Zhēn Rén - 真 人 - Wahrer Mensch

"Der originär daoistische Idealmensch dagegen hieß bezeichnenderweise der 'wahre Mensch' (zhenren). Damit war der der natürliche, ursprüngliche, unverbildete Mensch gemeint, an dem nichts 'gemacht' ist, eben weil er dem 'Nichttun' (wu wei) huldigt, dem unbewußten, nicht zielgerichteten Handeln. ... Der daoistische Idealmensch löst sich also nicht unbedingt aus der Gesellschaft, aber er empfindet sich ihr weniger eng verbunden als der Natur, nach deren Gesetzen er auf ebenso unpersönliche und ausbalancierte Weise handelt wie eben der Frühlingswind. Die späteren Teile des Zhuangzi haben diese Grundgedanken Zhuangzis, die hier mit den Begriffen Einheit, Relativität, Spontaneität und Ichaufgabe nur andeutungsweise umschrieben sind, mit geradezu überschäumender Phantasie und gelegentlich mit umwerfendem Humor weitergesponnen." Geschichte der chinesischen Philosophie, Wolfgang Bauer, Beck, 2006, S. 87-88

"Kap. 6 handelt, wie sein Titel sagt, von dem 'großen altehrwürdigen Meister'. In diesem Kapitel wird das Verhalten des 'wahren Menschen des Altertums', also des Daoisten im ursprünglichen Sinn beschrieben. In dieser Beschreibung findet sich ein interessanter Satz, der den so genannten 'philosophischen' mit dem 'religiösen' Daoismus verbindet und eine praktische Anweisung zur Vermeidung von Krankheit und zur Verlängerung des Lebens gibt. Wie schon bei der Erörterung der Begriffe xin, 'Herz-Geist', qi, 'Lebensatem', und shen, 'Leib-Ich', zeigt sich auch hier wieder die Betonung des Leibes als eines Teils der Natur im Daoismus, wohingegen im Konfuzianismus eher die Kultur sowie die geistig-intellektuelle Selbstkultivierung des Einzelnen als Teils der Gesellschaft im Zentrum steht. Der Satz lautet: 'Der wahre Mensch atmet ein (auf) von den Fersen her, die meisten Menschen atmen durch die Kehle'. Bemerkenswert scheint mir hier zu sein, dass der 'wahre Mensch', also derjenige, der sein 'Leben nährt', sehr tief einatmet bzw. aufatmet (xi)." Zhuangzi, Günter Wohlfahrt, Herder spektrum, 2002, S. 90

真 人 之 息 以 踵zhēn rén zhī xī yǐ zhǒngDer Wahre Mensch atmete
von den Fersen aufwärts
眾 人 之 息 以 喉zhòng rén zhī xī hóuwährend der gewöhnliche Mensch
nur aus dem oberen Brustkorb atmet

Zhuāngzǐ - 莊 子 Kapitel 6

Der große Ahn und Meister - 大 宗 師 - Dà Zōng Shī

"Wahres Wissen findet sich eben nur beim Wahren Menschen.
Was also ist ein Wahrer Mensch? Der Wahre Mensch des Altertums hatte nichts dagegen, zur Minderheit zu gehören; er strebte nicht nach heroischen Errungenschaften und zerbrach sich nicht den Kopf über Geschäfte. Darum hatte er nichts zu bereuen, wenn er einen Fehler machte, und bildete sich nichts darauf ein, wenn ihm etwas gelang. So konnte er die höchsten Höhen erklimmen, ohne zu zagen, ins Wasser eintauchen, ohne nass zu werden, und durchs Feuer gehen, ohne sich zu verbrennen. Nur wessen Wissen sich zur Höhe des WEGES aufschwingen kann, der kann so sein.

Der Wahre Mensch des Altertums träumte nicht während des Schlafes und machte sich im Wachen keine Sorgen. Seine Speisen waren nicht aufwendig gewürzt, und sein Atem ging tief. Der Wahre Mensch atmete von den Fersen aufwärts, während der gewöhnliche Mensch nur aus dem oberen Brustkorb atmet. Jenen Menschen, die nicht nachgeben wollen, bleiben die Worte im Halse stecken, so als müssten sie sich erbrechen. Wer tiefsitzende Begierden hat, dessen natürliche Reserven sind gewöhnlich seicht.

Der Wahre Mensch des Altertums kannte weder die Liebe zum Leben noch die Angst vor dem Tod; er freute sich nicht hervorzutreten, noch widersetzte er sich der Rückkehr. Beiläufig ging er dahin, beiläufig, beiläufig kam er wieder. Er vergaß nicht, was sein Ursprung war, und suchte nicht zu wissen, was sein Ende sein würde. Fröhlich nahm er an, und seiner selbst vergessend, kehrte er zurück. Das ist gemeint mit 'dem WEG nicht mittels des Verstandes schmälern, dem Himmel nicht mittels des Menschlichen aufhelfen'. Das ist es, was wir den Wahren Menschen nennen.

Darum hielt sein Geist nichts fest, sein Anlitz war unbewegt, und seine Stirn war von strahlender Offenheit. Herb wie der Herbst, mild wie der Frühling, harmonierten seine Freude und sein Ärger mit den Jahreszeiten. Er wusste allen Dingen zu entsprechen, aber niemand kannte seine Grenzen. ...

Der Wahre Mensch des Altertums stand da wie ein Turm, doch brach niemals zusammen, schien Mangel zu leiden und nahm doch nichts an. Von unnahbarer Selbständigkeit, war er doch nicht eigensinnig, er war völlig leer, doch stellte dies nicht zur Schau. Stets guter Dinge, schien er glücklich zu sein, spröde war er, als fühlte er sich genötigt. Durchdrungen von gewinnendem Charme, ausgestattet mit beeindruckender Tugend; ernst, als sei ihm an der Welt gelegen, un-verschämt, als sei er nicht zu bändigen. Zurückhaltend war er, als wollte er für sich bleiben, geistesabwesend, als hätte er das Reden vergessen. ...

Also waren seine Vorlieben auf das Eine reduziert und ebenso sein Abneigungen. Sein 'Eines' war eins, und sein 'Nicht-Eines' war ebenfalls eins. Im Einssein war er ein Gefährte des Himmels. Im Nichteinssein war er ein Gefährte der Menschen. Der, in dem das Himmlische und das Menschliche nicht übereinander triumphieren, den nennt man einen Wahren Menschen."

Zhuangzi; Mair, Schuhmacher; 2008; S. 92-94

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