Herakleitos - Ἡράκλειτος - Herákleitos

Man kann nicht zweimal in denselben Fluss steigen

Der Ausdruck panta rhei (griechisch πάντα ῥεῖ, Alles fließt) wird zwar Heraklit zugesprochen, stammt aber aus einer Aristoteles Kommentierung des Philosophen Simplikios: "Dieses Heraklit-'Zitat' bei Simplikios gilt im Allgemeinen als ein Konzentrat aus der Heraklit-Erwähnung, die sich zwischen den volksetymologischen und erfinderisch-wortexegetischen Untersuchungen von Platons Kratylos findet:
legei soi Hêrakleitos hoti PANTA CHÔREI KAI OUDEN MENEI kai potamou roêi apeikazôn ta onta legei hôs DIS ES TON AUTON POTAMON OUK AN EMBAIÊS
Heraklit sagt doch: 'alles fließt fort, nichts bleibt am Ort' und indem er das Seiende einem strömenden Flusse vergleicht, sagt er, daß 'man nicht zweimal in denselben Fluß steigen könne'." Zimmermann, 2007

Was von Heraklit überliefert wurde, sind ausschließlich Zitate späterer Autoren. Neuere Forschungen haben aber gezeigt, "... daß sich die verschiedenen Flußfragmente einem einzigen Ursprung verdanken. Der rekonstruierte Spruch dürfte in deutscher Übersetzung wohl gelautet haben: 'Denen, die in diesselben Flüsse steigen, strömen andere und wieder andere Wasserfluten zu'. Pleines, 2002, S. 80
Nach Pleines machte Heraklit darauf aufmerksam "... daß die Erfahrung lehre, daß selbst in der Wesensfrage Selbigkeit und Andersheit ebenso wie Fließendes und Beharrendes unauflöslich zusammengehören. Denn was wäre Sein ohne Werden? - eine unverkennbare, gestaltlose Masse ohne Struktur und Leben; und was wäre Werden ohne Sein? - eine unerkennbare Bewegung ohne Richtung und Zweck, eine Veränderung von nichts zu nichts. Dagegen sind Veränderung, Wechsel und Bewegung nur innerhalb eines Systems zu denken , das sich noch im Wandel zu sich selbst verhält". Pleines, 2002, S. 80

"Gehen wir von den Phänomenen aus, die Heraklit vor Augen sind. Da ist der Fluß, in dem alles im ständigen Wechsel dahinfließt. Aber es ist der gleiche Fluß. Auch der Fluß ist also am Ende ein Beispiel für die Einheit der Gegensätze, von der Heraklit in unzähligen Wendungen spricht ... eine Fülle von extremen Gegensätzen. Von allen behauptet er, sie seien Eines. Da schließt sich das Beispiel des Flusses bestens an, als die Einheit des Flußlaufes und die Ruhelosigkeit seines Fließens." Der Anfang des Wissens, Hans-Georg Gadamer, Reclam, 1999, S. 42

"Was Heraklit sagen will, ist offenbar, daß wir gegen unsere eigene Erfahrung, die eins vom anderen unterscheidet, eins dem anderen entgegensetzt, einsehen sollen, daß, was sich so verschieden darstellen mag, eine Art Identität im Gegensatz selber birgt. Heraklit blickt durch die Scheinbarkeit der Unterschiede und Gegensätze hindurch und entdeckt überall das Eine. ... sein Logos ist Einer. Er gewahrt ihn an so verschiedenen Phänomenen wie dem Fließen der Dinge, dem jähen Umschlagen von Feuer in Wasser und vom Schlaf zum Wachen und entdeckt in allem das gleiche Rätsel, in der Flamme, die sich verzehrt und erlischt, in der Bewegung, die von selbst anhebt und von selbst aufhört. Überall sieht er das Wunder des Lebens, das Rätsel des bei Bewußtseins Seins (des Wachseins) und das Geheimnis des Todes." Der Anfang des Wissens, Hans-Georg Gadamer, Reclam, 1999, S. 54

"Das eigentliche Rätsel des Seins ist nicht, wie sich im Wechsel des Geschehens die gleiche Ordnung des Ganzen erhält, sondern daß dieses Wechselsein selber statthat. Das hat Heraklit als das Eine in allen Gegensätzen erkannt, die Einheit des in Gegensätzen Gespannten." Der Anfang des Wissens, Hans-Georg Gadamer, Reclam, 1999, S. 84

Quellen

  • Platon, Sämtliche Werke Bd. 3, Ursula Wolf (Herausgeber), Verlag: rororo, Auflage: 36 (2010), ISBN: 978-3499555633
  • Hans Zimmermann, Quellen zum Thema "Schöpfung" und zum Weltbild der Antike und des Mittelalters, Heraklit, 2007
    www.12koerbe.de/pan/heraklit.htm
  • Hermann Diels (Hg.) "Die Fragmente der Vorsokratiker", Griechisch und Deutsch von Herman Diels. Herausgegeben von Walther Kranz. Band I: Mit Nachtrag von Walther Kranz. Unveränderte Neuaufl. Hildesheim 2004 (=Berlin 6. Aufl. 1951), Weidmann

Buchtipp

Die wenigen überlieferten Fragmente Heraklits (ca. 540 - ca. 480 v. Chr.) geben noch heute in vieler Hinsicht zu denken. Schon der Versuch, ihre oftmals paradoxen Formulierungen und polemischen Anspielungen im Zusammenhang zu verstehen, verlangt vom Leser Geduld und Phantasie. Ihre eigentümliche Sprachform und ihre Begrifflichkeit widerspricht in vielem unseren Erwartungen. Und doch läßt sich zeigen, daß sie uns sehr wohl entgegenkommen, wenn wir bereit sind, über die üblichen Erklärungsmuster des Verstandes hinauszugehen, ohne damit das Wissen dem Strudel wechselnder Meinungen zu überantworten oder es in eine absolute Einheit zurückzunehmen. © Text und Bild Olms. Heraklit - Anfängliches Philosophieren, Jürgen-Eckardt Pleines, Olms, 2001, ISBN: 978-3-487-11476-7

Buchtipp

Die griechische Philosophie, speziell die der Vorsokratiker, stand und steht im Zentrum von Hans-Georg Gadamers eigenem Philosophieren. Während in 'Der Anfang der Philosophie' vor allem ontologische und erkenntnistheoretische Probleme zur Sprache kommen, behandelt 'Der Anfang des Wissens' die naturphilosophischen Grundlagen, insbesondere im Werk des Heraklit. Aus der frühen Betrachtung der 'Physis' entwickelten sich im Lauf der Zeit die 'Naturwissenschaften' - ein faszinierender Prozeß. Hans-Georg Gadamer (1900 - 2002) lehrte Philosophie an den Universitäten Marburg, Leipzig, Frankfurt am Main und Heidelberg und war einer der angesehensten Philosophen deutscher Sprache im 20. Jahrhundert. © Text und Bild Reclam. Der Anfang des Wissens, Hans-Georg Gadamer, Reclam, 1999, ISBN: 978-3-15-009756-4

Buchtipp

Das Buch lädt ein zu einem unterhaltsamen Ausflug in die Gedankenwelt der Vorsokratiker, denn neben Heraklit begegnen wir auch Thales, Anaximander, Phytagoras, Demokrit und Empedokles. Es ist ein witziges, kluges und immer wieder überraschendes Puzzle philosophischer Äußerungen, illustriert mit zwanzig Bildern von M.C. Escher. © Text und Bild btb Verlag. Alles fließt, sagt Heraklit, Luciano De Crescenzo, btb Verlag, 1997, ISBN: 978-3442721658

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Die verborgene Harmonie ist besser als die offensichtliche.
Aus Zwietracht entsteht Eintracht, aus Missklang entsteht die Höchste Harmonie.
Erst durch dauernden Wechsel kommen die Dinge zur Ruhe.
Die Menschen sehen nicht, dass alles, was sich widerspricht,
Dadurch mit sich in Einklang kommt.
Es liegt Harmonie im Widerstreit, das zeigen Bogen und Leier.
Der Name des Bogens ist Leben, aber sein Werk ist Tod.

Heraklit, in "Die verborgene Harmonie", Osho, Innenwelt Verlag, 2003, S. 21