Chan 禪 Chán

Dhyāna ध्यान - Chán 禪 - Zen 禅 - Meditation

Bei der Übertragung von Lehrinhalten in einen anderen Sprach- und Kulturkreis besteht immer die Gefahr, dass es zu Übersetzungsfehlern, Fehldeutungen und Missverständnissen kommt. Besonders von westlichen Anhängern des Taijiquan, des Qigong oder der TCM werden viele Aussagen unreflektiert übernommen und dann als "traditionell", "authentisch" oder "daoistisch" vermarktet oder weitergegeben. Auch die Verbreitung der Lehren des Siddhartha Gautama im ostasiatischen Raum zeigt deutlich, wie die eigentlichen Inhalte einer Lehre über Zeit und Raum sowie durch den Kontakt mit anderen Kulturen verändert und weiterentwickelt werden. Der Zen-Buddhismus ist über Japan in den Westen gelangt und hat, bedingt durch seine Verbindung mit den Kriegskünsten der Samurai, besonders in westlichen Managerkreisen großes Interesse geweckt. Die Ursprünge des japanischen Samurai-Zen liegen aber im chinesischen Chan-Buddhismus, welcher wiederum ein Produkt der Verschmelzung verschiedenster spirituell-religiöser Strömungen innerhalb Chinas ist.

"Doch der Buddhismus, der in der Späteren Han-Zeit nach China kam, hatte sich bereits vielfach gewandelt. Es waren Händler, die den Mahāyāna-Buddhismus nach China brachten: auf dem Seeweg über das heutige Sri Lanka, Vietnam und Guangzhou, wahrscheinlich auch auf einem Landweg über Burma, Yunnan und Sichuan, vor allem aber mit Kamelkarawanen aus dem Kushāna-Reich in Mittelasien über die Seidenstraße nach Nordchina. Die Religion, die schließlich Eingang im chinesischen Volk fand, hatte eine Geschichte von mehreren Jahrhunderten und eine Reise von mehreren tausend Kilometern durch viele Kulturräume hinter sich." Geschichte Chinas; Vogelsang, Kai; Reclam; 2012; S. 214

"Unbelastet von philosophischen Feinheiten, dürfte sich der Buddhismus zunächst als Volksglaube etabliert haben. Buddha wurde als ein Gott - schon das eine krasse Abwandlung der indischen Lehre - wie viele andere verehrt, der Gesundheit, langes Leben, Schutz vor bösen Geistern und Wohlergehen im Jenseits versprach. Damit stand der Buddhismus von Anbeginn in enger Beziehung zum religiösen Daoismus, …" Geschichte Chinas; Vogelsang, Kai; Reclam; 2012; S. 217

"Dabei lieferte wieder der Daoismus entscheidende Stichworte für die Anverwandlung der fremden Lehre. Wichtige Konzepte des Buddhismus wurden zunächst durch daoistische Begriffe wiedergegeben: so wurde der arhat zum zhenren, dem daoistischen Weisen, das nirvāṇa wurde zum wuwei, dem 'Nichttun', und natürlich wurde das dharma - die 'Lehre', d.h. die ewige Wahrheit des Buddha - zum Dao. Nur im Gewand der chinesischen Tradition konnte der Buddhismus Eingang in China finden." Geschichte Chinas; Vogelsang, Kai; Reclam; 2012; S. 217

"Die Nichtigkeit des Individuums, die Vergänglichkeit des Augenblicks, die Illusion allen Seins: das sind auch Grundgedanken des Buddhismus. Sie erreichten ihre volle Ausformung im Chan-Buddhismus (besser bekannt unter seinem japanischen Namen: Zen), der im 7. und 8. Jahrhundert zur einflussreichsten Schule aufstieg. Die Geschichte vom Chan-Patriarchen Bodhidharma (ca. 480-520), der schon im 6. Jahrhundert Kaiser Wu der Liang belehrte, diesen aber wieder verließ, ist eine Legende. Aber sie mag verdeutlichen, dass der Chan-Buddhismus stets vom Widerstand gegen die Verweltlichung der Religion und das buddhistische Establishment geprägt war. Die Erlösung, das hatte schon der ältere Buddhismus gelehrt, lag gerade in der Erkenntnis der Nichtigkeit der Welt. Der Chan-Buddhismus sucht diese Erleuchtung nicht im Studium von Sūtren, im gemeinsamen Gebet oder in der Verehrung von Statuen. Er sucht sie nicht im Tun, sondern im Nichtstun, nämlich in einsamer Meditation." Geschichte Chinas; Vogelsang, Kai; Reclam; 2012; S. 271

Der Ochs und sein Hirte

Die altchinesische Geschichte beschreibt die schrittweise Wandlung eines Schülers des Chan-Buddhismus auf seinem Weg zur Klarheit des Geistes.

"Hier sehen wir einen Hirten. Er sucht nach dem Ochsen (das meint jetzt, nach dem eigenen Herz und anfänglichen Wesen jedes Menschen) und kommt dabei in ein tiefes Gebirge. Als erstes entdeckt er die Spur des Ochsen, dann erblickt er ihn von hinten. Er fängt ihn, zähmt ihn und bringt ihn schließlich zu seinem Haus zurück. Dann vergißt der Hirte seinen Ochsen und auch sein eigenes Selbst. Wenn Alles vergessen ist, bricht er jäh in den Bereich der Selbstlosigkeit ein. Auf der letzten Stufe 'Das Hereinkommen auf den Markt mit offenen Händen' kehrt der Hirte wieder in die Welt zurück und lebt tätig auf der Straße inmitten des Menschengedränges, das heißt er läßt in und vor der Welt offenes Herzens durch sein Leben die Wahrheit des Buddha lebendig walten." Der Ochs und sein Hirte; Koichi Tsujimura (Übersetzer), Hartmut Buchner (Übersetzer); Klett-Cotta, 2013; S. 57

Zehn Ochsenbilder

1. Die Suche nach dem Ochsen
Gefahrvolle Sümpfe und endlose Wälder
durchstreift der Hirte und sucht seinen Ochsen.
Breit sind und ohne Namen die Flüsse am Pfade,
fast undurchdringlich das Dickicht der fernen Berge.
Völlig erschöpft ist er, verzweifelt ermattet sein Herz.
Wo denn sollte er suchen? Nur der Zikaden Zirpen
trifft im Dämmer des Abends sein Ohr.

2. Das Finden der Ochsenspur
Unzählig die Spuren des Ochsen, die er gesehen
am Ufer des Flusses und unter den Bäumen.
Sieht er dort drüben wohl auch das zertretene Gras?
Wie tief auch die Schluchten der ragenden Berge,
verbergen des Ochsen Nase können sie nicht
reicht sie doch fast bis zum weiten Himmel.

3. Das Finden des Ochsen
Hell ertönt der Nachtigallen Gesang.
Warm liegt die Sonn' auf den Blättern
der im Winde sich wiegenden Weiden.
Dort entdeckt er den Ochsen,
nichts mehr kann ihn verbergen.
Welch herrliches Haupt, welch stattliche Hörner!
Kein Maler könnt' es erreichen.

4. Das Fangen des Ochsen
Fest ergreift der Hirte das Leitseil des Ochsen.
Mit Mühe nur hält er ihn fest.
Sein Sinn ist noch immer zu heftig,
zu ungestüm seine Kraft.
Bald stürmt er hinauf ins Hochland,
bald strebt er nach Schluchten voll Nebel und Dunst,
um dort zu verweilen.

5. Das Zähmen des Ochsen
Straff muß er halten das Leitseil des Ochsen.
Nicht einen Augenblick darf er es lockern
noch geben ihm Raum.
Sonst liefe der Ochse zurück zum morastigen Grund.
Geduldig gezähmt jedoch wird er sauber und sanft,
und ohne Fessel und Seil folgt er willig dem Hirten.

6. Die Heimkehr auf dem Rücken des Ochsen
Auf dem Kopfe den Strohhut
und mit wehendem Umhang
so reitet er heim auf dem Rücken des Ochsen,
gelassen und heiter.
Weit in den fallenden Nebel des Abends
tönt der Klang seiner Flöte.
Takt für Takt und Vers für Vers
verrät die Stimmung des Hirten.
Wer immer ihn hört, weiß wie dem Hirten zumut' ist.

7. Der Ochs ist vergessen, der Hirte bleibt
Heimkehren konnte er nur auf dem Rücken des Ochsen.
Doch siehe, der Ochs ist verschwunden.
Allein sitzt der Hirte heiter und still.
Schon steht die glutrote Sonne am Himmel,
er aber träumt friedlich weiter.
Unter dem Strohdach liegen nun nutzlos
Leitseil und Peitsche.

8. Die Vollkommene Vergessenheit von Ochs und Hirte
Peitsche und Leitseil, Ochse und Hirt
sind spurlos verschwunden.
Weit, ja unendlich, der tiefblaue Himmel,
nicht mehr beschreibbar im Wort.
Kann denn der Schnee über loderndem Feuer bestehen?
Ist er dahin gelangt,
kann er dem Geist der alten Meister entsprechen.

9. Zum Ursprung zurückgekehrt
Zum Ursprung ist er nun zurückgekehrt,
zur Quelle, der er entsprang,
doch seine Schritte scheinen umsonst.
Wie blind ist er jetzt und taub.
In seiner Hütte sitzt er
und nach den Dingen da draußen verlanget ihn nicht.
Grenzenlos fließt der Fluß wie er fließt,
rot blüht die Blume wie sie blüht.

10. Das Betreten des Marktes mit offenen Händen
Mit entblößter Brust und nachten Füßen
kommt er zum Markte.
Über und über ist er mit Staub bedeckt,
das Gesicht mit Erde beschmiert,
seine Wangen überströmt ein mächtiges Lachen.
Ohne Geheimnis und Wunder
bringt er verdorrte Bäume jäh zum Erblühen.

© Bilder und Texte
Tuschzeichnungen: Tatsuhiko Yokoo
Text: der ochs und sein hirte, Übersetzung: Guido Joos
1988 Haus St. Benedikt, Benediktstraße Würzburg
Druck: Benedict Press, Münsterschwarzach

Buchtipp

Die Geschichte vom Ochsen und seinem Hirten stammt aus der Blütezeit des alten China. Von dort brachten sie buddhistische Mönche nach Japan; sie bildet bis heute eines der eindringlichsten Lehrstücke des Zen-Buddhismus. Die Geschichte ist hier zum ersten Male vollständig und unmittelbar aus dem altchinesischen Urtext ins Deutsche übertragen. © Bild und Text Klett-Cotta. Der Ochs und sein Hirte - Eine altchinesische Zen-Geschichte erläutert von Meister Daizohkutsu R. Ohsu mit japanischen Bildern aus dem 15. Jahrhundert; Koichi Tsujimura (Übersetzer), Hartmut Buchner (Übersetzer); Klett-Cotta, 2013


Buchtipp

Das Diamantsutra gehört zu den wichtigsten Weisheitstexten des Mahayana-Buddhismus. Thich Nhat Hanh erläutert in seinem Kommentar dessen zentralen Konzepte und verdeutlicht deren konkrete Bedeutung für unsere heutige Zeit. © Bild und Text edition steinrich. Das Diamantsutra - Der Diamant, der die Illusion durchschneidet; Thich Nhat Hanh; edition steinrich; 2011