Anātman (Sanskrit) - Anatta (Pali)

Nicht-Selbst

"Die Grundfrage lautet darum: Gibt es ein permanentes Prinzip in der menschlichen Person oder nicht? Bei einer möglichen Antwort sind die Buddhologen genauso gespalten wie die Buddhisten selbst, und die gesamte Geschichte der 18 Schulen des frühen Buddhismus ist ein Kommentar zu diesem ungelösten Problem. Die frühe buddhistische Philosophie zählte die Frage der Existenz oder Nicht-Existenz einer Seele (die dann auch wiedergeboren werden könnte oder nicht) zu den letztlich unentscheidbaren (avykrta) Problemen."  S. 17

"Analysiert man die frühbuddhistische Lehre, so sind es zwei Gedanken, die häufiger als jede andere Idee auftauchen: die Vorstellung vom Nicht-Selbst (anattā/anātman) und die Kritik an der Kastengesellschaft. Beide hängen miteinander zusammen: Nicht-Selbst bedeutet, die Einbildung einer Ich-Substanz, den damit verbundenen Stolz, die Gier sowie die Abgrenzung von anderen Erscheinungen (geistigen Kräften, Menschen usw.) zu überwinden, und diese Haltung spiegelt sich in der Ablehnung der Kastengesellschaft." S. 116

"Die gegenseitige Abhängigkeit aller Erscheinungen wahrzunehmen heißt, die Dinge zu sehen, wie sie wirklich sind, ohne Ego-Projektionen und Begehren, ohne die Welt der Objekte einem daraus isolierten Subjekt gegenüberzustellen. Was aber ist das Leiden, was ist seine Ursache? Der Buddha lehnt spekulative Fragen nach der ersten Ursache der Welt, auch nach dem metaphysischen Grunde des Bösen, als irrelevant ab. Er verweigert die Antwort, ob die Welt endlich oder unendlich sei, ob 'Seele' und Körper identisch oder verschieden seien, ob ein Buddha nach dem Tod existiert, weil jede mögliche Antwort nicht zur Praxis des Befreiungsweges beiträgt." S. 118

Einführung in den Buddhismus, Michael von Brück, Verlag der Weltreligionen, 2016

Buchtipp

In der europäischen Rezeption ist die Frage gestellt worden, ob der Buddhismus eine Wissenschaft, eine Philosophie, eine Religion oder eher ein praktisches Meditationssystem sei. Michael von Brück zeigt in seiner Einführung, daß der Buddhismus dies alles zugleich ist, und mehr: Er ist eine Wissenschaft von den psychischen Prozessen und Faktoren, die Wahrnehmung und Denken beeinflussen. Er ist eine Philosophie, die eine konsistente Erkenntnistheorie, Kosmologie und Anthropologie entwickelt hat. Er ist eine Religion, die durch ethische Anweisungen und kultische Praxis Werte für großflächige kulturelle Räume geschaffen hat. Er ist ein praktisches Meditationssystem, das durch unterschiedliche Methoden die bewußte Achtsamkeit im alltäglichen Leben, die Kontrolle der Emotionen und Gedanken sowie die Integration körperlicher und mentaler Vorgänge ermöglicht. Der Buddhismus ist aber vor allem ein spiritueller Weg, der alle Lebensbereiche erfassen, durchdringen und transformieren will. Er lehrt keine weltabgewandte Jenseitigkeit, sondern will mittels innerer Erfahrung und rationaler Argumente das Leben des Einzelnen wie die gesamte Gesellschaft positiv beeinflussen, mit dem Ziel des Mitgefühls und der Befreiung vom Leid. Nach einer Darstellung der Grundlagen des Buddhismus, seiner Voraussetzungen und Ziele sowie des Schriftenkanons erörtert von Brück detailliert die unterschiedlichen Schulrichtungen: Theravada und Mahayana, den Tantrismus (Tibetischen Buddhismus) ebenso wie den chinesisch-japanischen Zen-Buddhismus. Darüber hinaus beschreibt von Brück die Begegnung der östlichen und der westlichen Religionen, insbesondere den Dialog von Buddhismus und Christentum. © Bild und Text Verlag der Weltreligionen. Einführung in den Buddhismus, Michael von Brück, Verlag der Weltreligionen, 2007
 

Buchtipp

Die Frage nach dem "Selbst" und dem "Anderen" ist eine der zentralen Fragen der indischen Philosophie. Das vorliegende Buch untersucht mit der Entstehung der buddhistischen Philosophie um 500 v. Chr. einen der größten epochalen Umbrüche in der indischen philosophischen Tradition, der nicht zuletzt die Geburt einer neuen Weltreligion bedeutet. Der gedankliche Kern dieses Umbruchs, die Neupositionierung der Rolle des "Selbst", wird in vorliegendem Buch anhand der wichtigsten Passagen der Sanskrit- und Pâli-Originaltexte zu fassen und nachzuvollziehen versucht. In der Philosophie der Upanisaden (ab ca. 900 v. Chr.), die in der Tradition der alten vedischen Philosophie stehen, wird angenommen, daß jedem Menschen ein âtman, ein "Selbst" oder eine "Seele", zueigen ist. Dieses "Selbst" ist das Komplement zum allumfassenden "Anderen", dem brahman, und als solches changiert es zwischen Identität mit und Abgrenzung von diesem. In der Lehre Buddhas (um 500 v. Chr.) dagegen wird die Existenz des âtman verneint - Buddha spricht vom anâtman, vom "Nicht-Selbst". Das vorliegende Buch führt in die Problematik der Frage nach dem âtman ("Selbst") und seiner Verortung im "Anderen" im Kontext der indischen Philosophie der "Achsenzeit" (Jaspers) ein, indem es die Genese der Annahme eines âtman (Selbst) bzw. anâtman (Nicht-Selbst) nachzeichnet und dabei gleichzeitig in die Terminologie und Texte dieser philosophischen Traditionen einführt. Es ist daher auch gut als kompakte Einführungslektüre geeignet. Die Autorin Katrin Seele (geb. 1975), Studium der Philosophie (Schwerpunkt Indische Philosophie), Germanistik (Schwerpunkt neuere deutsche Literaturwissenschaft), Wirtschaftswissenschaften und Kunstgeschichte (Schwerpunkt Indische Kunstgeschichte) in Oldenburg (Nds.), New Delhi (Indien), Berlin und Düsseldorf. © Bild und Text Königshausen u. Neumann. Das bist Du! - Das "Selbst" (atman) und das "Andere" in der Philosophie der frühen Upanisaden und bei Buddha, Katrin Seele, Königshausen u. Neumann, 2006

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Es gibt wohl nirgends eine so vollständige und wohlgeordnete Aufbereitung aller Aussagen des Buddha über das Ichproblem. Sie zeigt, dass nichts als ein 'wahres Selbst', ein „unvergängliches Ich" oder eine 'ewige Seele' angesehen werden kann, weil alle Gebilde vergänglich und deshalb letztendlich leidvoll sind, dass aber der Mensch auch die Fähigkeit der inneren Loslösung besitzt, um dadurch die Befreiung von allem Leiden zu verwirklichen. Der Verfasser hat wirklich alle Aussagen des Buddha aus den überlieferten Texten des Pâlikanon herangezogen, die für das Ichproblem von Bedeutung sind, ohne diejenigen zu unterschlagen, die sich einem Verständnis nicht so leicht erschließen und scheinbar anderen Aussagen widersprechen. © Bild und Text Beyerlein u. Steinschulte. Das Nichtselbst - Buddhistische Lehre der Selbstüberwindung, Theodor Scheel, Beyerlein u. Steinschulte, 2004, www.buddhareden.de

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Obwohl bereits in der Antike erste Informationen über den Buddhismus in die westliche Welt vordrangen, begann eine ernsthafte philosophische Auseinandersetzung mit diesem im Westen erst in der Neuzeit. Das vom Indologen Hermann Oldenberg im Jahre 1881 herausgegebene Buch „Buddha. Sein Leben, Seine Lehre, Seine Gemeinde“ war es gewesen, das die moderne und auf die ältesten Quellen gestützte Buddhismusforschung begründete. Darin ging er auch auf einen bedeutenden Aspekt der Lehre Buddhas ein, der bis in die heutige Zeit hinein die Forschung beschäftigt: die Lehre des anatta (= Pali; Sanskrit: anatman). Ohne deren Kenntnis und Verständnis bleibt einem der richtige Zugang zur gesamten Buddha-Lehre verschlossen. In der vorliegenden Studie arbeitet der Autor das Wesen der frühbuddhistischen Lehre des Nicht-Selbst heraus und hinterfragt, ob ein unveränderliches Selbst nur bloße Illusion ist. Dies tut er auf Basis maßgeblicher Quellen zur Lehre des Buddha sowie einschlägiger Forschungsliteratur. Als eine wichtige Quelle dient ihm eine bis in die heutige Zeit hinein die buddhistische Forschung bestimmende Übersetzung: Das Werk „Die Reden des Buddha – Lehre, Verse, Erzählungen“ von Hermann Oldenberg. Diese Quelle und Text-Grundlage basiert auf dem Pali-Kanon des Theravada-Buddhismus, also dem Kanon von Texten, auf dem hauptsächlich unsere heutigen Kenntnisse des frühen Buddhismus fußen. Dabei ist zu beachten, dass es sich bei dieser Lehre um keine reine Philosophie oder Theorie handelt, sondern, wie die ganze Buddha zugeschriebene Lehre, um aufs praktische Leben ausgerichtete Überlegungen, die auf meditativen Erfahrungen beruhen. Zunächst widmet sich der Autor der Problematik der Überlieferung der Lehre Buddhas und der historischen Persönlichkeit Siddhartha Gautama, die hinter der Bezeichnung „Buddha“ steht. Anschließend setzt er sich mit der frühbuddhistischen Lehre des Nicht-Selbst auseinander und legt dar, worin die philosophische Bedeutung der Lehre liegen könnte. In diesem Kontext wird er auch auf neueste Erkenntnisse aus der Neuroplastizität, eine noch relativ junge Wissenschaft auf dem Gebiet der Neurowissenschaft, eingehen. Demnach ändert der bewusste Akt, über unsere Gedanken anders nachzudenken, genau jene Schaltkreise im Gehirn, die diese Gedanken hervorrufen. Dies kommt der (früh-)buddhistischen Einsicht nahe, dass sich ein Mensch per Meditation vom Leiden befreien kann, indem er sich von den Gedanken löst, die dieses Leiden verursachen. © Bild und Text Diplomica Verlag. Rolle und Bedeutung des 'Nicht-Selbst' im frühen Buddhismus, Charlie Rutz, Diplomica Verlag, 2010

Buchtipp

Kaum ein anderer indischer Philosoph hat größeren Einfluß und weitere Ausstrahlung erreicht als der buddhistische Mönch Nagarjuna (2.-3. Jhdt. n. Chr.). Sein Hauptwerk, die Mulamadhyamaka-Kariks, "die Lehrstrophen über die grundlegenden (Lehren) des Mittleren (Weges)", liegt hier erstmals in einer vollständigen deutschen Direktübersetzung aus dem Sanskrit vor. Das Werk ist ein Beispiel für eine erfreulich produktive Interdisziplinarität zwischen Indologie und Philosophie, indem es allen an Universalphilosophie Interessierten einen Einblick in ein nicht-abendländisches philosophisches System ermöglicht. Ausführliche philosophiegeschichtliche Einleitungen zu den einzelnen Kapiteln des Textes sowie Anmerkungen in der Übersetzung erleichtern das Verständnis und ermöglichen den Einstieg zu einer fundierten Auseinandersetzung mit indischer Philosophie. © Bild und Text Harrassowitz Verlag. Die Philosophie der Leere - Nagarjunas Mulamadhyamaka-Karikas - Übersetzung des buddhistischen Basistextes mit kommentierenden Einführungen; Beiträge zur Indologie, Band 28; Weber-Brosamer, Bernhard / Back, Dieter M; Harrassowitz Verlag; 2006