Bildung

Über Entbildung zu wahrer Bildung gelangen

"Meister Eckhart kennt neben 'Bildung' noch 'Überbildung' und 'Entbildung'. Bereits in seiner 'Rede der Underscheidunge' (zwischen 1294 und 1298) findet sich im Motiv der 'Gelassenheit' die Vorstellung, dass der Mensch von den äußeren Dingen lassen soll, um so über eine Entbildung zu wahrer Bildung zu gelangen: 'Jâ, und laezet der mensche sich selber, swaz er denne beheltet, ez sî rîchtuom oder êre oder swaz daz sî, sô hât er alliu dinc gelâzen.' 55 Das Resultat dieses Prozesses ist gleichsam der 'Mensch ohne Eigenschaften': Dâ ist der wille ganz und reht, dâ er âne alle eigenschaft ist und dâ er sîn selbes ûzgegangen ist und in den willen gotes gebildet und geformieret ist.' 56 Entscheidend ist aber schon hier, dass Eckhart in diesem Prozess auf die Vernunft setzt und von Offenbarungs- und Erleuchtungswissen absehen möchte: 'Dis ist vor allen dingen nôt: daz der mensche sîne vernunft wol und zemâle gote gewene und üebe, sô wirt im alle zît innen götlich. Der vernunft enist niht als eigen noch als gegenwertic noch als nâhe als got.' 58 "

55 DW V, S. 194/507 und Eckhart (1993b), S. 340/1: 'Läßt der Mensch aber von sich selbst ab, was er dann auch behält, sei´s Reichtum oder Ehre oder was immer, so hat er alles gelassen.'
56 DW V, S. 218/514 und Eckhart (1993b), S. 360/1: 'Dann ist der Wille vollkommen und recht, wenn er ohne jede Ich-Bindung ist und wo er sich seiner selbst entäußert hat und in den Willen Gottes hineingebildet und -geformt ist.'
58 DW V, S. 277/529 und Eckhart (1993b), S. 406/7: 'Dies ist vor allen Dingen nötig: daß der Mensch seine Vernunft recht und völlig an Gott gewöhne und übe; so wird es allzeit in seinem Innern göttlich. Der Vernunft ist nichts so eigen und so gegenwärtig und so nahe wie Gott.'

Witte, Egbert; Zur Geschichte der Bildung - Eine philosophische Kritik; Karl Alber Verlag; 2010; S. 31

"Eckhart beschreibt im 'buoch der geotlîchen troestunge' (nach 1314) den Aufstieg des oberen Seelenteils hin zum univoken Verhältnis als einen, in dem der Mensch alle kreatürlichen Gegenstände sein lässt und so zur 'Gelassenheit' gelangt. Diesen Prozess nennt Eckhart 'Entbildung':
Her umbe sol der mensche gar vlîzic sîn, daz er sich entbilde sîn selbes und aller crêatûren, noch vater wizze dan got aleine; sô enmac in niht leidic gemachen noch betrüeben, weder got noch crêatûre, noch geschaffenez noch ungeschaffenez, und allez sîn wesen, leben, bekennen, wizzen und minnen ist ûz gote und in gote und got. 75
Desgleichen beschreibt Eckhart diesen Prozess der Entbildung zugleich als einen der Bildung der Seele, da der Mensch doch nach Gott gebildet ist:
Bî dem willen des mannes meinet sant Johannes die hœhsten krefte der sêle, der natûre und ir werk ist unvermischet mit dem vleische, und stânt in der sêle lûterkeit, abegescheiden von zît und von stat und von allem dem, daz ze zît und stat kein zuoversiht hât oder smak, die mit nihte niht gemeine enhânt, in den der mensche nâch gote gebildet ist, in den der mensche gotes geslehte ist und gotes sippe. Und doch, wan sie got selben niht ensint und in der sêle und mit der sêle geschaffen sint, sô müezen sie ir selbes entbildet werden und in got aleine überbildet und in gote und ûz gote geborn werden, daz got aleine vater sî; wan alsô sint sie ouch gotes süne und gotes eingeborn sun. Wan alles des bin ich sun, daz mich nâch im und in sich glîche bildet und gebirt. 76
Festzuhalten bleibt: Gebildet und zugleich entbildet wird im Verhältnis zu Gott die menschliche Seele, genauer: der obere Seelenteil. Dieser ist Träger des Bildungsprozesses. Dieser Bildungsprozess findet sein Ziel in der Ineinsbildung dieser Seele mit dem Sohn Gottes, sogar bis hin zu Gott selbst, und zwar nach dem Modell der Univozität. Für Eckhart ist dieser Weg mit der ethischen Maxime der 'Gelassenheit' verbunden. Eckhart versucht diesen Bildungsprozess darüber hinaus philosophisch reflektiert, d.h. gerade nicht als eine ihn überkommende mystische Erfahrung darzulegen, und greift an den Grenzen der Diskursivität auf Denkmotive des Neuplatonismus und der 'Negativen Theologie' zurück. Für den Menschen bedeutet diese Möglichkeit der Bildung eine immense Aufwertung, ist er doch nicht mehr nur 'ad imaginem Dei' geschaffen, sondern er ist 'imago Dei', ist Bild Gottes selbst, in einem univoken Verhältnis."

75 DW V, V S. 12f./473 und Eckhart (1993b), S. 232-333, hier S. 240/1: 'Drum soll der Mensch sich sehr befleißigen, daß er sich seiner selbst und aller Kreaturen entbilde und keinen Vater kenne als Gott allein; dann kann ihn nichts in Leid versetzen oder betrüben, weder Gott noch die Kreatur, weder Geschaffenes noch Ungeschaffenes, und sein ganzes Sein, Leben, Erkennen, Wissen und Lieben ist aus Gott und in Gott und ist Gott selbst.'
76 DW V, S. 11/472f. und Eckhart (1993b), S. 232-333, hier S. 240/1: 'Unter dem »Willen des Mannes« versteht Sankt Johannes die höchsten Kräfte der Seele, deren Natur und Wirken unvermischt ist mit dem Fleisch und die in der Seele Lauterkeit stehen, von Zeit und Raum und von allem abgeschieden, was noch irgendein Absehen auf oder Geschmack hat nach Zeit und Raum, die mit nichts etwas gemein haben, in denen der Mensch nach Gott gebildet, in denen der Mensch von Gottes Geschlecht und Gottes Sippe ist. Und doch, da sie nicht Gott selbst sind und in der Seele und mit der Seele geschaffen sind, so müssen sie ihrer selbst entbildet und in Gott allein überbildet [der lat. Begriff hierfür wäre: »transformatur«] und in Gott und aus Gott geboren werden, auf daß Gott allein ihr Vater sei; denn so auch sind sie Söhne Gottes und Gottes eingeborener Sohn. Denn alles dessen bin ich Sohn, was mich nach sich und in sich als gleich bildet und gebiert.'

Witte, Egbert; Zur Geschichte der Bildung - Eine philosophische Kritik; Karl Alber Verlag; 2010; S. 39-41

Buchtipp

Die Arbeit bietet eine begriffsgeschichtliche Analyse, die auf die Provokation antwortet, Bildung sei historisch überholt oder empirisch unbrauchbar. Ausgehend von Ausprägungen des Bildungsverständnisses in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts werden im Hauptteil der Arbeit Wurzeln des deutschen Bildungsbegriffs herausgearbeitet, u. a. bei Meister Eckhart, Nikolaus von Kues,Wilhelm von Humboldt, Herder, Fichte oder Schiller. Vor allem Momente der Verinnerlichung und Vergeistigung charakterisieren das klassische Verständnis, das Bildung vor allem als Privileg des Bürgertums versteht. Gerade durch den deutschen Idealismus wurde Bildung mit dem Begriff eines starken, sich selbst organisierenden Subjekts verbunden. Demgegenüber betont Egbert Witte, dass sich Bildung gegen jeden »Verfügungsrationalismus« sperrt, und plädiert für eine veränderte Auffassung von Bildung, in der Momente von Versagung und Entzug, Unverfügbarkeit und Unzulänglichkeit konstitutiv sind. Auch wenn die Annahme einer Allmacht von Bildung somit als entzaubert gelten darf, ist auch die gegenteilige Annahme der Ohnmacht von Bildung nicht überzeugend. Vielmehr geht es darum zu zeigen, inwiefern Bildung - auch unter Rückgriff auf voridealistische Bildungsideen, etwa bei Meister Eckhart - im 21. Jahrhundert als allgemeines Gut zu begreifen ist und einen kritischen Stachel zu bewahren vermag. © Bild und Text Karl Alber Verlag. Witte, Egbert; Zur Geschichte der Bildung - Eine philosophische Kritik; Karl Alber Verlag; 2010

Etymologie

Bild Sn std. (8. Jh.), mhd. Bilde, ahd. Bilidi (obd. auch bilodi, biladi), as. bilidi. Die älteste Bedeutung ist 'Vorbild, Muster', erst später überwiegt 'Abbild'. Das Wort ist nur kontinentalgermanisch, spät-anord.

bilden Vsw std. (8. Jh.), mhd. bilden, ahd. bilidōn 'gestalten, Form geben', dann auch 'abbilden, nacheifern'. Abgeleitet von (ahd.) bilidi in seinen verschiedenen Bedeutungen (→ Bild). Die Wortsippe spielt dann in der Mystik eine große Rolle (vgl. etwa sicheinbilden) und liefert im 18. Jh. einen der zentralen pädagogischen Begriffe mit Bildung, gebildet usw. (womit zunächst die Formung der Jugend gemeint ist).

einbilden Vsw std. (12. Jh.), mhd. īnbilden. Aus der Mystik stammende Zusammensetzung von → ein Adv. und → bilden, wohl Lehnübersetzung von l. informāre. Die ursprüngliche Bedeutung bei den Mystikern ist 'etwas (in die Seele, die Seele in Gott) hineinprägen', später im kirchlichen Bereich 'einprägen' allgemein und seit dem 17. Jh. mit dem Reflexivum (sich einbilden) 'irrtümlich annehmen, wähnen'.

-ung Suffix std. (-), mhd. -unge, ahd. unga neben -ing-, das in den anderen Sprachen überwiegt (ae. -ing, anord. -ing). Heute ausschließlich zur Bildung von Verbalabstrakta gebraucht (bestrafen - Bestrafung), früher auch zur Bildung von Nomina (Stallung zu → Stall).

Sn std. = Substantiv (neutrum), std. = Standardwortschatz, mhd. = mittelhochdeutsch, ahd. = althochdeutsch, obd. = oberdeutsch, as. = altsächisch, spät-anord. = spät-altnordisch, Vsw = schwaches Verb, Adv. = Adverb, l. = lateinisch, ae. altenglisch

Quelle: Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache, Friedrich Kluge, 25. Auflage, De Gruyter, 2011

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