Wú Wéi - 無 爲 - Nicht Handeln

"Wuwei heißt, nicht eigenwillig in das natürlich 'von-selbst-so-Verlaufende' (ziran) einzugreifen und ihm zuwiderzuhandeln, sondern von dem 'Miteinander-so-Verlaufenden' auszugehen und ihm zu entsprechen. Wuwei heißt, sich der jeweiligen Situation gemäß zu 'verhalten', auf sie zu antworten und ihr gerecht zu werden. Dies ist verantwortliches Verhalten, 'kommunikatives Tun und Lassen', im daoistischen Sinn. Wuwei ist situationales Handeln. Wuwei bedeutet also meistens nicht Gelassenheit im Sinne des Unterlassens, sondern vielmehr im Sinne des selbstvergessenen Sich-Einlassens auf das jeweils Gegebene." Zhuangzi, Günter Wohlfart, Herder, 2002, S. 39

"Wuwei bedeutet ein Handeln ohne den Dualismus von Subjekt und Objekt, ohne ein Ego, das handelt. Wuwei ist ein absichtsloses, selbstvergessenes Handeln, das ganz selbstverständlich, wie 'von selbst' (ziran) der jeweiligen Situation entspricht." Zhuangzi, Günter Wohlfart, Herder, 2002, S. 98

"Die Vorgänge in der Natur sind, wenn sie nicht gestört werden, nicht aufzuhalten, sie laufen ganz von allein ab wie die Zeit - unabhängig vom Wollen und Wünschen der Menschen. Das Unterlassen einer Handlung bedeutet Geschehenlassen, Geschehenlassen heißt Einswerden mit der Natur. In diesem Sinne stehen 'Natürlichkeit' und 'Nichthandeln' nicht nur in irgendeinem Zusammenhang, sie sind identisch! Aus logischen Gründen ist es also gleichwertig, ob man sagt: 'Ich handle durch Nichthandeln' oder 'Ich handle im Einklang mit der Natur'. Synonym könnte man auch sagen: 'Ich handle entsprechend der Natur der Dinge' oder 'Ich handle, indem ich die Natur nachahme'. In jedem Fall ist diesen Formulierungen zu entnehmen, daß das berühmte 為 無 為 (wéi wú wéi) im Daodejing nicht einfach Nichtstun im Sinne von Faulenzen bedeutet - obwohl es dies durchaus bedeuten kann." Kalinke, Viktor: Nichtstun als Handlungsmaxime - Studien zu Laozi Daodejing, Bd. 3, Leipziger Literaturverlag, 2011, S. 132-133

Dào Dé Jīng - 道 德 經 - Kapitel 37

道 常 無 為 dào cháng wú wéi Dào - ewig ohne eingreifendes Handeln
而 無 不 為 ér wú bù wéi doch bleibt nichts ungetan
侯 王 若 能 守 之 hóu wáng ruò néng shǒu zhī Fürsten und Könige - wenn ihr fähig seid, Euch daran zu halten
萬 物 將 自 化 wàn wù jiāng zì huà alle Wesen werden sich künftig von selbst entwickeln
化 而 欲 作 huà ér yù zuò entwickelten sie sich, und begehrten doch einzugreifen
吾 將 鎮 之 以 無 名 之 樸 wú jiāng zhèn zhī yí wú míng zhī pū ich würde sie schützen mittels des Namenlosen Schlichtheit
無 名 之 樸 夫 亦 將 無 欲 wú míng zhī pū fū yì jiāng wú yù Des Namenlosen Schlichtheit, wahrlich, belässt sie wieder fortan ohne Begehren
不 欲 以 靜 bù yù yǐ jìng Ohne Begehren, daher in Harmonie
天 下 將 自 定 tiān xià jiāng zì dìng alle Welt wird künftig selbst-bestimmt

Laozi - Daodejing - Kapitel 37
Das Tao der Weisheit, Hilmar Klaus, Mainz Verlag, 2008, S. 166

Dào Dé Jīng - 道 德 經 - Kapitel 48

為 學 日 益 wéi xué rì yì Praktiziere das Lernen: tägliche Anhäufung
為 道 日 損 wéi dào rì sǔn praktiziere das Dào: tägliches Loslassen
損 之 又 損 sǔn zhī yòu sǔn Loslassen und wieder loslassen
以 至 於
無 為
yǐ zhì yú
wú wéi
so gelange zum
nicht-eingreifenden Handeln
無 為
而 無 不 為
wú wéi
ér wú bù wéi
nicht-eingreifendes Handeln
doch bleibt nichts unerledigt
取 天 下 常 以
無 事
qǔ tiān xià cháng yǐ
wú shì
Gewinne die Welt stets durch
Nicht-Geschäftigkeit
及 其 有 事 jí qí yǒu shì zu erlangen sie mittels Geschäftigkeit
不 足 以 取 天 下 bù zú yǐ qǔ tiān xià ist nicht genug zur Eroberung der Welt

Laozi - Daodejing - Kapitel 48
Das Tao der Weisheit, Hilmar Klaus, Mainz Verlag, 2008, S. 226

Zhuāngzǐ - 莊 子 - Kapitel 1

Unbekümmertes Wandern - 逍 遙 遊 - Xiāo Yáo Yóu

(1.5) "Nun hast du diesen großen Baum und sorgst dich wegen seiner Nutzlosigkeit (wu yong). Warum pflanzt du ihn nicht im Land 'ohne Warum' (wu he) in die offene Weite der Wildnis? Streife nichtstuend (wuwei) an seiner Seite umher und leg dich hin zu einem sorglosen (xiao yao) Schläfchen unter ihn. Er wird nicht durch die Axt jung sterben, kein Ding fügt ihm Schaden zu. Da er zu nichts nutze ist, wie könnte er da Not leiden?" Zhuangzi, Günter Wohlfart, Herder, 2002, S. 37

Zhuāngzǐ - 莊 子 - Kapitel 6

Der große Ahn und Meister - 大 宗 師 - Dà Zōng Shī

(6.3) "Der Weg (dao) hat Umstände (und einen Sachverhalt) und hat (zuverlässige) Zeichen, er ist ohne (Zu)Tun (wuwei) und ohne Form." Zhuangzi, Günter Wohlfart, Herder, 2002, S. 97

(6.6) "Sie (die Weisen, die auf dem Weg [dao] sind) wandern frei und sorglos (xiao yao) und gehen der Beschäftigung des Nichthandelns (Nichttuns) (wuwei) nach." Zhuangzi, Günter Wohlfart, Herder, 2002, S. 38

Zhuāngzǐ - 莊 子 - Kapitel 25

Der Sonnige - 則 陽 - Zé Yáng

Da er keinen Namen hat, tut er nichts;
da er nichts tut, bleibt nichts ungetan.
Die Jahreszeiten haben ihren Anfang und ihr Ende;
die Zeitalter haben ihre Wandlungen und Entwicklungen.
Unglück und Glück sind in ständigem Fluss;
wo sie sich einstellen, bringen sie hier etwas
Angenehmes, da etwas Unangenehmes.
Da jedes Einzel-Ich einen anderen Standpunkt bezieht,
gibt es das Rechte und das Falsche.

Zhuangzi - Das klassische Buch daoistischer Weisheit
Mair (Hrsg.), Schuhmacher (Übers.), 2008, Windpferd, S.304

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Buchtipp: Wie wir mehr erreichen, wenn wir weniger wollen

Hör auf, dich anzustrengen! Jeder kennt es: Je angestrengter wir versuchen einzuschlafen, desto wacher werden wir. Je verzweifelter wir nach einem Partner suchen, desto weniger fruchten unsere Bemühungen. Erst wenn wir nichts mehr erzwingen wollen, sondern gelassen und spontan an die Dinge herangehen, geschehen sie plötzlich wie von selbst. Der Sinologe und Kognitionswissenschaftler Edward Slingerland hat dieses Paradoxon untersucht und ist zu beeindruckenden Ergebnissen gelangt: Das Geheimnis von Erfolg, Glück und Gelassenheit liegt tatsächlich in einem ganz bestimmten mentalen Zustand der inneren Ruhe. Dieser hat viele Namen: Wo heute oft von Intuition oder Flow die Rede ist, spricht die taoistische Philosophie von Wu Wei – dem mühelosen oder absoluten Handeln. Fern von Mystik oder Esoterik erläutert Slingerland die ideengeschichtlichen Grundlagen dieses Konzepts, zeigt, warum diese Lebenseinstellung so erstrebenswert ist und wie man sie erlangt. Das Wu-Wei-Prinzip ist eine faszinierende Synthese aus fernöstlicher Philosophie und westlicher Wissenschaft – ein kluges und gelehrtes Buch, das den Weg weist in ein ausgeglicheneres, erfüllteres und zugleich entspannteres Leben. © Bild und Text Berlin Verlag. Wie wir mehr erreichen, wenn wir weniger wollen - Das Wu-Wei-Prinzip, Edward Slingerland, Berlin Verlag, 2014. Kommentar zum Buch bei michaelditsch.de

Die frühen chinesischen Denker im Überblick

Die folgende Tabelle gibt einen Überblick über die in diesem Buch behandelten Denker aus dem frühen China und ihre Strategien zum Erwerb von Wu wei und De.

Denker Schule Texte Strategie
Konfuzius und Xunzi
(Hsün-tzu)
Konfuzianismus Gespräche, das Xunzi 'Schnitzen und Polieren': Streng dich intensiv über lange Zeit hinweg an!
Laozi
(Laotse)
Daoismus Das Laozi oder Daodejing 'Unbehauner Klotz': Hör sofort auf, dich anzustrengen, und kehre heim!
Mengzi
(Menzius)
Konfuzianismus Das Mengzi 'Die Sprossen kultivieren': Streng dich an, aber erzwinge nichts!
Zhuangzi
(Tschuang-tse)
Daoismus Das Zhuangzi 'Loslassen': Versuch, Anstrengung und Nichtanstrengung zu vergessen; gib dich einfach dem Fluss hin!

Wie wir mehr erreichen, wenn wir weniger wollen - Das Wu-Wei-Prinzip, Edward Slingerland, Berlin Verlag, 2014, S. 281