Apokryphen

Zeugnisse einer vielseitigen frühchristlichen Schrift und Glaubenstradition

Die buchstabengetreue Auslegung religiöser Texte kann für Entscheidungs- und Handlungsvorgaben zur Gestaltung der eigenen Lebensführung genutzt werden. Wird nun die historische Entstehungsgeschichte religiöser Schriften betrachtet, stellt sich die Frage, ob die heutigen aktuellen Schriften tatsächlich die Überzeugungen und Lehren der Religionsstifter wiedergeben. Viele religiöse Inhalte wurden zunächst mündlich überliefert und erst nach Jahrhunderten schriftlich niedergelegt. Die Ersteller der Schriftdokumente waren also keine direkten Zeugen der historischen Ereignisse. Die Schriften wurden häufig kopiert und übersetzt. Jede Übersetzung ist auch eine Interpretation durch den Übersetzer. Fehlinterpretationen, Übertragungs- und Übersetzungsfehler waren die Folge. War z.B. Maria eine Jungfrau oder war sie einfach nur eine junge Frau? Schließlich führten auch machtpolitische und dogmatische Auseinandersetzungen zum Ausschluss, oder sogar zur Vernichtung von Schriften, die den jeweiligen Interessen im Wege standen. Andere Texte wurden umgeschrieben, kommentiert, oder durch neue Inhalte ergänzt. In der christlichen Theologie werden religiöse Schriften, die nicht als Bestandteile der Bibel festgelegt wurden, als Apokryphen bezeichnet. Apokryphe frühchristliche Texte sind die Nag-Hammadi-Schriften, die nach ihrem Fundort im ägyptischen Nag Hammadi benannt wurden.

"Die gängige Ansicht von der einen, wahren, rechtgläubigen Kirche, welche die Lehre Jesu von Anfang an gegen häretische Gruppen bewahrte, ist eine nachträgliche Zurechtlegung oder -lesung historischer Tatsachen, die so erst möglich wurde, nachdem sich eine Gruppe, die man dann als Großkirche bezeichnen konnte, Ende des 2. Jahrhunderts gegen alle anderen durchgesetzt hatte. Realiter existieren im Christentum der ersten zwei Jahrhunderte verschiedenste Gruppierungen und Anschauungen bezüglich der wahren Lehre Christi, von denen eben noch keine die absolute Macht hatte, den anderen den Rang des Christseins abzusprechen. Die gnostischen Christen selbst sahen sich ja nicht als außerhalb der christlichen Tradition Stehende, zwar gab es eigene gnostische Zirkel und Gemeinden, aber ein Teil von ihnen lebte auch in den bestehenden kirchlichen Gemeinden, die nicht gnostisch ausgerichtet waren, mit. Die christlich-gnostischen Texte sind damit nicht nur eindrucksvolle Zeugnisse christlicher Literatur, sondern sie spiegeln ebenso die Breite der christlichen Tradition dieser frühen Zeit wider." Die verbotenen Evangelien - Apokryphe Schriften; Katharina Ceming, Jürgen Werlitz; Marix Verlag; 2013; S. 14

"Worin liegt nun der Unterschied der christlich-gnostischen Schriften zu denen, die uns im Neuen Testament entgegentreten? Die wesentliche Differenz besteht in der jeweiligen Beantwortung der Frage, wie das Heil des Menschen erlangt werden kann. Für die christlichen Gnostiker war nicht der Glaube das ausschlaggebende Instrument, sondern das Wissen. Zu diesem Wissen gehörte in erster Linie die Erkenntnis, was der Mensch in sich und an sich sei. Gefordert war Selbsterkenntnis. Die Aufgabe Christi in seinem irdischen Wirken bestand darin, diese Erkenntnis zu vermitteln und den Menschen zu ihr zu führen. Die Vorstellung der Rechtfertigung und Heilserlangung des Menschen durch den Glauben an Tod und Auferstehung Jesu teilte die Gnosis also nicht. Nicht durch Jesus, sondern durch wahre Selbsterkenntnis, die Jesus vermittelt, konnte das Heil erlangt werden. Durch Unwissenheit entfernte sich die menschliche Seele von ihrem Ursprung, Gott, und verstrickte sich immer mehr im Materiellen bis sie letztendlich in dieser Welt in einem körperlichen Leib geboren wurde. Diese irdische Welt ist wie alles Materielle nicht wahrhaft an sich seiend, sie ist nur Trug und Illusion, die es zu überwinden gilt, um wieder in die lichthafte Welt des Göttlichen aufzusteigen. Die Gnosis rang um eine sinnvolle Erklärung von Leid und menschlichem Leben mit all seinen Schwierigkeiten. Das Geworfensein in eine Welt von Schmerz und Unrecht wurde ihr zum Problem, das nicht durch die Antworten der sich langsam etablierenden Kirche zu befriedigen war.
Dass die Antworten der Gnosis eine nicht zu leugnende Nähe zu den östlichen Religionen aufweisen, wurde schon von verschiedenen Seiten gezeigt. Insbesondere die Betonung der Selbsterkenntnis, und damit einhergehend der Aspekt der Selbsterlösung, lassen die Parallelen deutlich werden. Unklar ist, ob es direkte Einflüsse des Ostens auf die Gnosis gab, denn historisch lassen sich diese nirgendwo bezeugen. Man muss aber festhalten, dass der Austausch zwischen dem Vorderen Orient, Kleinasien und Griechenland auf der einen Seite und Asien auf der anderen Seite auch ohne moderne Kommunikations- und Reisemittel weit ausgeprägter war, als wir uns dies heute vorstellen können. Dennoch scheint es, dass die Ähnlichkeiten der Antworten, die die Gnosis und die östlichen Weisheitslehren auf die Frage nach dem Sinn des menschlichen Daseins gaben und geben, eher in der Universalität des menschlichen Geistes begründet sind als in einer historischen Abhängigkeit." Die verbotenen Evangelien - Apokryphe Schriften; Katharina Ceming, Jürgen Werlitz; Marix Verlag; 2013; S. 15 - 16

"Dreizehn in Leder gebundene Bücher mit verbotenen Verkündigungen und geheimen frühchristlichen Texten kommen ans Tageslicht; sogenannte Apokryphen, Schriften also, die nicht in den neutestamentlichen Kanon aufgenommen werden durften: der vielstimmige Chor der Dissidenten. Am eindringlichsten klingt das Evangelium nach Thomas, eine Sammlung von 114 angeblichen Jesusworten; etliche davon sehr alt. Experten sind sich sicher, dass auch einige authentische Worte des historischen Jesus darunter sind.
Das Faszinierende an diesem unterdrückten Evangelium: Es ist von ganz eigenem Charakter, verblüffend anders als die offiziellen Schriften. Keine Legenden und Wundererzählungen finden sich darin, nur Jesusworte.
Die Ostergeschichte etwa, die Auferstehung, der zentrale Fixpunkt des christlichen Glaubens: spielt bei Thomas keine Rolle. Zu lesen sind stattdessen Sprüche, die an Koans erinnern, die verrätselten Sentezen des Zenbuddhismus. Der kürzeste umfasst nur zwei Worte: 'Werdet Vorübergehende.' Ein sanfter allgegenwärtiger Jesus tritt hier auf, einer, der sogar die Natur beseelt, der von sich sagt: 'Ich bin das Licht, das über allem ist. Ich bin das All. Spaltet ein Stück Holz – ich bin da. Hebt den Stein auf und ihr werdet mich dort finden.' Das Thomasevangelium lehrt: Ein Stück von Gott ist in uns allen, wir müssen es nur suchen und finden." Was die Bibel verschweigt - Der andere Jesus. Und die verborgenen Seiten des Christentums, GEO Nr. 04/2016, S. 58 – 59

"Und wer war dieser Thomas wirklich? In einigen Traditionslinien gilt er als Zwillingsbruder Jesu; doch 'über die Person, die wir Thomas nennen, wissen wir fast nichts', so Pagels. Er war wohl Begründer einer Gemeinde in Ostsyrien. Im heutigen Irak und Iran soll der der Apostel Thomas das Evangelium verkündet haben, dann sei er missionierend bis nach Südasien weitergezogen. Um das Jahr 72 sei er in Indien als Märtyrer gestorben.
Tatsache ist: In Chennai (Madras) steht noch heute die Basilika St. Thomas über dem angeblichen Grab des Apostels, und es gibt mehrere Thomas-Wallfahrtsstätten in Südindien. Fakt ist auch: Die christliche Kirche auf dem Subkontinent ist älter als die meisten in Europa. Elaine Pagels vertritt denn auch die These, es habe eine Linie des Christentums gegeben, die in ihrer Ausrichtung nicht zwischen Judentum und Islam lag, sondern stark von fernöstlichen Weisheitslehren beeinflusst war." Was die Bibel verschweigt - Der andere Jesus. Und die verborgenen Seiten des Christentums, GEO Nr. 04/2016, S. 61 - 62

Buchtipp

Das christliche Wissen vom Leben und Sterben Jesu gründet vornehmlich in den Darstellungen und Aussagen der Bücher des Neuen Testaments. Aber es gibt weit mehr Schriften aus der Frühzeit des Christentums, die von Jesu Leben, seinen Worten und Taten, von seinem Tod und seiner Auferstehung künden. Es handelt sich um Werke aus dem zweiten bis vierten Jahrhundert, die nicht in die Bibel aufgenommen, nicht für die Lesung in Gottesdiensten zugelassen und schließlich auch verboten wurden. Auch wenn die Apokryphen aus der großkirchlichen Tradition des Christentums hinausgedrängt wurden, sind sie beeindruckende Zeugnisse einer vielseitigen frühchristlichen Schrift und Glaubenstradition. Im vorliegenden Werk sind die wichtigsten dieser antiken Texte gesammelt, neu übersetzt und kommentiert. Für die Neuausgabe wurde die Sammlung um das Evangelium der Maria Magdalena und das Judasevangelium erweitert, die aktuell großes Interesse auf sich gezogen haben. © Bild und Text Marix Verlag. Die verbotenen Evangelien - Apokryphe Schriften; Katharina Ceming, Jürgen Werlitz; Marix Verlag; 2013

Buchtipp

Wie lautete die Botschaft von Jesus wirklich? Wie hätte sich das Christentum entwickeln können, wenn sich »die andere Seite« durchgesetzt hätte? Diesen Fragen geht Elaine Pagels in diesem so lehrreichen wie spannenden Buch nach. Unter den frühchristlichen Schriften, die 1945 in der Nähe der ägyptischen Stadt Nag Hammadi gefunden worden sind, war auch das Thomas-Evangelium. Dieses Evangelium ist den bekannten vier Evangelien sehr ähnlich und wahrscheinlich noch früher als sie entstanden. Die geheimen Jesusworte, die es überliefert, weisen aber in eine radikal andere, eine mystische, geradezu buddhistisch anmutende Richtung. Wie ist dieses Evangelium entstanden? Warum wurde es nicht ins Neue Testament aufgenommen? Und kann es für uns heute noch von Bedeutung sein? Elaine Pagels bietet nicht nur überraschende Einblicke in ein nahezu zwei Jahrtausende lang verschollenes Evangelium, ihr glänzend geschriebenes Buch ist auch ein sehr persönliches Plädoyer für ein Christentum, das sich auf seine ursprüngliche Weite und Vielfalt besinnt. © Bild und Text dtv. Das Geheimnis des fünften Evangeliums Warum die Bibel nur die halbe Wahrheit sagt, Elaine Pagels, dtv, 2006