Yī Qì - 一 氣 - einheitliches Qi

"Qi der Einheit", "Es gibt nur ein Qi", "Einheit"

"Der wichtigste Grundsatz innerhalb des Konzeptes des ontologisch wirksamen Qi ist der Einheitsgedanke des Weltbeginns und damit auch der Einheitsgedanke des Qi, der innerhalb der  Schriften der bedeutendsten Philosophen stets betont wird, wie es auch im Daode Jing beschrieben wird ... Dieser Einheitsgedanke kommt auch im Buch Zhuangzi zum Tragen, das von einer Welt ausgeht, welche alle körperlichen Phänomene erfaßt und von einem Yin- und Yang-Dualismus spricht, welcher das einheitliche ursprüngliche Qi in allen seinen Möglichkeiten vollständig beinhaltet, und somit das gesamte Spektrum der Welt in seiner Vollständigkeit und in seiner Balance darstellt ..." Qi - Lebenskraftkonzepte in China, Kubny, 2002, Haug, S. 101

Zhuangzi 莊 子 - Kapitel 22

Zhī Běi Yóu - 知 北 遊 - Wissen wandert nach Norden

通 天 下 一 氣 耳 聖 人 故 貴 一
"Das, was [den Raum] unterhalb des Himmels durchdringt, ist ein 'einheitliches Qi' yiqi. Deshab wertschätzen die Weisen die Einheit."
Zhuangzi aus: Qi - Lebenskraftkonzepte in China, Kubny, 2002, Haug, S. 102

Qì 氣

"Qi (ch’i), jap. ki, ist eines der Urworte, das von den Anfängen der chinesischen Kultur bis in die Gegenwart die Mentalität und insbesondere die chinesischen Medizin entscheidend beeinflusste. Qi bedeutet zunächst einfach 'Gas, Dampf, Luft, Atem, Hauch', sowie im übertragenen Sinne: 'Lebenskraft', 'Lebensenergie', 'Lebensatem'. ... Die Etymologie des Zeichens qi ist sehr aufschlussreich. Der Radikal, zu dem später noch das Element 'Reis' hinzukam, baut auf drei parallelen Linien auf, die als Piktogramm für Wolken anzusehen sind. In China ist im Sommer häufig zu beobachten, dass die Luftfeuchtigkeit zu Wolken kondensiert, die am Himmel als dünne, parallele Dunstschichten erscheinen. Sie erinnern deutlich an die drei Striche eines alten Zeichens in den Orakelknocheninschriften aus dem 2. Jahrtausend v.u.Z. ... Qi spielt auch in der chinesischen Geomantik 'Feng Shui' (gesprochen: 'Feng Schwei'), wörtl.: 'Wind (und) Wasser', eine wichtige Rolle. In Analogie zu den Naturphänomenen 'Dunst', 'Wolken' - oder auch zum Dampf, der beim Kochen von Reis entsteht - und zur Kraft des Windes als dem Atem der Natur wurde der Äußeres und Inneres verbindende Atem des Menschen und die in ihm enthaltene Lebenskraft als qi bezeichnet. ... Die Verbindung von qi mit yin und yang taucht erstmals im Zhuangzi auf. (Kap. 17.1.) Dort heißt es: 'ich erhalte Lebensatem (qi) von yin und yang.' Yin und yang werden hier offenbar als Beweggründe des qi angesehen."
Zhuangzi - Meister der Spiritualität, Wohlfart, 2002, S. 79 - 80

"Es gibt in den chinesischen Schriften kaum ein Zeichen mit so vielen Variationen wie das Qi-Zeichen. Es existieren allein vier verschiedene Varianten des Qi-Zeichens und fünf Ableitungen. Es ist bemerkenswert, daß sich im Verlauf der Geschichte nur das Qi-Zeichen so vielfältig entfaltet und geändert hat, ein rätselhaftes und sehr interessantes Phänomen. So wie das Qi-Zeichen viele Variationen kennt, so bezeichnet der Qi-Begriff einen reichen Komplex von Bedeutungen und gehört zu den chinesischen Grundbegriffen oder Urworten, die man kaum mit nur einem westlichen Wort angemessen übersetzen kann, so daß es verschiedene Übersetzungen hierfür gibt. Im Abendland wurde Qi außerordentlich unterschiedlich und gewiß nicht immer zutreffen übersetzt, beispielsweise im Deutschen als Wirkungskraft, Lebenskraft, Luft, Dampf, Dunst, Kraft, Äther, Odem, Materie, Energie, Atem, Hauch. Diese Breite der angebotenen Übersetzungsvarianten spiegelt zwar auch die Bedeutungsbreite von Qi wider, sie verdeutlicht jedoch vor allem den großen Unterschied zwischen östlichem und westlichem Denken und die daraus resultierende Unvergleichlichkeit östlicher und westlicher Begriffe, die sich in völlig verschiedenen kulturellen Kontexten entwickelt haben. Es ist deshalb durchaus sinnvoll, wenn man auf die Übersetzung des Begriffes Qi im allgemeinen verzichtet und stattdessen die Umschreibung des chinesischen Wortes benutzt. Die Funktion oder Bedeutung des Qi-Zeichens und dessen Begriff im Altertum Chinas sind bis heute nicht zureichend behandelt und weithin unbekannt." Qi, ein religiöses Urwort in China, Choe Chong-Sok, Reihe: Saarbrücker theologische Forschungen - Band 5, 1995, Hrsg. Hasenhüttl / Ohlig, S. 14

Etymologie des Schriftzeichens Qi 氣

Schriftzeichen 氣 - Qi
mit den Komponenten 气
- qi - Luft, Dampf und - mǐ - Reis

Komponente 气 - qi - Luft, Dampf

Komponente- mǐ - Reis

"Die Etymologie des Zeichens Qi 氣 setzt sich aus 'Reis' 米 (mi) und 'Dampf' 气 (qi) zusammen. Es kann bildlich als Dunstbildung über Reisfeldern oder das Abdampfen von gekochtem Reis gedeutet werden. Daraus ließe sich der Begriff als eine das Leben nährende, materielle Substanz erklären. Qi ist jedoch auch ein ontologisches (das Sein betrachtende) Konzept, dessen wichtigster Grundsatz der Einheitsgedanke des Weltbeginns ist." Manfred Kubny: Das Qi der Natur, in: Hagia Chora 27/2007, S. 62

Qi - Schriftbildgruppen

qi 气 Urform

qi Komponente Feuer

qi 炁 Komponenten Atem, atmen und Feuer

qi 氣 Komponente Reis, Nahrung

  1. (a) Zunächst bezeichnet das Qi-Zeichen mit der Feuer-Komponente 気 in einem weiten bzw. umfassenden Sinne ein Rauch-Ritual der religiösen Gemeinschaft.
    (b) Weiterhin bezeichnete es in Verbindung mit dem Xing-Zeichen 行 eine vom einzelnen durchzuführene Atemübung.
  2. Das Qi-Zeichen aus Atem und mit der später aus den vier Punkten gebildeten Feuerkomponente 炁 entstand in späterer Zeit als eine Anleitung aus der obengenannten Bedeutung (b) im Kontext der daoistischen alchimistischen Praxis.  (S. 106)

Xing 行 xíng - gehen, tun, machen - "Normalerweise gehört Xing-qi 行気 zur Terminologie des Daoismus, und zwar bezeichnet dieser Begriff eine daoistische Methode zur Selbstvervollkommnung mittels einer gezielten Atemtechnik." (S. 101)

"Die bisherigen Untersuchungen belegen die Auffassung des Verfassers, daß der Ursprung des Zeichens Qi mit der Komponente Reis im Ritualgebrauch zu suchen ist. In der Folgezeit entfaltete dann das Qi-Zeichen diverse Bedeutungen synkretistischer Art. In diesem Zusammenhang erhebt sich folgende Frage: Warum setzte sich das Zeichen für Qi mit der Komponente 'Reis' als das typische Zeichen für Qi durch? Nachfolgendes könnte man zu Begründung anführen: Wenn man den beim Reiskochen entstehenden Dampf mit der Form von Wolken vergleicht, dann ergibt sich eine Assimilation der beiden Vorstellungen. Der nach oben steigende Dampf, wie er im Qi-Zeichen mit der Komponente 'Reis' dargestellt ist, diente ebenso zur Beschreibung der Opfergabe im Rahmen eines Himmelsrituals, vergleichbar dem nach oben steigenden Rauch für Qi mit der Komponente 'Feuer'. Der Reis, dem eine entsprechende Lebensenergie zugeschrieben wird, ist das wichtigste Getreide und Hauptnahrungsmittel in China. Auch im medizinischen Feld wird das Getreide-qi als Lebenskraft angesehen. Das Getreide-qi wird auch als Synonym für das Magen-qi gebraucht, welches schließlich in der Medizin als Quelle von Qi, als Ursprung der Lebensenergie betrachtet wird. Der Dampf kann als sichtbare Luft verstanden werden, die von Menschen eingeatmet wird und das Leben erhält. Die Luft wiederum wurde im chinesischen Altertum als das Ursprüngliche angesehen. Daher hat das Zeichen Qi mit der Komponente 'Reis' als Standardzeichen die übrigen Formen bis in die Gegenwart hinein überdauert. Denn bis heute wird dieses Qi-Zeichen als umfassender Begriff in den verschiedensten Bereichen gebraucht." (S. 121)

Quelle: Qi, ein religiöses Urwort in China - Von den Knocheninschriften bis zur heutigen Feng-shui-Praxis, Choe Chong-Sok, Reihe: Saarbrücker theologische Forschungen - Band 5, 1995, Hrsg. Hasenhüttl / Ohlig, S. 22

Buchtipp

Das vorliegende Buch bietet zum ersten Mal die Gelegenheit, sich in die traditionellen chinesischen Lehrmeinungen über Qi einzuarbeiten. Es erörtert sowohl die Herkunfts- und Entwicklungsgeschichte des chinesischen Konzeptes für Lebenskraft als auch die unterschiedlichen chinesischen Lehrmeinungen über die Beschaffenheit von Qi. Dabei werden alte chinesische Lehrmeinungen zitiert, die zum Teil noch niemals in eine westliche Sprache übersetzt worden sind. Der Leser erhält die Möglichkeit, sein Verständnis der oftmals komplexen Theorien zum Qi zu vertiefen, wobei auch die psychologischen und physiologischen Bedingungen erklärt werden. Text und Bild Haug Verlag. Qi - Lebenskraftkonzepte in China - Definition, Theorien und Grundlagen, Manfred Kubny, ISBN 3-8304-7105-X, 2002, Haug Verlag, Heidelberg

Buchtipp

Der Begriff Qi führt ins Zentrum der chinesischen Kultur. Schon in den Knocheninschriften (15. Jh. v. Chr.), in den klassischen Texten, in der späteren Tradition bis zur heutigen geomantischen Praxis ist Qi Symbol der Urkraft, die Himmel, Erde und Mensch, den Rhythmus von Yin und Yang, von Werden und Vergehen bestimmt. Eine Analyse von Urform und späteren Varianten des Schriftzeichens für Qi und seine Verwendung in Texten weisen die chinesische Religion als grundlegend monistisches Konzept aus. © Text und Bild Peter Lang Verlag. Qi, ein religiöses Urwort in China - Von den Knocheninschriften bis zur heutigen Feng-shui-Praxis, Choe Chong-Sok, Reihe: Saarbrücker theologische Forschungen - Band 5, 1995, Hrsg. Hasenhüttl / Ohlig

Mehr Informationen

Qi 氣 = Energie?

Auf die Frage "Was ist Qi 氣?" wird von vielen Taijiquan oder Qigong Praktizierenden als Antwort der Begriff "Energie" genannt. Allerdings stellt sich dann sofort die nächste Frage: Was ist Energie? In der modernen Wissenschaft und Technik ist Energie eine fundamentale physikalische Größe, die genau definiert ist und über mathematische Formeln berechnet werden kann (siehe Link unten). Wäre Qi 氣 also gleich Energie, dann müsste Qi 氣 auch exakt definiert und berechnet werden können. Dem ist aber nicht so, da der Begriff Qi 氣 und auch der unwissenschaftlich verwendete Energiebegriff zur Erklärung der verschiedensten Phänomene benutzt werden. In seiner umfangreichen Untersuchung "Qi - Lebenskraftkonzepte in China" steht auch Manfred Kubny einer physikalisch-materialistischen Auffassung von Qi 氣 sehr kritisch gegenüber und weist daraufhin, dass es sich bei Qi 氣 nicht um ein eindeutig definierbares Objekt handelt, sondern eher um ein umfassendes Konzept der chinesischen Kultur.

"Um bei einer Überprüfung anderer Wissensgebiete des chinesischen Kulturraums stichhaltige Erklärungen zu erhalten, wird ersichtlich, daß der Begriff Qi de facto zentraler Punkt aller möglichen chinesischen Konzepte ist, die sich innerhalb religiöser Vorstellungen, der Ahnenverehrung, der Philosophie, der Wahrsagerei, der Geomantik, der traditionellen Alchemie finden lassen. Es dient auch als Beschreibung der Ausdrucksmittel in Kunst, Musik und Literatur, und natürlich ist er ein fundamentales Theorem in jedem wie auch immer gearteten heilkundlichen System. In diesem Bedeutungsspektrum liegt daher die Hauptschwierigkeit dieses Begriffes, denn es ist unwahrscheinlich, daß sich eine derartige Bedeutungsvielfalt in einer direkten Übersetzung ausdrücken läßt, ohne daß dadurch vielleicht auch unbeabsichtigte Beugungen des Bedeutungsinhaltes entstehen, die durch die kulturelle Distanz und Andersartigkeit der Weltbilder zwischen der Ausgangssprache (hier das Chinesische) und der Zielsprache (dort die abendländischen Sprachen) bedingt sind." Qi - Lebenskraftkonzepte in China - Definition, Theorien und Grundlagen; Manfred Kubny; Haug Verlag; 2002; S. 6

Auch der Arzt und Fachbuchautor für chinesische Medizin Dr. med. Claus C. Schnorrenberger hält den Begriff "Energie" für eine eher unglückliche Übersetzung und wenig hilfreich für das Verständnis traditioneller chinesischer Konzepte.

"Die rigorose Gleichsetzung von Qi und 'Energie' geht zurück auf den französischen Geschäftsmann, Diplomaten und Romanschriftsteller Georges Soulie de Morant. Vielleicht hatte er den durchaus verständlichen Wunsch, die abendländische Aufspaltung der Welt in Materie und Bewusstsein, in Natur und Geist, oder was den Menschen betrifft, in Leib und Seele, die u.a. auf seinen berühmten Landsmann, den Philosophen Renè Descartes (1596–1650) zurückgeht, zu überwinden. Das aus Soulies Trick entstandene Energie-Konzept der Lebensprozesse, das heute in West und Ost weit verbreitet ist, läuft aber nicht nur der modernen Physik zuwider, es enthält auch eine philologisch falsche Wiedergabe, die gleichwohl bis heute in den Gehirnen vieler Akupunkteure herum spukt. Das hat die Methode u.a bei der medizinischen Wissenschaft in Verruf gebracht, weil es zu einer unsinnigen Interpretation der physiologischen Vorgänge im menschlichen Organismus geführt hat." In: Zu den Quellen der Chinesischen Medizin; Claus C. Schnorrenberger; Schweiz. Zschr. GanzheitsMedizin 17, 150–156 (2005) © Verlag für GanzheitsMedizin, Basel

Warum ist die Klärung der Begriffe so wichtig? Begriffe bestimmen wie wir "begreifen" und wie wir das "Begriffene" umsetzen. Unser Denken, unser Bewusstsein und unser Handeln wird durch die jeweils verwendeten Begriffe beeinflusst. Ein Beispiel ist die Verwendung der Maschinenmetapher für die Beschreibung des Menschen als komplexe Maschine. Wird z.B. das Herz als Pumpe, Muskeln als Motoren, das Gehirn als Computer oder das Skelett als Haltegerüst betrachtet, liegt auch die Ansicht nahe, dass der Mensch wie eine Maschine repariert und optimiert werden kann. Funktioniert ein Teil nicht mehr, wird es einfach ausgetauscht. Eine ganzheitliche systemorientierte Sichtweise, welche z.B. wirtschaftliche, sozio-psychologische oder kulturelle Umstände mit einbezieht, ist so nicht möglich. Ohne eine intensive Auseinandersetzung mit der historischen und kulturellen Entwicklung können daher Begriffe aus dem chinesischen Kultur- und Sprachraum nicht einfach in unser westliches Denksystem übertragen oder übersetzt werden.