Sài Wēng

Ein chinesisches Sprichwort

Chengyu 成 語 werden in China viergliedrige Sprichwörter oder Redewendungen genannt, die sich meist auf einen traditionellen Text beziehen. Eine bekannte Redewendung lautet: "Sài Wēng hat sein Pferd verloren, wer weiß ob das nicht Glück ist". Diese Redewendung bezieht sich auf die chinesische Geschichte "Der alte Mann und sein Pferd" oder auch anders genannt "Der alte Grenzmann, der sein Pferd verlor". Sài Wēng ist der Name des alten Mannes und bedeutet übersetzt "alter Mann von der Grenze" (Sài = Grenze, Wēng = alter Mann). Die Geschichte spielt wahrscheinlich zur Zeit der Streitenden Reiche (zwischen 475 v. Chr. und 221 v. Chr.) an der chinesischen Nordgrenze. Die Zeit der Streitenden Reiche war auch eine der Blütezeit der chinesischen Kultur und Philosophie.

Die Redensart hat ihren Ursprung in dem daoistischen Werk Huainanzi (Meister von Huainan). Im 18. Kapitel, genannt Renjianxun (In der Welt des Menschen), wird die Parabel des alten Mannes von der Grenze erzählt, um die Einstellung des Daoismus zum Wechselspiel von Glück und Unglück zu erläutern. Die Entstehung des Huainanzi wird auf ca. 180-122 v.Chr. datiert. In der Literatur und im World Wide Web erscheint die Parabel über Glück und Unglück mit verschiedenen Titeln und in verschiedenen Versionen.

Sài Wēng hat sein Pferd verloren, wer weiß ob das nicht Glück ist
SàiWēngshīānzhīfēi

Glück im Unglück – Unglück im Glück

Glück und Unglück erzeugen sich gegenseitig
und es ist schwierig ihren Wechsel vorauszusehen.
Ein rechtschaffener Mann lebte nahe der Grenze.
Ohne Grund entlief ihm (eines Tages) sein Pferd auf das Gebiet der Barbaren.
Alle (Leute) bedauerten ihn.
Sein Vater (aber) sprach (zu ihm):
"Wer weiß, ob das nicht Glück bringt?"
Mehrere Monate später
kam sein Pferd zurück mit einer Gruppe (guter, edler) Barbarenpferde.
Alle (Leute) beglückwünschten ihn.
Sein Vater (aber) sprach (zu ihm):
"Wer weiß, ob das nicht Unglück bringt?"
Ein reiches Haus hat gute Pferde
und der Sohn stieg mit Freuden auf (liebte das Reiten).
Dabei fiel er und brach sich ein Bein.
Alle (Leute) bedauerten ihn.
Sein Vater (aber) sprach (zu ihm):
"Wer weiß, ob das nicht Glück bringt?"
Ein Jahr später
fielen die Barbaren über die Grenze ein.
Die erwachsenen Männer bespannten ihre Bögen und zogen in den Kampf.
Neun von zehn Grenzbewohnern wurden dabei getötet,
mit Ausnahme des Sohnes wegen seines gebrochenen Beins.
Vater und Sohn waren geschützt (überlebten beide).
Daher: Unglück bewirkt Glück
und Glück bewirkt Unglück.
Dieses passiert ohne Ende
und niemand kann es abschätzen.
Quelle:  Wikipedia.

The Huainanzi - Chapter 18 Among Others

"As for the revolutions and mutual generation of calamity and good fortune, their alterations are difficult to perceive. At the near frontier, there was a [family of] skilled diviners whose horse suddenly became lost among the Hu [people]. Everyone consoled them. The father said, 'This will quickly turn to good fortune!' After several months, the horse returned with a fine Hu steed. Everyone congratulated them. The father said, 'This will quickly turn to calamity!' The household was [now] replete with good horses; the son loved to ride, [but] he fell and broke his leg. Everyone consoled them. The father said, 'This will quickly turn to good fortune!' After one year, the Hu people entered the frontier in force; the able and strong all strechted their bowstrings and fought. Among the peoplee of the near frontier, nine out of ten died. It was only because of lameness that father and son protected each other. Thus,
good fortune becoming calamity,
calamity becoming good fortune;
their transformations are limitless,
so profound they cannot be fathomed."

The Huainanzi; Liu, An; A Guide to the Theory and Practice of Government in Early Han China  - Translations from the Asian Classics; John S. Major (Translator); Sarah A. Queen (Translator); Columbia Univ Press; 2010; Kap. 18 Among Others, 18.7, S. 728-729

Der alte Mann und sein Pferd

Die folgende Geschichte trug sich angeblich im alten China zu, zur Zeit
von Laotse (6. Jahrhundert v.u.Z.).

In einem chinesischen Dorfe lebte ein alter Mann, der ein wunderschönes weißes Pferd besaß. Darum beneideten ihn selbst die Fürsten. Der Greis lebte in ärmlichen Verhältnissen, doch sein Pferd verkaufte er nicht, weil er es als Freund betrachtete.

Als das Pferd eines Morgens verschwunden war, erzählte man sich im ganzen Dorf: "Schon immer haben wir gewusst, dass dieses Pferd eines Tages gestohlen würde. Welch ein Unglück für diesen alten Mann!"

"Soweit dürft ihr nicht gehen" erwiderte der alte Mann. "Richtig ist, dass das Pferd nicht mehr in seinem Stall ist, alles andere ist Urteil. Niemand weiß, ob dies ein Unglück ist oder ein Segen"

Nach zwei Wochen kehrte der Schimmel, der nur in die Wildnis ausgebrochen war, mit einer Schar wilder Pferde zurück.

"Du hast recht gehabt, alter Mann", sprach das ganze Dorf, "es war ein Segen, kein Unglück!"

Darauf erwiderte der Greis: "Ihr geht wieder zu weit. Tatsache ist nur, dass das Pferd zurückgekehrt ist."

Der alte Mann hatte einen Sohn, der nun mit diesen Pferden zu arbeiten begann. Doch bereits nach einigen Tagen stürzte er von einem Pferd und brach sich beide Beine.

Im Dorf sprach man nun: "Alter Mann, du hattest recht, es war ein Unglück, denn dein einziger Sohn, der dich im Alter versorgen könnte, kann nun seine Beine nicht mehr gebrauchen."

Darauf antwortete der Mann: "Ihr geht wieder zu weit. Sagt doch einfach, dass sich mein Sohn die Beine gebrochen hat. Wer kann denn wissen, ob dies ein Unheil ist oder ein Segen?"

Bald darauf brach ein Krieg im Lande aus. Alle jungen Männer wurden in die Armee eingezogen. Einzig der Sohn des alten Mannes blieb daheim, weil er ein Krüppel war.

Die Bewohner des Dorfes meinten: "Der Unfall war ein Segen, du hattest recht."

Darauf entgegnete der alte Mann: "Warum seid ihr vom Urteilen so besessen? Richtig ist nur, dass eure Söhne ins Heer eingezogen wurden, mein Sohn jedoch nicht.  Ob dies ein Segen oder ein Unglück ist, wer weiß?"

Aus: Wie können wir leben? Religion und Spiritualität in einer Welt ohne Maß
Seite 24/25, Beck Verlag, 2009, Michael von Brück

Laozi - Daodejing - Kapitel 58

Die Unwägbarkeit und der Wechsel von Glück und Unglück wird im Kapitel 58 des Daodejing erwähnt (Kapitel 58 - Übertragung von Zensho W. Kopp):

Im Unglück verbirgt sich das Glück.
Im Glück verbirgt sich das Unglück.
Wer aber weiß schon, wie es endet?
Kann man es denn nicht ordnen?

Das gesamte Kapitel nach Hilmar Klaus:

其 政 悶 悶qí zhèng mèn mènWessen Regieren gedämpft
und unaufdringlich ist
其 民 淳 淳qí mín chún chúndessen Volk wird einfach
und aufrichtig
其 政 察 察qí zhèng chá cháwessen Regieren scharf
und streng ist
其 民 缺 缺qí mín quē quēdessen Volk wird hinterlistig
und heimtückisch
禍 尚 福 之 所 倚huò xī fú zhī suǒ yǐDas Unglück, ach:
des Glückes Unterlage
福 尚 禍 之 所 伏fú xī huò zhī suǒ fúdas Glück, ach,
des Unglücks Versteck
孰 知 其 極shú zhī qí jíWer wüsste um seine Grenzen
其 無 正qí wú zhènghätte man keine Richtschnur?
正 復 為 奇zhèng fù wěi qíWo Norm sich verkehrt,
bewirkt sie Chaos
善 復 為 妖shàn fù wéi yāowo Güte sich verkehrt,
bewirkt sie Unheilvolles
人 之 迷rén zhī mídes Menschen Verblendung
其 日 固 久qí rì gù jiǔsie wird täglich hartnäckiger
und dauerhafter
是 以 聖 人shì yǐ shèng rénDarum sind weise Menschen
方 而 不 割fāng ér bù gēfrei heraus, doch nicht verletzend
廉 而 不 劌lián ér bù guìspitzfindig, doch nicht stechend
直 而 不 肆zhí ér bù sìgezielt, doch nicht zügellos
光 而 不 燿guāng ér bù yàobrilliant, doch nicht blendend

Laozi - Daodejing - Kapitel 58
Das Tao der Weisheit, Hilmar Klaus, Mainz Verlag, 2008, S. 268

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