche vorgeschichtlichen Bauern überleben diese Seuchen und entwickeln Resistenzen: Widerstandsfähigkeiten, die der Mensch in den 2,5 Millionen Jahren zuvor nie entwickeln musste – die jene Bauern nun aber ihren Nachkommen vererben." S. 67

"Normalerweise können nur Kinder die in der Milch enthaltene Laktose mithilfe eines Enzyms verarbeiten, Erwachsene verdauen Milch nicht mehr. Erst eine Mutation, die um 3000 v. Chr. Auftritt, veränderte einige wenige Menschen so, dass sie auch als Erwachsene Milch, Joghurt, Käse ohne gesundheitliche Probleme verspeisen können – und wie bei Emmer oder Erbse wird die unscheinbare Änderung im Chromosom zum evolutionären Vorteil innerhalb der bäuerlichen Welt Europas." S. 67

"Bauernfrauen jedoch, die am festen Ort leben, an dem zudem Vorräte angelegt worden sind, können durchschnittlich alle zwei Jahre ein austragen. Mehr Menschen, das bedeutet auch: mehr Bauern, die neues Land urbar machen. Mehr Krieger im Konflikt. Und mehr Erfinder, die an Geräten und Techniken experimentieren." S. 67

"Die Bauern des Fruchtbaren Halbmondes verlassen ihre Heimat daher vermutlich entlang der West-Ost-Achse – und zwar mit ihren Pflanzen und Tieren: Sie domestizieren in den neuen Regionen nicht etwa  die dortigen Arten, sondern bringen ihr einmal entwickeltes biologisches Arsenal mit." S. 68

# Auf die Koevolution von Mensch und Krankheitserregern bezieht sich auch der Artikel "Der unsichtbare Feind" von Ute Kehse (ab S. 72). Ute Kehse widerspricht sich in Ihrem Artikel allerdings selbst, wenn sie zunächst die Jäger und Sammler der Altsteinzeit als "vielfach große, muskulöse, oft gut genährte Menschen" (S. 75) beschreibt und später erwähnt, dass "die Bauern nicht länger abhängig vom Glück beim Jagen und Sammeln" (S. 80) waren, sondern für Notzeiten planen und Vorräte anlegen konnten. Diese pauschale Gegenüberstellung von Wildbeutern und neolithischen Bauern ist, meiner Meinung nach, nicht korrekt, da keine zeitliche und geographische Differenzierung vorgenommen wird. Stimmig ist allerdings die Feststellung, dass durch die neue Lebensweise, mit Tierzucht und Siedlungsentwicklung, eine neue ökologische Nische geschaffen wurde, die zu einer genetischen Weiterentwicklung des Menschen führte. Eine zunächst einseitige Ernährung hatte Mangelerscheinungen wie Skorbut zur Folge und durch die Domestikation von Tieren, mangelnde Hygiene und steigende Bevölkerungsdichte entstanden ideale Lebensbedingungen für neuartige Krankheitserreger. Doch trotz der Rückschläge setzte sich die bäuerliche Lebensweise durch und bildete damit den Ursprung für die menschliche Zivilisation.

"Forscher gehen davon aus, dass etliche übertragbare Leiden, die den Menschen heute noch bedrohen – darunter Pocken, Masern und Malaria -, erstmals vor etwa 10000 Jahren wüteten, zur Zeit der ersten Bauern." S. 75

"Krankheitskeime, so zeigen immer mehr Studien, konnten sich im Zuge der Neolithischen Revolution erstmals weitläufig ausbreiten und sich nach und nach auf den Homo sapiens spezialisieren." S. 75

"Sicher ist nur: Menschen und Nutztiere teilen heute viele Hundert Krankheitskeime, die eng miteinander verwandt sind." S. 77

"Einen Vorteil allerdings brachten die Seuchen mit sich. Je häufiger, je verheerender sie vor allem in den dicht besiedelten Gebieten Eurasiens wüteten, desto widerstandsfähiger wurden die Menschen." S. 81

"Zwar entwickelten sich auch die Keime weiter, rafften so immer wieder viele Kranke dahin, doch die Mehrheit überlebte irgendwann, wurde immun. Diese über die Jahrtausende gewachsene Anpassung an Viren, Bakterien und Parasiten bedeutete einen ungeheuren Vorteil gegenüber jenen Völkern, die mit den Erregern noch keinen Kontakt hatten. Wie entscheidend dieser Vorsprung war – wie sehr also Infektionskrankheiten die Entwicklungsgeschichte der Zivilisation prägten -, zeigte sich spätestens bei der Kolonisierung fremder in der Neuzeit." S. 81

"Und so lässt sich heute eine verheerende Bilanz ziehen: Kein Krieg, keine Naturkatastrophe hat im Laufe der Zeit mehr Menschen getötet als Infekte – als Pest, Typhus oder Cholera." S. 81

# Einen Bezug zur Ernährung hat Henning Engeln in seinem Artikel "Ton, Steine, Scherben" (ab Seite 47). Tongefäße ermöglichten das Kochen und das Aufbewahren von Nahrung. Sehr gut gefällt mir, wie Henning Engeln das Nebeneinander von Wildbeuter und Bauern beschreibt. Oft wird die Neolithische Revolution als plötzliches und einschneidendes Ereignis beschrieben, ohne die zeitlichen und regionalen Entwicklungen zu berücksichtigen.

"Ganz offenkundig hatten Wildbeuter schon weit vor der Neolithischen Revolution Töpferwaren genutzt." S. 50

"Das die Keramik das Leben der Menschen so dramatisch veränderte, lag jedoch vor allem an einer anderen Verwendung der Töpferware: dem Kochen. Die Keramiktöpfe leiteten die Wärme exzellent, und Nahrungsmittel darin mit Wasser zu erhitzen, brachte immense Vorteile. Die neue Technik erweiterte den Speiseplan deutlich und revolutionierte letztlich die Ernährungsgewohnheiten der Menschheit." S. 51

"In manchen Regionen Europas lebten Jäger und Sammler sogar gut 2000 Jahre lang Seite an Seite neben den Ackerbauern." S. 55

"Doch irgendwann setzten sich Ackerbau und Viehzucht durch. Dazu trug sicher bei, dass die Töpferwaren die neolithische  Lebensweise optimal ergänzten: Schließlich konnten die Bauern in den tönernen Gefäßen Überschüsse aus ihrer Ernte für Notzeiten aufbewahren – gut geschützt gegen Schädlinge." S. 55

# In den weiteren Artikeln des Heftes werden die genetisch-biologische Aspekte der Menschheitsentwicklung nicht weiter betrachtet. Interessant sind Erkenntnisse über einige Phänomene des zivilisatorisch-kulturellen Entwicklungsprozesses. Besonders ernüchternd ist die Feststellung, dass unsere Kultur wesentlich auf der Arbeit von Bürokraten basiert. Der Prähistoriker Prof. Dr. Hermann Parzinger äußert sich dazu in dem Interview "Wem verdanken wir die Zivilisation?" (ab S. 24).

"Aber irgendwie verdanken wir unsere Zivilisation den Bürokraten – jenen Menschen, die alles Wichtige notierten, auflisteten und protokollierten und die ersten Schriftsysteme dabei weiterentwickelten. Im Grunde macht also erst die Schrift eine wirkliche Hochkultur aus, es ist gewissermaßen der letzte, der entscheidende Schritt dahin." S. 26

# Diese Einschätzung wird von Martin Paetsch in seinem Artikel "Die Kraft der Symbole" (ab S. 94) bestätigt.

"Wer immer die Schrift erfand, war jedoch nicht an Geschichten und Literatur interessiert. Das Verfahren wurde vielmehr aus der Not geboren: Nahezu alle großen Zivilisationen ersannen oder übernahmen ein Schriftsystem, um ihren Fortbestand zu sichern. Denn nur so waren sie imstande, das Zusammenleben in immer größeren Gemeinschaften zu organisieren. […] Die auf Stein, Ton oder Papyrus fixierten Texte schufen Verbindlichkeit – und damit ein Fundament, auf dem Verwaltung, Wirtschaft, Justiz und Wissenschaft aufbauen konnten." S. 96

"Die Serie von Innovationen setzte mit der Neolithischen Revolution ab etwa 9000 v. Chr. ein. Überall standen die Bauern vor neuen Herausforderungen: Sie mussten Getreide messen, Vieh zählen und mit ihren Nachbarn Verträge schließen." S. 97

"Unter den frühen Dokumenten finden sich weder religiöse Texte noch historische Aufzeichnungen. Die meisten Tafeln, etwa 85 Prozent, beschäftigten sich mit Verwaltung oder Buchhaltung. Sie belegen die prosaische Herkunft der mesopotamischen Schrift: Jene großartige Erfindung, die den Lauf der Geschichte fundamental verändern, ist aus der Bürokratie geboren. Die verbleibenden 15 Prozent sind lexikalische Listen." S. 101

"Nahezu zeitgleich also begannen Menschen in Mesopotamien und Ägypten, einfache Schriftzeichen in Ton, Knochen oder Elfenbein zu ritzen. Am Anfang ähnelten sich ihre Botschaften: Beide Völker versahen Waren mit Etiketten, in die sie einige wenige bildhafte Symbole einkerbten. Ihre Schreiber verspürten offenbar den bürokratischen Wunsch, Dinge zu ordnen – seien es nun Handelsgüter oder Grabbeigaben." S. 106

# Eine weitere interessante Erkenntnis ist die Tatsache, dass die Entwicklung der Kultur einerseits zu einer Abgrenzung menschlicher Gruppen führte, andererseits die Vernetzung dieser Gruppen begünstigte. Dieses Phänomen beschreibt Rainer Harf in seinem Artikel "Die Wiege der Kultur" (ab S. 32). Allerdings sehe ich seine Aussage, dass die Ausbildung von Ritualen und Kulturgütern "aus biologischer Perspektive zunächst paradox anmutet: Da wendet ein Wesen viel Zeit, viel Kraft und Energie für einen Akt auf, der augenscheinlich nicht allein und direkt seinem Überleben dient." (S. 34) im Widerspruch zu seinen weiteren Ausführungen, da durch den kulturellen Zusammenschluss der Gruppe, durchaus ein biologischer Überlebensvorteil entsteht. Durch Vernetzung und Austausch von Gütern konnte dieser Vorteil weiter ausgebaut werden.

"Vor allem aber: Je mehr Mitglieder einer Gruppe die gleiche Weltvorstellung und damit gemeinsame Werte teilten, desto stärker war auch ihr Zusammenhalt, ihr Wille zur Kooperation." S. 37

"Und: Man muss imstande sein, sich mit anderen genau über diesen Unterschied auszutauschen. Nur dann entsteht Schmuck. Und damit ein Kulturgut. Etwas, das – ebenso wie der Glaube – zur Identität einer Gruppe beiträgt, zu einem Gefühl der Zusammengehörigkeit. Denn wer sich schmückt, tritt in Beziehung zu seinem Gegenüber, als Individuum ebenso wie als Gruppe. Man grenzt sich als Gemeinschaft von anderen Gemeinschaften ab." S. 38

"Zum anderen könnte einmal mehr eine stärkere Konkurrenz, ein Sichabgrenzen von anderen eine gewichtige Triebfeder der gesellschaftlichen Entfaltung gewesen sein." S. 44

"Forscher gehen davon aus, dass der moderne Mensch bereits in der jüngeren Altsteinzeit überregionale Kontakte pflegte (gleichsam von Gruppe zu Gruppe) – ja dass es im europäischen Raum Gemeinsamkeiten in der materiellen Kultur gab." S. 44

# Welchen evolutionären Vorteil die kulturelle Identifikation tatsächlich bietet, erläutert Ute Kehse in dem Artikel "Der erste Krieg" (ab S. 82). Nur durch gemeinsame Symbole, Werte- und  Glaubenssysteme können Menschen zu größeren Einheiten zusammengefasst werden, um dadurch eine Überlegenheit gegenüber Konkurrenten zu erlangen.

"Wann genau der erste Krieg in die Welt kam, weiß niemand. Doch sicher ist: Eine der ersten Schlachten tobte vor 5500 Jahren. Damals geriet die Handelsstadt Hamoukar im nördlichen Zweistromland unter Beschuss." S. 82

"Doch in Hamoukar führten Menschen Krieg, also eine organisierte Form des Kampfes in großem Stil." S. 82

"Diese Machtkonzentration sowie die Ausbildung einer Hierarchie und der wirtschaftliche Aufschwung machten es erst möglich, Kämpfer zu rekrutieren, zu bewaffnen und Feldzüge zu unternehmen." S. 83

"Mit Beginn der Bronzezeit in Europa vor rund 4200 Jahren nahm die Gewalt auch hier neue Formen an. Diese Epoche gilt unter Archäologen als jene Zeitspanne, in der Kriege erstmals eine zentrale Rolle spielten. Und in der es zu einem ersten Wettrüsten kam." S. 83

"Aus dem neuen Metall fertigen Handwerker Äxte, Speerspitzen und Dolche. Und Schwerter – die ersten Waffen, deren einziger Zweck darin bestand, Menschen zu töten." S. 83

# Bertram Weiß nennt in seinem Artikel "Uruk das Zentrum der Welt" (ab S. 85) die wichtigsten Innovationen, die zur Entstehung komplexer menschlicher Lebensräume erforderlich sind: Arbeitsteilung, Massenproduktion, Verwaltung, Schrift, Hierarchie, Versorgung, Wissen und Vernetzung. Diese Innovationen bringen eine Entwicklungsspirale in Gang, welche schon Cay Rademacher in seinem Artikel "Als der Mensch zum Bauern wird" (ab S. 59) erwähnt und als "autokatalytischen Prozess" bezeichnet hat.

"Ein Wachstumsprozess beginnt, der sich selbst immer weiter antreibt: Mehr Nahrung bedeutet, dass mehr Kinder groß gezogen werden können, mehr Kinder bedeuten mehr Arbeitskräfte; mehr Arbeitskräfte bedeuten eine höhere Produktivität." S. 87

"Erstmals in der Geschichte der Menschheit ist Arbeitsteilung allgegenwärtig – und es gibt Berufe." S. 90

"Was am Euphrat beginnt, breitet sich nach und nach über den gesamten Planeten aus. Überall macht sich Homo sapiens die Lebensform Großstadt zu eigen." S. 93

"Und in diesem Jahrtausenden offenbart sich die ganze Wucht eines grundlegenden Prinzips des Zusammenlebens: Je mehr soziale Kontakte die Menschen pflegen, desto größer ist der Wohlstand, den sie erzielen können. Desto schneller auch verändert sich die Gemeinschaft, folgt eine Innovation der nächsten." S. 93

# Die Geschichte einer weiteren Innovation, welche die menschliche Entwicklung entscheidend beeinflusst hat, beschreibt Ralf Berhorst in dem Artikel "Das Metall, das die Welt verändert" (ab S. 110). Die Herstellung und Verwendung von Bronze war so bedeutend, dass eine ganze Menschheitsepoche nach dieser Metalllegierung benannt wurde. Da Bronze aus Bestandteilen unterschiedlicher Herkunft, Kupfer und Zinn, hergestellt wurde, führten die logistischen Erfordernisse zu einer Veränderung der gesellschaftlichen Strukturen. Faszinierend finde ich, dass der europäische Fernhandel damals schon die Seidenstraße miteinbezogen hat. Die Gewinnung von Eisen beendete die Bronzezeit.

"Das begehrte Metall setzt eine Entwicklung in Gang, die die Gesellschaft so tiefgreifend umwälzt, wie zuvor nur die Einführung der Landwirtschaft." S. 112

"So entfesselt die Bronze vor mehr als 4000 Jahren eine unbekannte Mobilität und setzt eine frühe Form der Globalisierung in Gang. Das Geschäft mit dem Metall lässt einen Wirtschaftsraum entstehen, der sich über Tausende Kilometer erstreckt. Er reicht von den Britischen Inseln bis nach Mesopotamien, von der Ostseeküste bis nach Ägypten. Einer der Knotenpunkte in diesem ausgedehnten Handelsnetz ist Mitteldeutschland." S. 112

"Doch die Bronze verhilft nicht nur dem Fernhandel zu unbekannter Blüte, lässt nicht nur Unterschiede an Besitz und Bedeutung entstehen: Es kommt auch eine neue Form der Gewalt in die Welt. Denn der Werkstoff ermöglicht es, weitaus schlagkräftigere Waffen zu produzieren als jemals zuvor." S. 115

"Denn die Unterschiede in der bis dahin egalitären bäuerlichen Gesellschaft Europas zeichnen sich nun immer deutlicher ab." S. 117

"Mit Eselskarawanen bringen Händler das Zinn auf der Route der späteren Seidenstraße ins Zweistromland oder an die Küste der Levante, um es nach Anatolien und in die Ägäis zu verschiffen." S. 117

"So nährt der durch die Bronze angeschobene Handel auch den zivilen Fortschritt, erzwingt Regeln und allgemein akzeptierte Gepflogenheiten der Gastlichkeit. Und denkbar ist (wenn auch nicht zu belegen), dass Häuptlinge ebendiese Konventionen garantieren, ebendieser Aufgabe ihre hervorgehobene Stellung verdanken." S. 119

"Mit der härteren Bronze können die Experten den Dolch jedoch zu einer Waffe verlängern, die fortan die Kämpfe zwischen Menschen bestimmen wird – dem Schwert. Und zur Verteidigung gegen das neue Kampfgerät formen sie Metallbleche zu Rüstungen, fertigen Helme und Schilde." S. 120

"Da die Rohstoffe fast überall verfügbar sind, brauchen die Menschen für die Verarbeitung des Eisens keinen Fernhandel mehr und keine Absprachen, gewissermaßen keine Diplomatie. Es ist Segen und Fluch zugleich – denn aus Eisen werden die Menschen ganz neue Instrumente der Innovation wie der Zerstörung formen." S. 120

# Die Thematik der zivilisatorischen Entwicklung durch überregionale Vernetzung greift auch Alexandra Rigos in ihrem Beitrag "Der Weg der Erfindungen" (ab S. 122) auf. Alexandra Rigos räumt allerdings selbst ein, dass viele Aussagen auf Vermutungen und Spekulationen beruhen. "Ob sich das alles tatsächlich so abgespielt hat, ist freilich kaum zu beweisen." (S. 126)

"Offenbar folgten also schon die frühen Siedler überregionalen Trends, unterlag das Warengeschäft, so scheint es jedenfalls, gewissen Moden." S. 124

"Es waren Zentren, in denen nicht nur Waren gehandelt, sondern auch Neuerungen aus aller Welt erprobt, genutzt und verbessert wurden – in denen der Fortschritt der förmlich greifbar wurde. Denn auf den Routen der Händler zirkulierten neben den Rohstoffen und Gütern auch Erfindungen, Techniken und Ideen." S. 124

"Der rasche Wissenstransfer von einer Stadt zur nächsten sowie die rege Verständigung zwischen den verschiedenen Kulturen waren demnach die vermutlich wichtigsten Faktoren bei der Entwicklung der modernen Zivilisation." S. 124

"Wir halten die Globalisierung für ein modernes Phänomen und neigen dazu, die Beweglichkeit früherer Kulturen zu unterschätzen." S. 124

"Forscher fanden heraus, dass die Menschen der chinesischen Provinz Jiangxi bereits vor mehr als 20000 Jahren Tontöpfe herstellten, in denen sie vermutlich Fisch oder Fleisch zubereiteten. Gut möglich also, dass die Bauern im Nahen Osten die Töpferei gar nicht erfunden, sondern über viele Zwischenstationen aus dem Fernen Osten übernommen haben." S. 125

"Das sich Neuerungen wie Wagen und Alphabet, Töpferkunst und Ackerbau in Europa, Nordafrika und Asien derart schnell herumsprachen und von so vielen Kulturen übernommen werden konnten, ist freilich nicht zuletzt der Topographie zu verdanken: Zwischen Mitteleuropa und Ostasien gibt es keine unüberwindlichen natürlichen Barrieren. Innovationen konnten sich deshalb leicht ausbreiten. Zudem lagen entlang dieser Ost-West-Achse Regionen mit vergleichbarem Klima." S. 132

"Und so zeigt die Unterwerfung Amerikas durch die europäischen Eroberer, wie sehr die Menschen in der Alten Welt vom jahrtausendelangen Hin und Her der Ideen profitiert hatten – und wie nicht zuletzt der Mangel an kulturellem Austausch Gesellschaften in anderen Teilen der Erde ins Hintertreffen geraten ließen." S. 132

# Beeindruckt hat mich auch der Artikel "Die Insel des Vergessens" von Ute Eberle (ab S. 134). Die Geschichte der tasmanischen Urbevölkerung zeigt sehr eindringlich, dass Entwicklung nicht nur vorwärts gerichtet sein muss. Unter bestimmten Umständen können zivilisatorische Errungenschaften auch wieder verloren gehen. Die isoliert lebenden Tasmanier entwickelten sich zurück und gaben bereits vorhandenes Wissen und auch bestimmte Fähigkeiten wieder auf.

"Technisches Know-How wird am ehesten dort bewahrt oder weiterentwickelt, wo viele Menschen in verschiedenen Gruppen leben und sich untereinander austauschen können." S. 136

"Nicht weil ihre Zahl zu klein war, hätten die Tasmanier keine neuen Techniken entwickelt und teilweise alte sogar nicht bewahrt – sondern weil es ganz einfach nicht nötig war." S. 137

# Mathias Mesenhöller bringt in seinem Artikel "Das Prinzip Macht" (ab S. 138) wieder evolutionäre Aspekte ein und behauptet, dass ein natürliches Rangstreben beim Menschen biologisch vorhanden ist und auch steinzeitliche Jäger und Sammler niemals egalitäre Gemeinschaften gebildet haben. Allerdings ist die Entwicklung von Herrschaftssystemen auch nicht zwingend festgelegt. Mathias Mesenhöller teilt die Entwicklung hierarchischer Strukturen sehr anschaulich in 4 Phasen ein und legt dabei aber Wert auf die Feststellung, dass unter Forschern darüber kein Konsens herrscht.

# I. Der Urzustand S. 141 – Kooperation bei Jäger und Sammler Sippen. Aufmerksamkeitsstrukuren bei Gruppen können Statusunterschiede aufzeigen. Diese Statusunterschiede führen auch zu einem evolutionären Vorteil. Zahnuntersuchung haben gezeigt, das hoch angesehene Stammesmitglieder auch gesünder waren.

"Denn die Primatengattung Homo, zu der auch der Homo sapiens und seine Vorgänger gehören, ist zwar selbst im Vergleich mit nahen Verwandten, Schimpansen etwa, überaus gesellig und kooperativ – doch sie neigt wie andere Gemeinschaftstiere zugleich dazu zugleich dazu, soziale Rangunterschiede zu machen." S. 141

"Zwei Prinzipien, Aufmerksamkeit zu erzeugen, lassen sich unterscheiden: 'Positive Beziehungen' erwachsen aus Geselligkeit und Kooperation – durch Zuwendung, Teilen und Gunsterweise, großzügiges Lausen etwa. 'Negative Beziehungen' werden durch Aggression oder Drohgebärden erzeugt." S. 141

"Menschen verlangen also nach Geltung, immer schon. Dieses natürliche Rangstreben, davon gehen Forscher aus, teilten auch frühe Jäger-und-Sammler-Gruppen und akzeptieren zuweilen Anführer – etwa weil sie besonders stark, geschickt oder erfahren waren." S. 141

"Während des größten Teils seiner Entwicklungsgeschichte war der Mensch ein vergleichsweise schwaches, auf Zusammenhalt angewiesenes Wesen in einer gefährlichen Umwelt. Den Statuskampf zu vermeiden oder zu unterbinden, knappe Ressourcen zu teilen und sich gegenseitig einen fairen Anteil zu garantieren, sparte Kraft, senkte Risiken, erhöhte die Überlebenschancen." S. 141

"Der Befund bestätigt Beobachtungen, dass bereits minimale Unterschiede im Ansehen oder Rang erhebliche Konsequenzen für den Einzelnen haben können. Und dass oft selbst formal egalitäre Gemeinschaften kaum sichtbare, aber folgenreiche Ungleichheiten dulden. Anders als lange geglaubt, ist die strukturlose Gleichheit also wohl ebenso wenig ein 'Naturzustand' wie die Herrschaft von Häuptlingen oder Königen. Der urzeitliche Mensch lebte nicht in zwangloser Anarchie, weder als ungebremster Totschläger noch als egalitärer Paradiesbewohner." S. 142

# II. Vom Bauern zum Überschussverwalter S. 142 – Land- und Viehwirtschaft erfordert Kooperation, die Organisation gemeinsamer Unternehmungen und die Verwaltung von Überschüssen und Vorräten. Dafür werden Verwalter eingesetzt, die durch ihre Tätigkeit Einfluss und Autorität gewinnen.

"Die Indizien für soziale Ungerechtigkeit verdichten sich in der Zeit, als die Menschen im Vorderen Orient sesshaft wurden und Landwirtschaft betrieben." S. 142

"Indes blieb es bei der Autorität: Dem Verwalter wurde zugehört, seine Macht freiwillig freiwillig höher gewertet. Macht jedoch – also auf Zwang gegründete Befehlsgewalt – besaß er nicht." S. 142

# III. Vom Überschussverwalter zum Häuptling S. 143 – Die Zunahme der Bevölkerungsdichte erforderte auch die Entwicklung dauerhafter hierarchischer Strukturen. Häuptling wurden von der Gemeinschaft zur Ausübung von Macht authorisiert.

"Und am wichtigsten: der die nunmehr zum Amt gewordene Position vererbt. Zugleich privilegiert er seine Gefolgsleute, überträgt ihnen Aufgaben und legt damit den Keim zu einer Herrscherschicht. Nicht mehr persönlich erworbenes Ansehen bestimmt fortan den Rang des Einzelnen, sondern verliehener oder vererbter Status. Als entscheidender Faktor für diese Entwicklung gilt vielen Forschern der Krieg." S. 144

"Der wichtigste Faktor ist deshalb wohl das demographische Wachstum und damit verbunden technischer Fortschritt, Arbeitsteilung und Handel. Denn ab einer bestimmten Größe kommen Gesellschaften ohne ein gewisses Maß an delegierter Macht nicht mehr aus." S. 144

"Nachdem jedoch aus der neolithischen Wende erste Häuptlinge hervorgegangen waren, folgte erst einmal nichts. […] Über Tausende Jahre wechselten die meisten Gesellschaften zyklisch zwischen Egalität und stärkeren oder schwächeren Hierarchien. Offenkundig verwenden die Menschen erhebliche Energie sowie ihre kulturellen Fähigkeiten darauf, eine solche Evolution der Macht zu verhindern." S. 145

# IV. Vom Häuptling zum Herrscher S. 145 – Werden aufgrund bestimmter Umstände Machtstrukturen verfestigt, können sich dauerhafte Herrscherdynastien entwickeln. Am Beispiel Ägypten zeigt der Autor, wie durch die beengte geographische Lage am Nil ein sogenannter "sozialer Käfig" entstand. Die Macht der Herrscher wird meist auch durch religiöse Argumente, wie z.B. eine göttliche Abstammung, gerechtfertigt.

"In vielen Gegenden der Erde wehren prähistorische Gesellschaften die Machtansprüche Einzelner mithilfe von Bündnissen ab – zwischen Individuen gegen ein dominantes Hordenmitglied, zwischen Dörfern oder Städten gegen aggressive Häuptlinge." S. 146

"Damit entsteht ein 'sozialer Käfig', wie es der britische Soziologe Michael Mann nennt: eine Machtstruktur, aus der zu entrinnen sehr viel teurer wäre, als die Kosten der Herrschaft zu akzeptieren. Dieser Käfig ist nicht allein auf militärischer Gewalt gegründet, sondern zugleich auf wirtschaftlicher Macht, ideologischer Überzeugungskraft und politischer Organisation." S. 146

"Zugleich beginnt, so Mann, 'das größte Geschäft der politischen Geschichte, das Geschäft mit dem Schutz', eine Art Mafia-Prinzip …" S. 146

"So oder ähnlich hat sich die Evolution der Herrschaft vermutlich abgespielt – doch fast jeder Aspekt der Entstehung von Ungleichheit und Macht ist unter Forschern umstritten. Gesichert scheint jedoch, dass die Frühgeschichte der Herrschaft keine 'natürliche' Ordnung offenbart, keine Norm, keine zwangsläufigen evolutionären Prozesse, mit deren Hilfe sich in der heutigen Welt die eine oder andere Gesellschaftsordnung rechtfertigen ließe." S. 146

# Die Inhalte des vorliegenden Heftes zeigen, meiner Meinung nach, sehr deutlich, dass der Mensch sich durch die Entwicklung von Zivilisation und kulturellen Fähigkeiten nicht von der Natur getrennt hat. Die sogenannte "Kulturelle Evolution" hat den Menschen nicht von der natürlichen Entwicklung abgekoppelt und zu einem Sonderfall der Evolution gemacht. Die Beschäftigung mit den Mechanismen der Evolution zeigt, dass der Mensch mitnichten die "Krone der Schöpfung" ist, weil die Evolution an sich nicht zielgerichtet verläuft und Arten nicht nach absoluten Kriterien optimiert werden. Trotz aller menschlichen Errungenschaften, trotz Kultur, Technik oder Wissenschaft, die Menschheit treibt, gemeinsam mit allen anderen Spezies auf diesem Planeten, im Strom des Lebens einer ungewissen Zukunft entgegen.

"Everything alive today is just as evolved as every other organism, and nothing mirrors human history in its entirety. We all related, of course, and we can see how humans, or other primates, respond to different selection pressures in different environments, but no species has a premium on being best adapted to its surroundings. Relinquishing our paleofantasy also helps us feel more connected to other organims; just because our lives seem different from those of our paleo ancestors, or our great-ape relatives, does not mean we and they have not been subject to the same forces of evolution." Paleofantasy: What Evolution Really Tells Us about Sex, Diet, and How We Live; von Marlene Zuk; Norton & Company; 2013; S. 270
Siehe auch: Artgerechte Ernährung bei michaelditsch.de

GEOkompakt Nr. 37 - 12/2013 - Die Geburt der Zivilisation