Emergenz

Von der Unvorhersagbarkeit zur Selbstorganisation

Etliche Erfolge der Wissenschaft in den letzten Jahrhunderten beruhten auf reduktionistisch-materialistischen Verfahren und Methoden. In den Biowissenschaften konnten mittels Analyse und empirisch kausaler Schlußfolgerung viele Lebensvorgänge durch einzelne chemisch-physikalische Bausteine und Gesetzmäßikeiten beschrieben werden. In der Evolutionstheorie z.B. wird die Entstehung und Veränderung der Arten als das Resultat von natürlicher Selektion erklärt. Allerdings gibt es Phänomene bei denen sich bestimmte Eigenschaften nicht aus der Summe ihrer Teile erklären lassen. So können Gehirnaktivitäten oder die Entstehung von Bewusstsein nicht aus der Wechselwirkung neuronaler Zellen abgeleitet werden. Immaterielle dualistische Entitäten sind allerdings nicht zur Deutung dieser Phänomene notwendig. Eine physikalistische Interpretation könnte z.B. die Emergenztheorie sein.

"Unter Emergenz versteht man, daß in einem weitgehend kausalen Ablauf durch das Zusammentreten von Bauteilen völlig neue, und zwar unvorhersehbar neue, nie dagewesene Eigenschaften zutage kommen. ... Das Vorliegen von Emergenz ist über den Nachweis zu führen, daß die neuen Qualitäten in den Konstituenten, in den Bauteilen, die das Neue zusammensetzen, auch in Spuren nicht vorkommen." (Riedl, in Huber, 2000, S. 11)

Buchtipp

Das Buch faßt in 18 Aufsätzen den aktuellen Wissensstand über das Phänomen der Emergenz, also dem Auftreten von qualitativ Neuem in allen Bereichen der Wissenschaft zusammen. Der Bogen spannt sich von den Naturwissenschaften (Physik, Chemie, Biologie) zu den Geistes- und Kulturwissenschaften. Text und Bild Facultas. Wie das Neue in die Welt kommt - Phasenübergänge in Natur und Kultur. Ludwig Huber, Facultas Universitätsverlag, 2000 ISBN: 9783851145496

Buchtipp

Es gibt ein naturwissenschaftliches Prinzip, das die Entwicklung der Welt vom Urknall bis hin zum Geist und zu den menschlichen Sozialordnungen durchgängig erklärt: Die Emergenz. Sie verbindet die materielle Welt mit der Welt des Geistes. Die Emergenz basiert auf der spontanen Selbstorganisation einfacher Elemente zu komplexen Systemen, die völlig neue Strukturen aufweisen, und deren kollektive Eigenschaften und Fähigkeiten ganz anders sind als die der Elemente. Die Strukturen, Eigenschaften und Fähigkeiten der Systeme lassen sich aus denen der Elemente in der Regel nicht berechnen. Die Emergenz ist in der Natur der Normalfall und nicht die Ausnahme, von den Elementarteilchen durch alle Ebenen der Welt bis hinauf in die Ebene des Geistes und der menschlichen Gesellschaft. Unsere Welt hat sich Schritt für Schritt aus emergenten Systemen entwickelt, vom Urknall bis in die Gegenwart, und entwickelt sich ständig weiter. Das Buch behandelt am Anfang die Konzepte und Begriffe der Emergenz. Anschließend ist die erste Hälfte dem Wirken der Emergenz in der unbelebten Natur gewidmet, von den fundamentalen Teilchen und Kräften, den Atomen und ihrem Aufbau, den Festkörpern, den kollektiven Quanteneffekten und den chaotischen Prozessen bis hin zu den Molekülen. Ein kleiner Ausflug in die selbstorganisierten Vorgänge des Weltalls darf natürlich nicht fehlen. In der zweite Hälfte wird das Wirken der Selbstorganisation in der Welt der Lebewesen beschrieben, von der Entstehung und Entwicklung des Lebens über Viren, Bakterien, Pflanzen und Tiere bis zum Menschen, seinem Geist und der menschlichen Gesellschaft. Diese Entwicklung hat nachweislich nicht auf der Basis des blinden Zufalls von Mutationen und der Selektion beim Kampf ums Dasein stattgefunden. Sie ist sehr viel stärker durch kooperative Prozesse der Selbstorganisation wie Symbiosen, Ko-Evolutionen und soziale Kooperationen bestimmt worden. Die Kraft der Selbstorganisation und der Erfolg der emergenten Systeme kommt aus der großen Anzahl und Vielfalt der Elemente, die symbiotisch zusammenwirken. Es ist höchste Zeit, diese Erkenntnis zum Allgemeingut zu machen und die ethischen und moralischen Regeln der menschlichen Gesellschaft danach neu auszurichten. "…ein sehr schöner, sehr verständlicher Text. Er entwickelt sich von Kapitel zu Kapitel bestens und geradezu spannend!" Prof. Dr. Josef H. Reichholf, Autor zahlreicher Bücher und Siegmund-Freud-Preisträger der Dt. Akad. f. Sprache und Dichtung. © Bild und Text tredition. Die Kraft der Naturgesetze - Emergenz und kollektive Fähigkeiten von den Elementarteilchen bis zur menschlichen Gesellschaft, Günter Dedié, tredition, 2014