Wú Wǒ - 無 我 - ohne Ich

今 者 吾 喪 我 - jīn zhě wú sàng wǒ - jetzt Person Ich verloren Selbst

"Wu sang wo , was man auch so übersetzen kann: 'Gerade eben habe ich mich selbst verloren'. Der Weise ist ohne Ego: wu wo .Dieser daoistische Weise, der das wu wo erreicht hat, ist nun nicht unbedingt ein Anachoret und Eremit, der mit angehaltenem Atem selbstvergessen in den Bergen sitzt. Vielmehr 'atmet er aus', er 'deszendiert', er macht sich auf den Weg nach unten, auf den Weg, der mitten durch die Alltäglichkeit, durch das alltägliche Tun bzw. Nicht-Tun führt. "
Der Philosophische Daoismus, Günter Wohlfart, 2001, S. 15

Zhuangzi 莊 子 - Kapitel 1

Xiao Yao You 逍 遥 游 Unbekümmertes Wandern

至 人 無 己zhì rén wú jǐder höchste (angekommene) Mensch
ist ohne ich (Selbst)
神 人 無 功shén rén wú gōngder spirituelle Mensch
hat keine Verdienste
聖 人 無 名shèng rén wú míngder weise Mensch
hat keinen Namen (Renommee)

"Der bekannte zeitgenössische chinesische Philosoph Feng Youlan hat betont, daß ohne Selbst zu sein die 'Essenz' von Zhuangzis Lehre sei."

"... bedeutet wu ji Ichlosigkeit im Sinne der Selbstvergessenheit. Dabei geht es eher um die Lösung vom Egozentrismus im Interesse eines Kosmozentrismus (vom Ich zur Alleinheit). Beim wu ji geht es um die Auflösung der Illusion des Ich, d.h. um die Ablösung von dem, was vom Selbst (ji) kommt und eingelöst ist in das, was von selbst (zi) kommt, also von selbst so bzw. von alleine (ziran) geschieht. Der Daoist ohne Ego, der zur Einsicht in die Nicht-ich-keit seines Ich gekommen ist, folgt nicht seinem Ich, sondern dem natürlichen, spontanen (ziran) Lauf (dao) der Dinge." Zhuangzi - Hrsg.: Wohlfart Günter, Übers.: Schuhmacher Stephan, 2003, S. 156

Zhuangzi 莊 子 - Kapitel 2

Qi Wu Lun 齊 物 論 Über die Gleichheit der Dinge

南郭子綦隱机而坐, 仰天而噓, 荅焉如喪其耦 顏成子游立侍乎前, 曰: 「何居乎?形固可使如槁木, 而心固可使如死灰乎? 今之隱机者, 非昔之隱机者也

Meister Buntgescheckt vom Südweiler saß auf seinen niedrigen Tisch gelehnt. Er sah auf zum Himmel und atmete langsam aus. Er schien entkörpert und seiner Seele beraubt (4). Herr Wanderer von Völliger Gemütsruhe, der ihm aufwartete, stand vor ihm und fragte: 'Wie ist das möglich? Kann man wirklich machen, daß der Körper wie verdorrtes Holz wird? Kann man den Geist (5) tatsächlich wie tote Asche (6) werden lassen? Derjenige, der jetzt an den Tisch gelehnt dasitzt, ist nicht derselbe, der sich vorher auf den Tisch gelehnt hat.'

子綦曰: 「偃, 不亦善乎, 而問之也! 今者吾喪我, 汝知之乎? 女聞人籟而未聞地籟, 女聞地籟而未聞天籟夫!

'Fürwahr', sagte Meister Buntgescheckt, 'das ist eine gute Frage, Yan. Gerade eben habe ich mich selbst verloren (7). Verstehst du das? Du magst die Flöten der Menschen gehört haben, aber nicht die Flöten der Erde. Du magst die Flöten der Erde gehört haben, aber nicht die Flöten des Himmels.'

Anmerkungen

(4) Gemeint ist der 'Ich-Begleiter', der beim Sitzen in Meditation 'ausgehaucht' wird bzw. verloren geht (sang).

(5) Chin. Xin. Das chin. xin bedeutet sowohl 'Herz' als auch 'Geist' ... Da Herz und Geist im Chinesischen eine Einheit bilden, sollte man zur Vermeidung einseitiger Mißverständnisse xin in Anlehnung an das im Englischen inzwischen häufig anzutreffende heart-mind am besten deutsch 'Herz-Geist' übersetzen, um durch diesen etwas holprigen Bindestrich-Begriff die Kluft zwischen Kopf-Geist und Herzens-Gefühlen zu überwinden.

(6) Daß der Körper wie verdorrtes Holz (gao mu) und der Herz-Geist wie kalte Asche (si hui) ist, ist eine bekannte Redewendung in der chin. Literatur und Philosophie. Sie beschreibt den 'trockenen' und 'kalten' Zustand des in tiefer Meditation Versunkenen.

(7) Chin. Wu sang wo. Chin. sang bedeutet sowohl 'verlieren' als auch 'sterben'. Möglich ist deshalb sowohl die geläufige Übersetzung: 'Gerade habe ich mein Ich (bzw. mein Selbst) verloren', als auch die Übersetzung: 'Gerade ist mein Ego gestorben'. ... Wu bedeutet hier das Ich (Selbst, Ego) als 'Subjekt', wo dasselbe als 'Objekt'. Derjenige, der in der Meditation seinen 'Ich-Begleiter' verloren hat, ist wie der höchste Mensch (zhi ren) ohne Ich (wu ji).

Deutscher Text und Anmerkungen aus: Zhuangzi - Hrsg.: Wohlfart Günter, Übers.: Schuhmacher Stephan, Reclam Verlag, 2003, Zitat S. 45. Anmerkungen S. 158. Chinesische Schriftzeichen aus: Chinese Text Project - Daoism.

Zhuangzi 莊 子 - Kapitel 3

Yang Sheng Zhu 养 生 主 Prinzipien der Pflege des Lebens

Ein weiteres Beispiel für wu wo 無 我 findet sich in der Geschichte "Der Koch" aus Yang Sheng Zhu 养 生 主 Prinzipien der Pflege des Lebens (Kapitel 3 des Zhuangzi). "Indem der Koch ganz selbstvergessen ohne Selbst (wu wo 無 我) auf die Sache und den ihr innewohnenden Geist eingelassen ist, findet das Messer selbst seinen Weg - einfach so. Es gilt, der 'Hand zu vertrauen'. Erst wenn ich mich vergessen habe (wu sang wo 吾 喪 我) und mein Herz-Geist fastet (xin zhai 心 齋), d.h. ganz leer ist, dann geht es gut."
Der Philosophische Daoismus, Günter Wohlfart, 2001, S. 119

Zhuangzi 莊 子 - Kapitel 6

Da Zong Shi 大 宗 師 Der große Ahn und Meister

庸 詎 知 吾 所 謂 吾 之 乎yōng jù zhī wú suǒ wèi wú zhī hūaber wie können wir wissen, ob das was wir ein "Ich" nennen, wirklich ein "Ich" ist?

"Vielleicht sollten wir besser sagen: 'Doch, es gibt das Ich, es gibt das Ich, es - das Denken - gibt das Ich.' Das Ich ist das Ergebnis des Denkens, nicht umgekehrt. ... In Kap. 6.7 heißt es im Zhuangzi: 'Ich tue dies', ,ich tue das', aber wie wissen wir, was dieses 'Ich' ist, über das wir sprechen?' Seien wir nicht zu leicht bei der Hand mit 'transzendentalen' Antworten zur Rettung unseres geliebten Ichs und seiner 'freien' Handlungen. Schließen wir nicht zu messerscharf, dass nicht sein kann, was nicht sein darf: der Tod des Ego."
Zhuangzi - Meister der Spiritualität, Wohlfart, 2002, S. 45

Buchtipp

Unser Denkweg nach Ostasien ist eine philosophische Einbahnstraße. In weiter Ferne scheint noch immer der Tag zu liegen, an dem es zu einem philosophischen Gedankenaustausch mit dem fernen Osten kommt, bei dem beide Seiten voneinander lernen. In den vorliegenden komparativen Studien wird der Versuch gemacht, den herrschenden Eurozentrismus und ideologischen Kolonialismus zu überwinden. Durch Untersuchungen zu Grundbegriffen im Daodejing (Taoteking) des Laozi (Lao-tse) wird in den philosophischen Daoismus eingeführt, der zu Zeiten der Spätmoderne auch im Westen zunehmend Beachtung findet. Text und Bild edition chora. Der Philosophische Daoismus, Günter Wohlfart, ISBN 3-934977-05-7, 2001, edition chora, verlag köln

Buchtipp

Neben Laozi ist Zhuangzi (Dschuangdse) der bedeutendste Denker des daoistischen China. Sein Werk ist Weltliteratur und hat dank seines Humors und seiner existentiellen Tiefe große Geister des Westens immer wieder neu fasziniert. Das Buch Zhuangzi zeigt einen spirituellen Meister, dessen lebenspraktische Inspiration und Weisheit bis heute wirken. Zhuangzi - Meister der Spiritualität, Günter Wohlfart, Herder spektrum, 2002, ISBN 3-451-05097-8

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