De servo arbitrio

Dass der freie Wille nichts sei

Das Leben und Werk von Martin Luther wird heute von Theologen und Historikern kritisch diskutiert (z.B. Hans-Martin Barth s.u.).
An dieser Stelle soll nur auf die Schrift "De servo arbitrio" von Martin Luther eingegangen werden.

Im Jahre 1524 setzt sich der humanistische Gelehrte Erasmus von Rotterdam in seiner Schrift De libero arbitrio (Vom freien Willen) mit der theologischen These Luthers von der Unfreiheit des menschlichen Willensvermögens auseinander. Im Gegensatz zu Luther gesteht Erasmus dem Menschen einen freien Willen zu, mit dem er sich seinem Heil zu- oder abwenden kann.

Als Antwort auf Erasmus veröffentlicht Martin Luther ein Jahr später, Ende 1525, die Schrift "De servo arbitrio" (von Justus Jonas 1526 ins Deutsche übersetzt mit dem Titel "Das der freie Wille nichts sey"). In dieser Schrift geht Luther der Frage nach, "ob der Mensch die Entscheidung für das, was zum ewigen Heil führt, aus der Kraft seines natürlichen Willensvermögens, d.h. aus sich selbst, treffen kann, oder ob dies nur auf Grund bzw. mit Hilfe der Gnade Gottes möglich ist." Härle S. 24
"Luther selbst vertritt in 'De servo arbitrio' immer wieder und nachdrücklich die These von der Notwendigkeit alles Geschehens ... Gott ist in allem Geschehen als der Allmächtige am Werk. Es gibt keinen Bereich der Wirklichkeit, in dem Gott nicht wirksam wäre." Härle S. 27

"Alles, was wir tun, alles, was geschieht - auch dann, wenn es uns veränderlich und zufällig zu geschehen scheint - in Wirklichkeit notwendig und unveränderlich, wenn Du Gottes Willen betrachtest. Denn der Wille Gottes ist wirksam, er kann nicht gehindert werden, weil er Gottes natürliche Macht selbst ist."
Martin Luther, in Härle (Hrsg.) S. 253

Obwohl sich Luthers Argumention hauptsächlich auf die Frage der Entscheidungsfreiheit des Menschen hinsichtlich des ewigen Heils bezieht, ahnt er, dass der Wille Gottes letztlich alles durchwirkt "... dass dem Menschen ein freies Willensvermögen nicht im Blick auf auf eine ihm übergeordnete Sache, sondern nur im Blick auf eine ihm untergeordnete Sache zugestanden werde. Das heißt, dass er wisse, er habe im Blick auf sein Vermögen und seinen Besitz ein Recht, [Dinge] nach seinem freien Willensvermögen zu gebrauchen, zu tun, zu lassen. Obwohl selbst hier durch das freie Willensvermögen Gottes alles allein dahin gelenkt wird, wohin immer es ihm gefällt. Ansonsten hat der Mensch gegenüber Gott und in den Dingen, die sich auf Heil oder Verdammung beziehen, kein freies Willensvermögen."
Martin Luther, in Härle (Hrsg.) S. 297

"Das der freie Wille nichts sei" sieht Luther als Tröstung für den Menschen. "Denn mein Gewissen wäre, und wenn ich auch ewig lebte und wirkte, niemals gewiss und sicher, wie viel es tun muss, damit Gott Genüge getan wäre ... Aber weil jetzt Gott mein Heil meinem Willensvermögen entzogen und in seines aufgenommen und zugesagt hat, mich nicht durch mein Werk und mein Laufen, sondern durch seine Gnade und seine Barmherzigkeit zu retten, bin ich sicher und gewiss, dass er treu ist; er wird mich nicht belügen."
Martin Luther, in Härle (Hrsg.) S. 651

Luther begreift auch, dass die Allwirksamkeit und das Wirken Gottes für den Menschen unerforschlich bleibt. "Das bezieht sich auf die Geheimnisse seiner Majestät, wo seine Urteile unbegreiflich sind. Und es ist nicht an uns, dies zu erforschen ... Gott ist der, dessen Wille keine Ursache noch Grund hat, die ihm als Richtschnur und Maß vorgeschrieben würden. Ihm ist nichts gleich oder überlegen; vielmehr ist er eben die Richtschnur für alles."
Martin Luther, in Härle (Hrsg.) S. 471-473

Quellen

  • Martin Luther - Band I: Der Mensch vor Gott
    De servo arbitrio (Luther, 1525)
    S. 219-661, Latein/Deutsch, Übersetzung: Athina Lexutt
    Wilfried Härle (Hrsg.)
    Evangelische Verlagsanstalt; 1., Aufl. (27. Februar 2006)
    ISBN-10: 3374022391, ISBN-13: 978-3374022397
  • Vom freien Willen
    von Erasmus von Rotterdam (Autor), Otto Schumacher (Übersetzer)
    Vorwort von Gunther Wenz
    Vandenhoeck & Ruprecht; 7. Auflage (1. Oktober 1998)
    ISBN-10: 3525340079, ISBN-13: 978-3525340073

Buchtipp

Von den einen bewundert als allein seinem Gott verpflichteter Reformator, abgelehnt von anderen als rüpelhafte, dem Mittelalter zugehörende Gestalt – wie ist Martin Luther heute zu verstehen? Hat er uns noch etwas zu sagen?
Ein Forscherleben lang hat Hans-Martin Barth sich mit Luther beschäftigt. Hier nun lässt er sich auf eine kritische Auseinandersetzung mit dem Reformator ein. Am Anfang steht die Frage nach Antisemitismus, Intoleranz, Opportunismus oder gar Aberglaube bei Luther. Ausgehend von gegenwartsbezogenen Fragestellungen werden sodann die klassischen Themen der Theologie Luthers vorgestellt. Am Ende jedes Kapitels steht eine kritische Würdigung, die durch ökumenische und interreligiöse Wahrnehmung sowie aus der Sicht gegenwärtiger theologischer Diskussion gewonnen ist. Ohne sich mit historischen Nebensächlichkeiten aufzuhalten, arbeitet Barth die systematischen und existenziellen Pointen Lutherscher Theologie heraus. Er bilanziert, was an Theologie des Reformators unverzichtbar ist, was es zu verabschieden gilt und an welchen Punkten evangelische Theologie mit Luther über Luther hinausgehen muss.
Text und Bild Gütersloher Verlagshaus
Die Theologie Martin Luthers - Eine kritische Würdigung
Hans-Martin Barth, Gütersloher Verlagshaus

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